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Fazit / Archiv | Beitrag vom 11.05.2015

Kathedrale von Reims Fenster der Versöhnung

Von Christiane Habermalz

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Einweihung der Fenster der Kathedrale von Reims (picture alliance / dpa / Foto: Jörg Carstensen)
Einweihung der Kathedralen-Fenster: Der französischen Außenminister Laurent Fabius (l-r), Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Künstler Imi Knoebel und seine Frau Carmen. (picture alliance / dpa / Foto: Jörg Carstensen)

Im Ersten Weltkrieg wurde die Kathedrale von Reims, das Nationalheiligtum der Franzosen, von den Deutschen zerstört. Der deutsche Künstler Imi Knoebel hatte wiederum die Ehre, die neuen Glasfenster zu gestaltet. Jetzt wurden sie eingeweiht.

Die Kathedrale von Reims erstrahlt in einem neuen Licht. Buchstäblich. Splitter in 27 Farben, übereinanderlappend, in Bleiglas eingefasst. Eine Explosion aus buntem Licht, angefertigt vom deutschen Künstler Imi Knoebel. 64 Quadratmeter Licht, die Deutschland nun, 100 Jahre nach der Zerstörung der Kathedrale durch die Deutschen im I. Weltkrieg, Frankreich zum Geschenk machte. Das Ergebnis?

"Ich war entsetzt. Ich musste drei Mal in die Kathedrale rausgehen und wieder reinkommen, um so langsam sich daran zu gewöhnen. Man muss sich einschauen. So ohne weiteres, so schnell, geht es nicht. Es hat lange gedauert. Aber jetzt bin ich einverstanden."

Drei Jahre hat der Düsseldorfer Künstler, einst Provokationen liebender Meisterschüler von Joseph Beuys und streng abstrakter Minimalist, in seinem Atelier an diesen drei neuen Fenstern gearbeitet, Farben, Form und Raum erkundet. Es war seine Idee, diese letzten drei noch durch Weißglas ersetzten Fenster der Kathedrale von Reims zu schenken.

Er suchte und fand Unterstützung von der Kunststiftung NRW, Außenminister Frank-Walter Steinmeier griff die Idee auf, das Auswärtige Amt trug mit fast 900.000 Euro den Großteil der Kosten. Zur Einweihung kamen beide Außenminister, sie geriet zu einer feierlichen Zeremonie der deutsch-französischen Freundschaft und Versöhnung. Er danke der französischen Regierung, dass sie das Geschenk aus Deutschland annehmen könne, betonte Steinmeier.

"Dies ist ein Ort der Zerstörung, der Kathedrale von Reims sieht man bis heute die Wunden an, die der Krieg geschlagen hat, aber es ist auch ein Zeichen, das wir heute setzen können, dass die Wunden der Vergangenheit nach und nach geschlossen werden können." 
 

Kathedrale mit neuer Symbolkraft

Der französische Außenminister Laurent Fabius dankte Deutschland und dem Künstler, die Kathedrale habe heute, 100 Jahre nach ihrer Zerstörung eine neue Symbolkraft erhalten: 

"Die deutsch-französische Freundschaft ist heute ein wertvoller Trumpf, angesichts der immer ungewisser und gefährlicher werdenden Welt, die uns umgibt. Ich nenne dies eine wundervolle Wende der Geschichte. Deutschland und Frankreich sind Überbringer einer Lehre der Hoffnung. So lautet die Botschaft von Reims."

Der Künstler selbst, der auf ein Honorar verzichtete, bleibt auch angesichts der großen Worte und verliehener Ehrenbürgerwürde wortkarg. Befragt nach seiner Motivation, warum er noch drei weitere Buntglasfenster für die Kathedrale von Reims entworfen habe, ohne zu wissen, ob sie je realisiert würden, sagte der Düsseldorfer Künstler knapp:

"Die alten Fenster natürlich. Das war die Motivation. Da fehlte was. Und jetzt ist es geschlossen, der Kreis. Für mich war wichtig, diesen Chorumgang zu vollenden." 

Das Nationalheiligtum der Franzosen

Tatsache war: Es trieb ihn weiter um. 2011 hatte Knoebel bereits sechs Fenster für die Kathedrale entworfen, damals als Auftrag von der französischen Regierung. Ein Eklat: Ausgerechnet ein Deutscher sollte die Fenster zweier Chorumgänge gestalten dürfen – für das Nationalheiligtum der Franzosen, die Kathedrale von Reims, das von den Deutschen 1914 massakriert worden war. Noch dazu sollte er die prominenten Chorumläufe neben den berühmten Chagall-Fenstern gestalten. Ein Deutscher neben einem Juden! Doch die ersten sechs Fenster Knoebels wurden eine Sensation in Farbe. Ein Glücksfall, fand nicht nur die Kunstwelt, sondern auch die meisten Franzosen.

Knoebels Buntglasfenster tauchen den Chor der alten Kathedrale in eine Farbwelt aus rot, blau, gelb. Gewalt, Detonation, Krieg, sah der deutsche Kunstpapst Werner Spies in ihnen. Möglicherweise ist es genau das Gegenteil: Fragmente, Splitter, Teile, die sich wieder zusammen fügen. Passender wäre es jedenfalls für den neuen Geist der Versöhnung. Knoebels neue  Fenster, die nun die Kappelle der Jeanne D’Arc im Chorumgang schmücken, sind dagegen bunter: sie leuchten auch in grün, violett –  und rosa. Und darum gab es Streit.

Steinmeier: "Das, was umstritten war, war die Farbe Rosa. Weil die zunächst gesagt haben, das passe eigentlich nicht so richtig, und da musste er erklären, dass die Farbe Rosa eigentlich für die Frau, die Jeanne D’Arc steht, und da war es akzeptiert."

Was die Schwierigkeit der Arbeit Knoebels umso deutlicher macht: In der Kathedrale von Reims, diesem symbolträchtigen Ort, erhält im Zweifel jede Farbe eine nationale Bedeutung.

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