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Buchkritik | Beitrag vom 25.06.2020

Katya Apekina: "Je tiefer das Wasser"Kampf gegen die hässlichen Fische

Von Rainer Moritz

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Cover des Buches "Je tiefer das Wasser" von Katya Apekina. (Suhrkamp / Deutschlandradio)
Roman mit einem multiperspektivischen Gerüst: "Je tiefer das Wasser" von Katya Apekina. (Suhrkamp / Deutschlandradio)

"Je tiefer die Wasser" setzt traditionell mit einem familiären Desaster ein, entwickelt sich aber zu einem beeindruckend komplexen Roman. Katya Apekina erzählt von einem Schriftsteller, der seine Frau künstlerisch ausbeutet und seelisch zerstört.

Ein amerikanischer Roman, der von gescheiterten Ehen, leidenden Kindern und psychischen Abgründen erzählt? Gibt es davon nicht genug? Braucht es einen weiteren Aufguss dieser mit allen Creative-Writing-Wassern gewaschenen Familienepen?

Ja, wenn man wie die 36-jährige, in Moskau geborene Katya Apekina aus den vorgestanzten Mustern ausbricht und nicht meint, seine Figuren psychologisch bis ins letzte Detail erklären zu müssen.

2018 erschien "Je tiefer das Wasser" in einem kleinen Verlag in Ohio und avancierte zu einem Überraschungserfolg. Die Geschichte setzt ganz traditionell mit einem Familiendesaster ein, das alle Beteiligten dazu zwingt, sich neu zu orientieren.

Die Schwestern Edie und Mae, sechzehn und vierzehn Jahre alt, müssen ihre Heimat, einen Vorort von New Orleans, verlassen. Ihre Mutter Marianne hat einen Selbstmordversuch unternommen und wird in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.

Die Kinder kommen nach New York City zu ihrem Vater Dennis Lomack, der die Seinen zwölf Jahre zuvor verlassen hat. Lomack hat es mit offenkundig autobiografisch grundierten Romanen zu großem Ruhm gebracht und gilt als "Künstler-Ikone".

Puzzleteile eines Familiendramas

Wir schreiben das Jahr 1997, als die Mädchen in New York ankommen und in ein neues Leben geworfen werden, auf das sie sehr unterschiedlich reagieren. Während Mae ihrem Vater alsbald zu Füßen liegt, bleibt Edie reserviert, überzeugt davon, dass Dennis seine fünfzehn Jahre jüngere Frau damals künstlerisch ausgebeutet und seelisch zerstört hat.

Katya Apekina lässt vorwiegend die beiden Schwestern zu Wort kommen, fügt Nebenfiguren wie Dennis’ Schwester oder über eine über Lomacks Werk arbeitende Doktorandin hinzu, strukturiert das Erzählte mit Rückgriffen und Vorausschauen, integriert alte Briefe und Tagebuchaufzeichnungen und errichtet so ein multiperspektivisches Gerüst, das konventionelle Erzählverfahren bald hinter sich lässt und der Leserin, dem Leser allen Freiraum lässt, die Puzzleteile dieses Familiendramas selbst zusammenzufügen.

Unbewusst verübte Grausamkeiten

Je deutlicher sich die einzelnen Sichtweisen herauskristallisieren, desto schwieriger wird es, klare Schuldzuweisungen vorzunehmen. Dennis, so stellt sich heraus, ist mental von Marianne nie losgekommen und nutzt die Gelegenheit, als sich Mae anbietet, die Rolle ihrer Mutter als Muse, als "Zweitbesetzung" und erotische Anregerin zu übernehmen.

Inzestuöse Töne klingen an, ohne dass Apekina dabei mit grellen Farben arbeiten würde. Während sich Dennis und Mae auf verhängnisvolle Weise näherkommen, verlässt Edie New York und reist zurück nach Louisiana, um sich um ihre kranke Mutter zu kümmern.

"The Deeper the Water the Uglier the Fish", heißt Apekinas vielschichtiger, beeindruckender Roman im Original – eine Beobachtung, die die Tauchgänge dieser Erzählweise sehr gut resümiert. Es geht um Abhängigkeiten, um bewusst oder unbewusst verübte Grausamkeiten und um die Versuche, die Schreckenserfahrungen der Jugend irgendwie hinter sich zu lassen.

Und nicht zuletzt ist dieses wohltuend komplexe Buch eine Beschreibung dessen, wie Künstler die Biografien anderer ausbeuten. Dennis tut das in seinen Romanen, und Mae wird als Fotografin und Filmemacherin zu ihren Mitteln greifen, um gegen die hässlichen Fische der Tiefe anzukämpfen.

Katya Apekina: Je tiefer das Wasser
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
396 Seiten, 24 Euro

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