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Tonart | Beitrag vom 09.06.2017

Katy Perry: "Witness"Mit "Purposeful Pop" die Welt verbessern?

Von Christoph Möller

Die Musikerin Katy Perry| (Philippe De Poulpiquet / MAXPPP / dpa )
Katy Perry - die vollendete Pop-Inszenierung nun als selbstreflexive Agentin einer besseren Welt? - So ganz nimmt man ihr das nicht ab. (Philippe De Poulpiquet / MAXPPP / dpa )

Katy Perry, ehemalige Queen des Plastikpop, will politisch werden. Und auf ihrem neuen Album "Witness" "engagierte" Botschaften verkünden. Doch sie bleibt dabei so glatt wie die Plastikoberfläche ihrer quietschbunten Kostüme. Politisch ist das nicht, meint unser Kritiker.

"Witness" - ein Albumtitel, ein Statement. Eine Zeugin wolle Katy Perry sein - sie, die bislang zwar bunt, aber doch eher glatt und distanziert aufgetreten ist. Jetzt will sie genau hinschauen, sich einsetzen für eine bessere Welt.

"Für mich heißt das: eine Zeugin sein. Das ist das Einzige, was ich mache. Ich nehme all die Informationen um mich herum und verarbeite sie in meinen Songs. Vieles davon ist persönlich. Aber ich glaube, wir alle machen ganz ähnliche persönliche Erfahrungen. Wenn du es runterbrichst, geht es um Verbindungen."

"Es geht darum, dass ich für meine Fans da bin"

Katy Perry als Stellvertreterin für Probleme, die vielleicht auch ihre Fans haben. Ich bin wie du. So funktioniert Pop. Neu ist das nicht. Sie mache jetzt "purposeful Pop", hat sie ihren fast 100 Millionen Twitter-Followern mitgeteilt, also Pop, der engagiert ist, der eine Message hat. Bloß welche genau, das bleibt diffus. Vielleicht: Wir stehen zusammen gegen das Übel der Welt.

"Denn deshalb sind wir doch auf diesem Planeten: Um Beziehungen einzugehen, gesehen und gehört zu werden, damit wir uns nicht so einsam fühlen. Es geht also darum, dass ich für meine Fans da bin, sie beobachte – und sie mich. Als der Mensch, der ich bin: Katheryne Hudson."

Der einzig explizit politische und interessanteste Song des Albums ist "Chained to the Rhythm": ein lockerer Party-Track, der ein tiefes Unbehagen über die US-amerikanische Gesellschaft ausdrückt. Katy Perry kettet uns an den untergehenden amerikanischen Traum.

"Das Stück ist sehr subversiv. Eine Inspiration war der Song 'Copacabana'. Der Song klingt total unbeschwert, aber wenn du auf die Lyrics hörst, stellst du fest: Es geht um einen Mord. Die Frage, die ich in 'Chained to the Rhythm' stelle, funktioniert mit einem fröhlichen Beat vielleicht besser, als würde ich sie dir direkt an den Kopf knallen."

Besser geht es nicht, schlechter schon

Es geht um autoritäre Politik, Fake News, soziale Ungleichheit. Im Video werden unmündige Menschen in einem Freizeitpark gezeigt. Ein Fahrgeschäft namens "American Dream Drop" hat eine Fehlfunktion. Der Song sagt, die USA sind kaputt, und klingt am Ende doch versöhnlich. 

Besser geht es nicht. Schlechter schon. Zäh wirken die vielen austauschbaren Balladen auf "Witness". Etwa "Miss You More", in dem irgendeine zerbrochene Liebe wie ein Luftballon davonfliegt. Da hilft nicht mal die Coolness der Indie-Band Purity Ring, die das Stück produziert hat. Dance-Tracks wie "Bon Appétit" sind zumindest im Katy-Perry-Kosmos mal etwas ungewöhnlicher.

In ihrer Aussage ziemlich belanglos

"Es geht um sexuelle Befreiung. Ich habe angefangen, Fragen zu stellen, die ich mir bisher noch nicht gestellt habe. Gleichzeitig geht es auf dem Album aber um ganz viele Themen. Deshalb sind die Leute auch ein bisschen verwirrt, weil sie sagen: Wir wollen, dass du nur eine Sache bist. Und ich denke dann: Ich bin nicht nur eine Sache. Niemand ist nur eine Sache."

Manchmal möchte man ein bisschen gähnen. Das ist die Message der neuen Katy Perry? Man ist mehr als nur eine Sache? Perry, die vollendete Pop-Inszenierung, Symbol für Geld, Luxus und Kommerz, als selbstreflexive Agentin einer besseren Welt? Purposeful Pop? So ganz nimmt man ihr das nicht ab. Und so klingt auch die Platte nicht. Die Musik bleibt hinter Perrys selbst verkündeter politischer Agenda weit zurück.

"Witness" ist so glatt wie die Plastikoberfläche von Perrys quietsch-bunten Kostümen. Die Platte ist nicht schlecht. Aber in ihrer Aussage ziemlich belanglos. Wenn sie etwas sagt, dann: Fühle in dich hinein, sei dein eigener Zeuge, lass die Welt die Welt sein und geh ab und zu tanzen. Politisch ist das nicht. Im Gegenteil.

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