Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis abgesagt

    "Die Kirche entfernt sich von der Lebenswirklichkeit"

    07:45 Minuten
    Presse-Mikrofone stehen unscharf abgelichtet vor dem Logo der Deutschen Bischofskonferenz
    Der Eklat um den Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz sei "symptomatisch für die Situation in der katholischen Kirche", meint Kirsten Boie. © picture alliance / dpa | Uwe Zucchi
    Kirsten Boie im Gespräch mit Gabi Wuttke · 18.05.2021
    Audio herunterladen
    Der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis wird in diesem Jahr nicht vergeben. Dem nominierten Buch „Papierklavier“ fehle christliche Lebenshaltung, begründet die Deutsche Bischofskonferenz ihre Entscheidung. Autorin Kirsten Boie findet das empörend.
    Eine 16-Jährige, die mit Halbgeschwistern bei der alleinerziehenden Mutter aufwächst, ihre Sexualität erprobt und eine Freundin hat, die Engelbert heißt: Davon erzählt Elisabeth Steinkellner in ihrem Buch "Papierklavier".
    Das Buch war für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis von einer unabhängigen Jury aus Pädagogen, Literaturwissenschaftlern und Pädagogen vorgeschlagen worden. Doch: Dem Buch fehle es an christlicher Lebenshaltung und es entspreche nicht den Statuten, sagt die Deutsche Bischofskonferenz und will deshalb in diesem Jahr den Preis nicht vergeben.
    Diese Entscheidung kritisieren 222 Kinder- und Jugendbuchautoren in einem offenen Brief. Unter ihnen ist Kirsten Boie.
    "In der katholischen Kirche entfernt man sich offenbar immer mehr von der Lebenswirklichkeit", sagt die bekannte Autorin. Der ständige Rat, der jetzt die Ablehnung ausgesprochen hat, ist zusammengesetzt aus Bischöfen und Weihbischöfen. "Wie gut die mit der Lebenswirklichkeit von Jugendlichen vertraut sind, das möchte ich mir gar nicht vorstellen", so Boie.
    Die Schriftstellerin Kirsten Boie
    Die Schriftstellerin Kirsten Boie glaubt, dass das Buch durch die Diskussion mehr Bekanntheit erlangen wird.© picture alliance/dpa | Markus Scholz
    Die Unterzeichner des Protestbriefs, darunter Paul Maar und Nora Gomringer, fordern die Bischöfe auf, ihre Entscheidung "noch einmal zu überdenken und der Empfehlung der Jury zu folgen". Und Kirsten Boie fügt hinzu: "Ich empfinde es als relativ empörend und beschämend, dass die katholische Kirche eine wirklich hoch qualifizierte Jury einsetzt, um eine Entscheidung zu treffen, und dann dem Votum der Jury nicht folgt."

    Was ist "christliche Lebenshaltung"?

    Die Begründung, dem Buch fehle es an christlicher Lebenshaltung, kann Boie nicht nachvollziehen: "Das scheint mir eine Definitionsfrage zu sein: Wie eng sieht man denn eine christliche Lebenshaltung? Was bedeutet denn das für die Bischofskonferenz? Wenn man sich das Buch genau anguckt, dann zeigt sich doch genau das: Es geht um ein sehr humanes Verhalten. Wenn man christliche Lebenshaltung nur noch ganz eng fassen will, dann verzwergt die Deutsche Bischofskonferenz diesen Preis, der bisher doch relativ renommiert war."

    Jury dachte über Rücktritt nach

    Die Jury des Preises hatte über einen geschlossenen Rücktritt nachgedacht, sich dann aber dagegen entschieden, weil sie weiter daran arbeiten wolle, ein positives und weltoffenes Bild der Kirche in der Literaturszene zu vertreten. Für Kirsten Boie ist das eine großzügige Haltung gegenüber der Kirche:
    "Der geschlossene Rücktritt der Jury wäre ja ein Skandal gewesen, gerade in Anbetracht der Tatsache, dass da auch Vertreter der katholischen Kirche Mitglieder sind. Eigentlich kann die Bischofskonferenz, kann die katholische Kirche nur sehr, sehr dankbar sein."
    Und man müsse der Jury dankbar sein, dass sie sich nicht darauf eingelassen haben, ein anderes Buch für den Preis vorzuschlagen. Der Skandal werde noch "dramatischer" dadurch, dass "Papierklavier" nun auch nicht mehr auf der Liste mit den Empfehlungen zu finden ist. "Also, das zeigt ja, wie ernst es dem Ständigen Rat war mit seiner Entscheidung."

    Ungewisse Zukunft des Preises

    Sie sei sehr gespannt, wie es weitergehe mit dem katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Denn: "Wer möchte ihn in Zukunft noch entgegennehmen, wenn man davon ausgehen muss, dass er von diesem Ständigen Rat gebilligt werden muss und dass der nur innerhalb eines so ganz engen und katholisch-christlichen Spektrums zu billigen bereit ist?"
    (kpa)
    Mehr zum Thema