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Religionen / Archiv | Beitrag vom 31.05.2014

KatholikentagKirche, Reichtum, Befreiungstheologie

Abstand vom Geld fällt vielen Kirchenführern schwer

Von Kirsten Dietrich

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Zahlreiche Gläubige nehmen in Regensburg (Bayern) an der Christi-Himmelfahrt-Messe beim 99. Katholikentag teil.  (dpa / picture alliance / Armin Weigel)
Zahlreiche Gläubige bei Christi-Himmelfahrt-Messe beim 99. Katholikentag in Regensburg (dpa / picture alliance / Armin Weigel)

Über Geld wurde viel diskutiert auf dem Katholikentag. Allein schon, weil Papst Franziskus viel über Kirche und Armut redet. Allerdings ist die Umsetzung schwierig in einer der reichsten Kirchen der Welt.

Papst Franziskus ist in Regensburg nicht anwesend, aber allgegenwärtig: vor allem mit dem Aufruf, die katholische Kirche möge arme Kirche für die Armen sein. Das klingt erst einmal so einfach und einleuchtend. Und wird ganz schnell kompliziert, wenn man die praktische Anwendung in einer der reichsten Kirchen der Welt diskutiert.

Schüller: "Ich kann mich gut an den Augenblick erinnern in der Sixtinischen Kapelle, als wir zusammensaßen und dann eben Papst Franziskus herauskam und dann wurde er gefragt: Welchen Namen wollen Sie sich geben? Und er sagte: In Verehrung für den heiligen Franz von Assisi wähle ich den Namen Franziskus. Und da wusste ich: Da werden wir dran schlucken. Und im guten Sinne."

Was also kann das heißen: die reiche deutsche Kirche als arme Kirche für die Armen? Da wären einmal die direkten Anfragen an die Kirchenfinanzen.

Schüller: "Vor vielen Jahren bin mit dem damaligen Generalvikar durch die Straßen von Regensburg gegangen, und es hieß: des ist uns, des ist uns, des ist uns, ja und des ist der Fürstin, des ist uns, des ist der Fürstin - fragen Sie mal nach: die Regensburger, die Bayern sind den Essenern deshalb so gram, weil sie sagen: wenn wir das mal transparent offenlegen würden, dann würde mal deutlich, wie reich die Kirche ist."

Mehr Finanzkontrolle in den Bistümern?

Der Kirchenrechtler Thomas Schüller empfiehlt deshalb mehr Finanzkontrolle von außen und zeichensetzende Zurückhaltung bei den Bischöfen. Deren Gehälter seien schließlich kein unveränderbares Glaubensgut.

Schüller: "Am Ende ist es - das soll nicht populistisch klingen - die Frage der Macht in der Kirche. Wer über Geld verfügt, entscheidet über die inhaltlichen Prioritäten, und wenn das geistliche Leben arm wird, dann ist es das letzte in einer reichen, aber vielleicht geistlich darbenden Kirche, dass man darüber Macht ausübt."

Klingt einleuchtend. Aber es fordert eine Solidarität, für die es der Kirche zur Zeit wahrscheinlich immer noch zu gut geht. Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer hat jedenfalls nicht nur Zustimmung erfahren bei seinem Versuch, die Finanzen seines eher finanzschwächeren Bistums so weit wie möglich offenzulegen:

"Wir können das hier so wunderbar sagen: die Kirche soll dann auf dieses Geld verzichten und das Geld den Armen geben. Aber wir nehmen das Geld ja irgendwo her. Und die Kirche sind wir. Und dann sind plötzlich alle betroffen, vielleicht auch Menschen, die hier im Raum sind mit ihrer Initiative, ihrer Gemeinde, wie auch immer. Ich hab noch keinen erlebt, der zu mir gekommen ist und gesagt hat: bei mir könnten Sie ein bisschen wegnehmen und den anderen geben - macht keiner. Sie wollen alle."

Was zur Armut als spiritueller Herausforderung führt. Der Pastoraltheologe Michael Sievernich hat lange auch in Lateinamerika gelebt und von daher seinen Blick auf die deutsche Kirche verändert:

"Ist die Kirche zu reich für unsere Verhältnisse oder braucht sie die Mittel, wenn sie tausend Schulen betreibt? Ist die ausgebaute Caritas, der Caritas-Verband, ist das arme Kirche oder ist das reiche Kirche? Diese Fragen müssen wir diskutieren. Aber ich meine, es gibt noch eine andere Frage: Ist die deutsche Kirche arm an Glaube, Hoffnung und Liebe? Weil sie sich nicht an die Armut Christi hält, der arm geworden ist, um uns reich zu machen."

Möhring-Hesse: "Eine Kirche der Armen wird keine arme Kirche sein. Das würde den Reichen ja so gefallen, dass die Armen nur ne arme Kirche kriegen. Nein nein, so läuft das nicht."

Der Sozialethiker Matthias Möhring-Hesse will Armut nicht schönreden als Gegenstand der Fürsorge. Arme wirklich ernstnehmen, davon seien die deutschen Gemeinden noch weit entfernt:

"Ich glaube, das wäre der erste Fehler einer Kirche, die nie zur Kirche der Armen wird: nicht selber zu überlegen, wen machen wir selber arm, indem wir Menschen ausgrenzen aus der Fülle des Lebens, die wir innerhalb der Kirche selbstverständlich für uns in Anspruch nehmen. Und eine Kirche, die sich von Armen beauftragen lässt - na, die muss erstmal Brücken schaffen, wenn wir das Katholikentagsmotto nehmen. Die muss erstmal Kommunikationswege öffnen, sie muss, bevor sie Fürbitten hält in Gottesdiensten, muss sie sich erstmal beauftragen lassen von Armen, eine Fürbitte zu halten."

Die Option für die Armen hat politische Dimension

Wie kann die Kirche diesen inneren Konflikt zwischen arm und reich überwinden? In diesem Zusammenhang und auch im Gefolge der Begeisterung für den neuen Stil im Vatikan wird eine Theologie wieder neu diskutiert, die in den 80er und 90er Jahren als zu politisch auch vom Vatikan radikal bekämpft wurde: die lateinamerikanische Theologie der Befreiung. Papst Franziskus kann von seiner theologischen Neigung her als Befreiungstheologe gelten, allerdings in einer weniger linken, sondern gemäßigten Art, sagt Michael Sievernich:

"Er lebt von einer bestimmten Strömung der Befreiungstheologie, wie sie in Argentinien im Schwange war und im Schwange ist, die Theologie des Volkes heißt, und wo es im Prinzip drauf ankommt, auf das Volk zu hören, auf seine Weisheit zu hören, auf die Volksweisheit, deren Kern die Volksfrömmigkeit ist."

Es ist lange her, dass unter deutschen Katholiken so engagiert über Befreiungstheologie diskutiert wurde - und das nicht nur als historische Reminiszenz.

Steiner: "Dann möchte ich so formulieren: dass eigentlich die Theologie nicht Stachel in unserem Fleisch ist, sondern Stachel im Fleisch sind, dass wir noch so viele Arme haben. Das müsste uns eigentlich wehtun."

Bischof Leonardo Steiner ist Generalsekretär der Brasilianischen Bischofskonferenz und Franziskaner. Er betont: Die Option für die Armen hat in Lateinamerika unaufgebbar eine politische Dimension. Er bietet aber auch eine Übersetzung an, die die Theologie der Befreiung auch im reichen Westen anwendbar macht - ohne dass sie die Kirchen zerreißt.

Steiner: "Ich meine heutzutage, dass Befreiungstheologie mehr Beziehungstheologie sein soll. Ich habe richtig den Eindruck, dass unsere Beziehungen so zerbrochen sind. Warum so viel Gewalt? Warum sind die Armen nicht in unsere Gemeinden eingebunden? Warum haben die keine Chance? Weil unsere Beziehungen zerbrochen sind. Da glaube ich kann unsere Befreiungstheologie heute noch sehr viel helfen."

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