Donnerstag, 28.10.2021
 

Tonart | Beitrag vom 10.03.2021

Katy Kirby: "Cool Dry Place"Hübsche Harmonien, bittersüße Texte

Von Christine Franz

Porträt der Folksängerin Katy Kirby. (Jackie Lee Young)
Autotune-Effekte, weil die Stimme weg war: die Folksängerin Katy Kirby. (Jackie Lee Young)

Die Folksängerin Katy Kirby kommt aus einem strenggläubigen Elternhaus. Mit der Religion hat sie gebrochen, doch ihr Debüt ist auch von Kirchenmusik inspiriert. "Cool Dry Place" ist ein Album außerhalb aller Zeitgeist-Boxen und Coolness-Codes.

Katy Kirby wächst in einer Kleinstadt in Texas auf. Ihre Eltern sind strenggläubige Christen, die sie zu Hause unterrichten. Sie singt im Kirchenchor. Popmusik kennt sie so gut wie gar nicht. Bis die Mutter einer Freundin ihr im Auto Indie-Rock von den White Stripes und von Sufjan Stevens vorspielt. Eine Art Erweckungserlebnis. Nach der High School zieht Katy Kirby nach Nashville, gründet eine Band und hadert zum ersten Mal mit ihrem Glauben. Für sie eine Art Coming-out.

Kirche als Teil der Alltagskultur

"In Amerika kommt man sehr schnell mit der Kirche in Berührung. Die Kirche ist ein Teil der Alltagskultur und des sozialen Umfelds, ob man nun gläubig ist oder nicht. Ich komme aus einer dieser strenggläubigen Gemeinden, denen es um eine tiefe persönliche Verbindung zu Jesus geht. Während meiner Kindheit war Jesus allgegenwärtig. Es war schwierig, dieses Konstrukt zu entflechten. Das war so, als würde man sich irgendwann von einem unsichtbaren Freund verabschieden, an den man jahrelang geglaubt hat. Das kann man nicht einfach über Nacht hinter sich lassen. Das hat meine ganze College-Zeit gebraucht. Aber jetzt geht es mir einigermaßen gut."

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Die Eltern von Katy Kirby haben einigermaßen entspannt auf ihren Bruch mit der Religion reagiert. Aber vor allem die Musik hat ihr geholfen, das Chaos in ihrem Kopf und in ihrem Herzen zu ordnen, sagt Kirby.

Hang zum Harmonie-Gesang

Fünf Jahre lang feilte sie an ihren Songs, skizzierte, nahm Demos auf und verwarf sie wieder. Bis sich ihr Debütalbum "Cool Dry Place" herausschälte. Und natürlich hat die Zeit in der Kirche musikalische Spuren hinterlassen:

"Mein Hang zu Harmonie-Gesang stammt sicher noch aus der Kirchenmusik. Es fällt mir total schwer, meine Songs nicht komplett mit Gesangsstimmen zu überfrachten. Die habe ich immer sofort im Kopf, wenn ich einen Song schreibe – ob sie nun passen oder nicht. Auch die Einfachheit und die Zugänglichkeit meiner Songs wurden von der Kirchenmusik inspiriert. Ich könnte nie einen Song schreiben, den man nicht sofort singen kann. Das ist Fluch und Segen zugleich."

Bittersüße Alltagsbeobachtungen

Von diesen hübschen Harmonien sollte man sich allerdings nicht täuschen lassen. In den Songs geht es um Beziehungen kurz vor der Implosion - ein ständiges Ringen zwischen Nähe und Distanz. Mal wird das Teilen einer Orange zum Bild für eine toxische Beziehung. Mal ist es das verzweifelte, ausweglose Zappeln eines Goldfisches in einer Plastiktüte wie im Song "Tap Twice".

Man könnte "Cool Dry Place" als modernes Folk-Album beschreiben. Mit dem Genre "Folk" hat Katy Kirby kein Problem. Allerdings mit dem abgenudelten Bild von der zarten Folksängerin mit Akustikgitarre. Reichlich überstrapaziert findet sie das.

Die eigene Stimme gefunden

Wenigstens ab und zu gönnt sie sich deshalb ein paar Brüche, immer dann, wenn es droht, allzu harmonisch zu werden. Zum Beispiel im Song "Traffic", für den sie mit der Software Autotune gearbeitet hat. Die kennt man normalerweise eher aus dem Pop.

"Als wir die Demos für den Song aufgenommen haben, habe ich gerade 40 Stunden die Woche in einem Call Center gearbeitet. Ich war total müde und habe dauernd meine Stimme verloren. Dann habe ich auch noch eine Erkältung bekommen. Deshalb haben wir meine Stimme erstmal mit Autotune verfremdet. Irgendwie gefiel uns das dann so gut, dass wir es so gelassen haben."

"Cool Dry Place" ist ein Album, das außerhalb sämtlicher Zeitgeist-Boxen und Coolness-Codes operiert. Und das liegt bestimmt an der fehlenden Popmusik in ihrer Kirchenchor-Biografie. Die Harmonien, die Verspieltheit, die bittersüßen Alltagsbeobachtungen – hier hat eine Musikerin ihre eigene Stimme gefunden. Und das gleich mit dem ersten Album.

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