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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 13.06.2007

Kauf mich, kauf mich

Eine Stippvisite in Metzingen - der deutschen Hauptstadt des Fabrikverkaufs

Von Susanne Balthasar

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An Brückentagen und Wochenenden ist in Metzingen die Hölle los. Schon Kilometer vor dem Ortsschild geht gar nichts mehr: Stau. 50.000 Besucher rollen mit vibrierenden Auspuffen an, dann kommt in dem schwäbischen Dorf auf jeden Einwohner ein Tourist. Letztere kommen allerdings weniger wegen Maultaschen, Weinmuseum und Giebelhaus, sondern wegen der Zweckbauten, die überall wie riesige Schuhkartons inmitten der braven Bürgeridylle herumstehe. Das kleine Dorf im Schwäbischen ist die deutsche Hauptstadt des Fabrikverkaufs.

"Auf de schwäb’sche Eisebahne gibt’s gar viele Haltstatione …" Nein, Metzingen kommen da nicht drin vor. Jedenfalls nicht in der Fassung vom Tübinger Kommersbuch von Anno 1853, in der wir immer wieder gerne blättern.
Hier, sehen Sie?! "Schtuegart, Ulm und Biberach, Mekkebeure, Durlesbach!" Die werden rullala besunge, aber nicht Metzingen! Dies will uns nicht in den Kopf. Wohl aber auf die Zunge: M-e-t-z-i-n-g-e-n.

Nun gut, fahren mit der Ermstal-Bahn, die hält nämlich in Metzingen. Stündlich! Dies versichert uns jedenfalls eine 50-DM-Aktie der Erms-Neckar-Bahn. Schätzpreis 100 Euro! "Mit instruktiv gezeichneten Stadtansichten und Stadtwappen" von …? Von Urach über Dettingen nach Metzingen. Da, sieht doch schön aus oder?

Ja, ja, und im Regionalexpress 32010 von Reutlingen nach Stuttgart kann man sogar Französisch lernen. Sprachkurse für Berufspendler. Im Abteil. In der schwäbischen Eisenbahn. Und wo beginnt die neue Unterrichtslektion? Na? In Metzingen! In jenem Schwaben-Ort, vom dem schon der Gernhardt-Robert dichtete: "Dich will ich loben: Hässliches, / du hast so was Verlässliches." Ja, ja. Aber wozu erzähle ich ihnen das eigentlich alles? Ach, ja, der Reihe nach.

Die Bildung des passè composè und des futur composé haben wir zwar schon wieder vergessen, nicht aber dieses Straßenbild des schwäbischen Pietismus: Asphalt, Straßenschluchten, Parkhäuser, Automassen – Metzingen.

Betonklötze, Glaspaläste, Klinkerwürfel – immer noch Metzingen. Als hätte der liebe Gott eine Großstadt im Schwäbischen geparkt. Naja, Weltstadt.

Frau: "Jeder ist erstaunt, was hier für Bauten sind. Man spricht, ich sag jetzt mal in Anführungsstrichen, von 'Weltarchitektur'."

Auch so eine Metzinger Unterrichtslektion, wiewohl wir das Kichern nicht so recht zu deuten vermögen. Wir suchen also Rat beim obersten Metzinger Bürger, der – dies leuchtet uns ein - Hauswirth heißt.

"Die Metzinger Architektur ist so ambivalent wie die Stadt überhaupt. Vor uns die Ermshäuser …"

Ah, ja.

"… die wurden ausgezeichnet mit einem Preis des Wirtschaftministers und der Architektenkammer des Landes Baden-Württemberg."

Und die Hiesigen rieben sich verwundert die Augen.

Mann: "Da unte mit ihre Bunkerbauten, wo sie da gemacht händ, da sind die wahrscheinlich in der Normandie gewesen im 2.Weltkrieg, bei General Rommel, der hat auch so was gebaut, da is keine Ästehtik, da fehlt die Ästehtik."

Ja, ja, die traditionelle lokale Baukultur … irgendwie eine Begegnung der anderen Art.

Der Müller ist Zimmermann, die Müllerin Hausfrau. Müller Steffan trägt Schnauzer, Polohemd und goldumrandete Brille, Müllerin Steffan ein Bequem-T-Shirt und Jeans. Die Mühle schmückt innen eine Sofalandschaft vor Eichenschrankwand und der Schriftzug Hugo Boss. In der Mühlenwelt hat sich vieles verändert, verdammt viel, sogar der Ausblick. Unsere als Weltarchitektur gerühmte Klinkerwand des Fabrikverkaufs, oder auf Neudeutsch Factory-Outlet-Stores, reicht hoch bis zum Fenster der Steffan-Wohnstube im dritten Stock. Müller Steffan wundert sich noch immer.

"Wir sind mitte drin. Und mir sind mit in diesen Bebauungsplan für die Fabrikverkäufe mit nei gesetzt worden, ohne dass wir dafür explizit informiert worde wäre."

Vor sechs Jahren war es, da landete ein Raumschiff im Umkreis der Mühle. An Bord 50 Markenhersteller aus einem anderen, aber auch schwäbischen Universum. Der Blick auf die schwäbische Alb fiel nun auf Erhebungen wie "Escada". Außerirdisch pink beleuchtet. Und ins Schlafzimmer strahlt nicht mehr der gute alte Mond, sondern Marc O’Polo.

"Ich wohn auf der Insel, ich wohn auf de Insel im Outlet-City.""

Früher lagen sogar Inseln weitab der schwäbischen Zivilisation, früher.

"Und dann denkt man 'Jetzt isch eins fertig', kommt das nächste. So ging das mit dem Extra, dann Marc O’Polo, dann Pepe-Jeans."

Und und und … und hat kein Ende. In sechs Jahren besetzten die Eindringlinge 64.000 Quadratmeter. Ein Modetrabant, der auf dem Planeten Metzingen landete und die Mühlen-Insel umkreiste.

"Kauf mich, kauf mich!" ruft hier alles. Metzingen – ein käuflicher Ort. Und anders. Andere Orte heißen "Luftkurort" oder "Seebad", Metzingen hätte da anderes zu bieten, zeitgemäßeres.

"Holywood .. Holy, weil das der Investor ist, deshalb wäre es ganz einfach Holywood."

Das Projekt heißt "Metzingen – Mekka der Schnäppchenjäger" und der Herr Herr Bauer. Herr Bauer ist ein schicker Mann mit einem schicken Büro. Und Herr Bauer ist, deshalb sind wir bei ihm gelandet, Geschäftsführer der Holy-AG. Und die ist der Investor, hat schon den Kassenschlager "Metzingen – Hauptstadt der Geizhälse" bezahlt. Das wiederum war ein Meilenstein der Shopping-Geschichte … so hörten wir.

Bauer: ""Nichts liegt näher, als das Einkaufen in einer wirklichen Stadt stattfindet und eben nicht in irgendwelchen symbolisierten Dörfchen mit irgendwelchen Fassaden und dahinter Wellblechhallen."

Erste Randnotiz: Metzingen – seit Jahrhunderten Textilstadt. Zweite Randnotiz: Herrenbekleidungshersteller Hugo Boss im Ort gegründet, eröffnete bald ersten Fabrikverkauf. Dritte Randnotiz: Andere zogen nach. Schlussfolgerung, dick unterstrichen: Auftritt der Gebrüder Holy. Anfang der 90er verkaufen sie Hugo Boss und gründen die Immobilienprojektentwicklungsfirma Holy AG. Ja, so beginnen Erfolgsgeschichten heutzutage und hierzulande, hier die vom Ausbau eines schwäbischen Örtchens zum Shopping-Paradies. Unwillige Metzinger, die nicht im Paradies leben wollten, begehrten auf. Sie hingen und hängen noch alten Werten wie Ruhe und Beschaulichkeit an, aber die sind nun auch im Paradies nicht mehr so gefragt.

Bauer: "Vor knapp zehn Jahren wurde mir erzählt, dass man in Metzingen eigentlich keine Stühle oder Tische vor eine Wirtschaft auf den Marktplatz stellen kann, weil sich der Metzinger da ohnehin nicht draufsetzen darf, weil sonst sein Nachbar sieht, dass er nichts arbeitet. Wenn sie heute an den Marktplatz gehen, ist alles voll mit Tischen von Gastronomen, die das bewirtschaften. Und schon morgens um halb elf, um zwölf, um zwei sitzen viele Menschen draußen in Cafes und genießen den Tag. Und ich denke, das zeigt ein bisschen, dass Metzingen einfach offener ist für die Welt."

Frau: "Metzingen is eine - ich muss vorsichtig sein – Metzingen ist eine Stadt, die schon noch zum Teil den alten Traditionen verbunden ist."

Schön. Aber wieso "vorsichtig"?

Frau: "Also der Metzinger ist eigentlich ein Schwabe, ein bodenständiger, der auch seine Regionalprodukte hier liebt, aber der vielleicht, der ältere Metzinger, der ältere Schwabe, mit dem Neuen in Konflikt kommt."

Selbst die Glocken teilen es jedem mit, dass der Sonntag kein heiliger Ruhetag mehr ist. Die Martinskirche mag läuten, was die Stunde geschlagen hat, aber am heiligen Sonntag wird geschafft!

So klingt in Metzingen "verkaufsoffener Sonntag". Flammkuchenbuden schieben sich auf die Straße, Sektausschank und Stände für Crêpes, Hot Dogs und Eis. Also alles, was man so am Sonntag braucht.

Der Herr mit den Crêpes, den Hot Dogs und dem Eis heißt Andreas Schaar und ist groß, blond. Typ Schrot und Korn, in Jeans und Lederweste. Typ Schrot und Korn rechnet sich an seinen fünf Fingern mal zwei ab, dass heute mit dem GAA zu rechnen ist – mit dem Größten Anzunehmenden Andrang.

"Bei dem schönen Wetter, also die Stadt wird bestimmt brechend voll. Bisher waren es immer so zwischen 30 bis 40.000 Leute, was hier war. Das ist ein Geschiebe und Gedränge in der Innenstadt, das ist Wahnsinn."

Um 1 Uhr beginnt das Kampfshoppen. Und wie sich früher die Römer im Colosseum freuten, wenn was los war, so freut sich auch der Urmetzinger Schrot-und-Korn-Typ, wenn hier die Post abgeht. 15 bis 20 Euro lässt so jeder Besucher in der Stadt. Bratwürste, Cola, Crêpes und so, na, was man halt so braucht. Da lacht der Gastronom, aber nicht alle Urmetzinger sind Gastronomen, also lachen die auch nicht.

"Das wird von den Einheimischen zum Großteil einfach nicht gern gesehen, die möchten ihre Ruhe haben, unverständlich, warum."

Und?

"Von der Stadtverwaltung wird das natürlich nicht gern gehört, dass es ein Dorf ist, aber eigentlich ist es von der Mentalität her ein Dorf geblieben, die Stadt Metzingen, trotzdem das so viele Millionen Touristen herkommen."

Mann: "Ich sag immer: Garmisch-Partenkirchen hat die Zugspitze. Und wir haben zum Glück die Outlet-City."

Outlet-City. Nun, sogar die Universität Tübingen hat sich mit dem Thema befasst, Titel: "Metzingen – Zur Kultur einer Outlet-Stadt". In besagter Studie, wir kennen sie nur vom Hörensagen, wird die "besondere Kultur" der schwäbischen Kleinstadt als "Hauptstadt der Schnäppchenjäger", als "Wallfahrtsort der Warenwelt" und – noch eine Steigerungsstufe – als "Europas größtes Outlet-Zentrum" untersucht. Ach ja, die Bürger hätten sich mit ihrer neuen Warenwelt arrangiert. Metzingen sei die "Urheimat des neuen Konsums".

Frau: "Wir gehen hier immer beim Metzger essen, und dann schaun wir uns hier da bei Boss da die Geschäfte so n bisschen an, kaufen auch immer gut ein hier."
Mann: " ... also wenn ich hier wohnen würde."

Offiziell fallen so an die 50.000 Schnäppchenjäger an einem strahlenden Frühlingssonntag wie diesem über Metzingen her. Vergessen Sie daheim die Bilder von Heuschreckenschwärmen. Dilettanten da in Afrika.

Frau: "Wenn man halt bei Puma einkauft, wenn man da so in anderen Städten ist, dann sieht man ein T-Shirt für 20 Euro, das kriegste hier für zehn. Wenn man’s umrechnet, sind das 20 Mark."

Wenn man mal die Anfahrtskosten und so vergisst. Nun, wir wollen hier nicht schwäbisch-akribisch Heller und Pfennig wenden, wir freuen uns mit denen, die da kommen … und kaufen.
Ja, kommet und kaufet! Neckartenzlinger, Schwaben, Asiaten, Osteuropäer, Südamerikaner – alle sind sie da. Und lernen vom sparsamen Deutschen, vom sparsamen Schwaben, wie man sich reichsparen kann.

Frau: "Also für den Kaschmirstrick auf jeden Fall gibt es 20 Prozent Nachlass ... grad heute. Ein weiteres Angebot sind Tops, Oberteile, da gibt es dann 50 Prozent Rabatt. Ausgewählte Taschen sind im Angebot."

Schicke Sachen, klapprige Kleiderständern, blanker Betonboden. Ja, hier wird gespart. Und so spartanisch kauft man ein, wenn man zeigen möchte, was man hat und haben möchte, was man zeigen kann.

Frau: "Also ein Paar Jeans und Hosen, ja, die sind hier zum Teil die Hälfte zum Laden."

Ja, Paradiese sahen mal irgendwie anders aus, die Natur übrigens auch.

Mann: "Heute ist verkaufsoffener Sonntag. Und was soll man sonst sonntags machen? Immer in die Natur raus oder so, ist auch nicht immer der Hit."

Aber die Musik aber auch nicht.

Hier in Metzingen? In der "Urheimat des Konsums"? Was macht der Ureinwohner in dieser neuen Urheimat? Er kauft andernorts ein oder in der Woche, stimmt's?

Frau: "Ich geh lieber, wenn nicht so viel los ist."

Dachten wir uns schon, nicken also mit dem Kopf und schütteln selbigen nicht, als wir mitten im Gewühl auf Oberbürgermeister Hauswirth stoßen. Ein Mann des Volkes! Wir stutzen. Der Mann des Volkes ohne Einkaufstüte? Vielleicht doch ein heimlicher Gegner der Outlet-Culture?

Hauswirth: "Ich gehöre einer Generation an, die nicht gerne einkauft. Das Wichtigste lass ich mir von meiner Frau besorgen. Ich räume das gern ein, ich bin kein Kunde dieser Einrichtungen."

Er, der Mann, der Metzingen outletisiert hat! Wir fassen es. Unsere Bedenken scheinen sich auf unserer Stirnfalte anzudeuten.

"Bedenkenträger gibt es immer, aber ich sag dann immer: Man kann nicht alles haben wollen. Ich kann nicht die himmlische Ruhe wollen und auf der anderen Seite wollen, dass in einer Stadt alles Mögliche auf die Beine gestellt wird."

Sagt der Herr Hauswirth und überreicht uns noch ein schönes Bild, rein sprachlich gesehen, und kostenlos! Sozusagen ein Sprach-Schnäppchen.

"Es ist immer eine Gradwanderung gleich dem Ritt auf der Rasierklinge."

Lieblich, also verheißungsvoll klingt die Zukunftsmusik, die am Orte eingeübt wird. Und alle werden davon profitieren, äh, ihren Nutzen haben … singt jedenfalls der Chor der Outletianer.

Das Muschterländle wird aufschwingen, wirtschaftlich gesehen – dank Metzingen, dank Urheimat des neuen Konsums.

Touristen begreifen Shoppen als Kulturreise, hängen noch zwei, drei Nächte ran, bewundern den historischen Kelternplatz, radeln die Umgegend ab.

Stuttgart und Urach ziehen ungeahnten Nutzen – die Touristenströme, sie wissen schon.

"Shopping-Tourismus" beschwört der Herr Hauswirth und teilt uns mit, dass wir auf einem Planeten leben, der Shopper heißt und von solchen auch bevölkert wird.

Hauswirth: "Die Leute wollen eben einkaufen. Sie wollen Einkaufen als Event begreifen. Und sie wollen Angebote haben, wie sie das Drumherum gestalten können. Und da sind wir gerade dabei mit Flug- und Busunternehmern Pakete entwickeln, um den Menschen entsprechende Angebote zu machen, nicht nur hier in Metzingen, sondern auch von Stuttgart."

"Swabian Railroad Transportation / Stops at many a strange location …" Ja, ja, auf der Herfahrt lernten wir Französisch, in Metzingen Shopping-Schwäbisch, nun – wegen der zu erwartenden Touristenströme aus aller Welt – mobilisieren wir unser letztes Englisch. "Shtoogert, Oolm and Beeberoch / Meckboira, Doorlesboch."(*)

Ja, die Zukunft hat schon begonnen. Sie daheim am Radioapparat wissen das vielleicht noch nicht, aber hier ist das so bekannt als würde man Eulen nach Metzingen tragen.

Frau: "Also in Metzingen, was kann man da mache? Einkaufen, ja. Also Zugverbindung is da gut von Metzingen, da kann man nach Stuagart, von da aus überall naus fahre, in die ganze Welt … praktisch, ja."

Ja, ja …

(*) Übersetzung aus dem Schwäbischen von Jack Lohrmann

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