Seit 15:05 Uhr Tonart
Freitag, 18.06.2021
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Frühkritik | Beitrag vom 28.05.2021

Kate Atkinson: "Weiter Himmel"Am Meer der Gewalt

Von Sonja Hartl

Das Cover von Kate Atkinsons Buch "Weiter Himmel" auf orange-weißem Hintergrund. (Deutschlandradio / Dumont)
Malerische Kulisse, furchtbare Verbrechen: Kate Atkinson hat mit "Weiter Himmel" einen verstörenden Kriminalroman geschrieben. (Deutschlandradio / Dumont)

Zwangsprostitution, Menschenhandel, Kindesmissbrauch: Kate Atkinson lässt Ermittler Jackson Brodie in "Weiter Himmel" einen Blick hinter die Fassaden einer idyllischen Küstenlandschaft im Norden Englands werfen.

In den Norden Yorkshires hat sich Kate Atkinsons Privatdetektiv Jackson Brodie in dem fünften Band "Weiter Himmel" zurückgezogen. Sein Leben soll ruhiger werden, also observiert er vor allem untreue Ehemänner, kümmert sich um seinen Sohn und hadert mit seiner Rolle als Vater und Mann. Aber in den Orten an der Küste ist es nur vordergründig idyllisch. Hinter der malerischen Fassade finden grausame Verbrechen statt.

Kate Atkinson nimmt sich in "Weiter Himmel" zunächst einmal Zeit, ihre Figuren einzuführen. Dazu gehören die Polinnen Nadja und Katja, die sich bei einer Personalagentur bewerben, weil sie auf ein besseres Leben in England hoffen. Der Hobbygolfer Vince, der Probleme mit seiner Noch-Ehefrau hat und neidisch auf den Erfolg seiner Golfkumpels blickt. Crystal, die unbedingt als Mutter und Ehefrau alles richtig machen will, damit sie ihre Vergangenheit vergessen kann. Crystals Stiefsohn Harry, der nicht wirklich weiß, wer er ist. Und die Polizistinnen Ronnie und Reggie, die in einem alten Fall ermitteln, in dem Kinder vergewaltigt wurden.

Mädchen landen im Kellerverlies

Verbunden werden diese Figuren nach und nach durch Verbrechen in Gegenwart und Vergangenheit, begangen von Männern, die sich einfach nehmen, was sie wollen – notfalls mit Gewalt. Atkinson lässt keine Distanz in ihrem Buch zu. Sie zieht ihre Leserinnen und Leser direkt in eine Welt, in der sich erwachsene Männer als Teenager in Chats ausgeben, um Minderjährige kennenzulernen. In der Mädchen mitten Tag auf offener Straße in ein Auto steigen und in einem Kellerverlies landen und Frauen aus ärmeren Ländern nach England gelockt, süchtig gemacht und verkauft werden – nur wegen des Profits.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Geld rechtfertigt für manche Menschen alles: die Beteiligung an Menschenhandel, Zwangsprostitution und die sexuelle Ausbeutung von Kindern. Und die Frauen in diesem Roman wissen, dass die Welt, in der sie leben, von Männern gemacht wird, und finden sich damit ab. Insbesondere Crystal – eine der faszinierendsten Figuren in diesem vielschichtigen Roman – tut alles, um ihr schönes neues Leben beizubehalten. Aber sie weiß auch, dass es jederzeit vorbei sein kann, und bereitet sich – so gut wie es geht – auf den Absprung vor.

Kate Atkinson: "Weiter Himmel"
Aus dem Englischen von Anette Grube
Dumont, Köln 2021
480 Seiten, 24 Euro

Mehr zum Thema

Kate Atkinson: „Deckname Flamingo" - Agentin an der Schreibmaschine
(Deutschlandfunk Kultur, Frühkritik, 28.06.2019)

Kate Atkinson: „Deckname Flamingo“ - Der Krieg an der Schreibmaschine
(Deutschlandfunk Kultur, Frühkritik, 14.06.2019)

Krimibestenliste Mai - Ein wahrlich internationales Podium
(Deutschlandfunk Kultur, Aktuell, 07.05.2021)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Kompressor

Frauen in der ArchitekturDie vergessenen Architektinnen
Innenansicht des von der Architektin Emilie Winkelmann gestalteten Theaters „Tribuene”. (picture-alliance / akg-images)

Die Architektin Marlene Moeschke-Poelzig ist längst nicht so bekannt wie ihr Mann: Als Frau konnte sie nur in seinem Schatten arbeiten. Bis heute sei die Architektur männlich dominiert, sagt Isabel Thelen vom Festival "Women in Architecture Berlin".Mehr

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur