Kate Atkinson: "Weiter Himmel"

    Am Meer der Gewalt

    03:22 Minuten
    Das Cover von Kate Atkinsons Buch "Weiter Himmel" auf orange-weißem Hintergrund.
    Malerische Kulisse, furchtbare Verbrechen: Kate Atkinson hat mit "Weiter Himmel" einen verstörenden Kriminalroman geschrieben. © Deutschlandradio / Dumont
    Von Sonja Hartl · 28.05.2021
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    Zwangsprostitution, Menschenhandel, Kindesmissbrauch: Kate Atkinson lässt Ermittler Jackson Brodie in "Weiter Himmel" einen Blick hinter die Fassaden einer idyllischen Küstenlandschaft im Norden Englands werfen.
    In den Norden Yorkshires hat sich Kate Atkinsons Privatdetektiv Jackson Brodie in dem fünften Band "Weiter Himmel" zurückgezogen. Sein Leben soll ruhiger werden, also observiert er vor allem untreue Ehemänner, kümmert sich um seinen Sohn und hadert mit seiner Rolle als Vater und Mann. Aber in den Orten an der Küste ist es nur vordergründig idyllisch. Hinter der malerischen Fassade finden grausame Verbrechen statt.
    Kate Atkinson nimmt sich in "Weiter Himmel" zunächst einmal Zeit, ihre Figuren einzuführen. Dazu gehören die Polinnen Nadja und Katja, die sich bei einer Personalagentur bewerben, weil sie auf ein besseres Leben in England hoffen. Der Hobbygolfer Vince, der Probleme mit seiner Noch-Ehefrau hat und neidisch auf den Erfolg seiner Golfkumpels blickt. Crystal, die unbedingt als Mutter und Ehefrau alles richtig machen will, damit sie ihre Vergangenheit vergessen kann. Crystals Stiefsohn Harry, der nicht wirklich weiß, wer er ist. Und die Polizistinnen Ronnie und Reggie, die in einem alten Fall ermitteln, in dem Kinder vergewaltigt wurden.

    Mädchen landen im Kellerverlies

    Verbunden werden diese Figuren nach und nach durch Verbrechen in Gegenwart und Vergangenheit, begangen von Männern, die sich einfach nehmen, was sie wollen – notfalls mit Gewalt. Atkinson lässt keine Distanz in ihrem Buch zu. Sie zieht ihre Leserinnen und Leser direkt in eine Welt, in der sich erwachsene Männer als Teenager in Chats ausgeben, um Minderjährige kennenzulernen. In der Mädchen mitten Tag auf offener Straße in ein Auto steigen und in einem Kellerverlies landen und Frauen aus ärmeren Ländern nach England gelockt, süchtig gemacht und verkauft werden – nur wegen des Profits.
    Geld rechtfertigt für manche Menschen alles: die Beteiligung an Menschenhandel, Zwangsprostitution und die sexuelle Ausbeutung von Kindern. Und die Frauen in diesem Roman wissen, dass die Welt, in der sie leben, von Männern gemacht wird, und finden sich damit ab. Insbesondere Crystal – eine der faszinierendsten Figuren in diesem vielschichtigen Roman – tut alles, um ihr schönes neues Leben beizubehalten. Aber sie weiß auch, dass es jederzeit vorbei sein kann, und bereitet sich – so gut wie es geht – auf den Absprung vor.

    Kate Atkinson: "Weiter Himmel"
    Aus dem Englischen von Anette Grube
    Dumont, Köln 2021
    480 Seiten, 24 Euro

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