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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.02.2017

Kay Voges "Hell. Ein Augenblick""Verweile doch, Du bist so schön"

Von Alexander Kohlmann

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Der Regisseur Kay Voges guckt nach oben. (imago/Drama-berlin.de)
Der Regisseur Kay Voges (imago/Drama-berlin.de)

Notausgänge, Angst vor Dunkelheit und Gefahren für Epileptiker - vor der Aufführung "Hell - Ein Augenblick" in Dortmund gab es Hinweise wie im Flugzeug. Der Zuschauer wurden gleich auf einen besonderen Theaterabend vorbereitet. Was dann auf der Bühne in der neuen Arbeit des Dortmunder Intendanten Kay Voges passierte, hat Alexander Kohlmann verfolgt.

Es las sich alles so gut. Absolute Dunkelheit. Nur das Licht eines Blitzlichtes erhellt den Raum. Besondere Augenblicke werden auf der Bühne live fotografiert. 100 Fotos an einem Abend. Zum ersten Mal ein Live-Fotograf auf einer Bühne. "Verweile doch, Du bist so schön". Nach seiner zum Berliner Theatertreffen 2017 eingeladenen "Borderline Prozession", in der ein großer Teil der Faszination durch die Gleichzeitigkeit der Handlungen und die Übertragung per Video entsteht, hat sich der Dortmunder Intendant Kay Voges in seiner neuesten Arbeit "Hell. Ein Augenblick" ganz seiner Faszination für die Fotografie hingegeben, die er einst bei seinem Vater in der Dunkelkammer entwickelte, wie er vor der Aufführung verrät. Ganze vier Dramaturgen flankierten das Projekt, steuerten Texte von Nietzsche bis zu Thomas Mann, von Goethe bis Schopenhauer bei - und betrieben gemeinsam mit ihrem Chef einen Aufwand, der sich leider in keiner Form auf der Bühne einlöst.

Ziemlich schnell verdammt langweilig

Denn wir verfolgen in erster Linie Schauspieler, die sich in Kostümen fotografieren lassen - und das ist trotz der nur etwas mehr als anderthalb Stunden dauernden Performance ziemlich schnell verdammt langweilig. Zwei weiße Leinwände stehen rechts und links der Bühne. In der Mitte wartet ein Fotograf in einem offenen weißen Kasten im Halbdunkel. Der Ablauf ist fast durchgehend derselbe. Statuenhaft erscheinen die Spieler erst vor dem Kasten und treten dann hinein. Der SS-Mann mit dem Totenkopf-Emblem, die Nonne mit ihrem Kreuz oder das Liebespaar. Im Kasten werden Fotos gemacht, die dann, wenige Sekunden später, auf die weißen Leinwände übertragen werden. Aha, schon vorbei der Augenblick, denkt man, bevor der nächste Schauspieler den Kasten betritt. Die Frau im Krankenhaus-Kostüm zum Beispiel und ihrem Infusionsständer, mit dem sie wütend vor dem Auge des Fotografen einen Schrei des Lebens versucht, sich auf dem Boden rollt und ihr Dasein festzuhalten sucht.

Zwang zur Fotografie raubt den Spielern jedes Leben   

Dazu lesen andere Schauspieler an zwei Mikrofon-Ständern Texte, die irgendwie etwas mit Vergänglichkeit zu tun haben - und der Schönheit des Augenblicks. Je länger diese Aufstellung dauert, desto deutlicher wird, das Live-Fotografie und Theater zusammen nicht funktionieren, jedenfalls nicht, wenn wie hier die an ein Uhrwerk erinnernde Präzision des Ablaufs den Schauspielern jede Möglichkeit raubt, die Bühne zu erobern, auszubrechen, zu spielen. Stattdessen warten alle auf den einen inszenierten Augenblick. Die Bilder entstehen nicht aus einem wahnsinnigen, unvorhersehbaren Fluss der Ereignisse, sondern sind genau voraus geplant. Der Zwang zur Fotografie raubt den Spielern jedes Leben. Als ganz zum Schluss einmal eine einen Song singt und der Fotograf kurz Pause macht, merken wir, wie besonders das eigentlich immer wieder ist, ein Mensch, der live agiert, auf der Bühne. Eine Videokamera kann diesen Eindruck verstärken, ohne den Menschen an seinem Spiel zu behindern. Der Fotoapparat bewirkt in diesem Setting das genaue Gegenteil.                  

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