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Frühkritik | Beitrag vom 14.06.2019

Kate Atkinson: „Deckname Flamingo“Der Krieg an der Schreibmaschine

Von Kolja Mensing

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Im Vordergrund ist das Cover des Krimis "Deckname Flamingo". Im Hintergrund eine schwarzweiß Aufnahme Londons aus dem Jahre 1959. (Droemer Verlag / Imago / United Archives International)
Hotspots für Spione: Die britische Hauptstadt London war in den 50er-Jahren ein Tummelplatz für Agenten. (Droemer Verlag / Imago / United Archives International)

Julia Armstong heuert beim Geheimdienst an, versteht nur wenig und wird später bedroht. Der Krimi "Deckname Flamino" von Kate Atkinson ist ein historischer Spionageroman mit Gender-Twist. Doch auch eine Art geschicktes Täuschungsmanöver.

Julia Armstong ist 18 Jahre alt, als sie im Frühjahr 1940 vom britischen Inlandsgeheimdienst rekrutiert wird. Nach "zwei langweiligen Monaten" in der Registratur wird sie für einen Sondereinsatz abgestellt: "eine Art Täuschungsmanöver".

Ein Agent des MI5 gibt sich als Gestapo-Spion aus, um eine Gruppe britischer Faschisten zu infiltrieren. Die Treffen finden in einer Wohnung am Dolphin Square in Pimlico statt. Julia soll in der Nachbarwohnung die heimlich entstandenen Aufnahmen transkribieren, die eine derart schlechte Tonqualität haben, dass sie kaum etwas versteht: eine einsame und eher frustrierende Arbeit.

Zwei Leichen und Drohbriefe

Kate Atkinsons Roman "Deckname Flamingo" setzt demonstrativ unspektakulär ein. Man könnte fast meinen, dass die Spionagegeschichte nur ein Vorwand ist, um den grauen Kriegsalltag in London zu beschreiben: schlechtes Essen, gedämpfter Patriotismus und die diffuse Angst vor einer Invasion der Deutschen.

Selbst als Julia für eine kurze Zeit selbst ins Feld geschickt wird, um im Salon des "Right Club" Kontakt zu britischen Upper-Class-Nazis aufzunehmen, ist das zunächst nur der Beginn einer Reihe öder Teestunden. Doch dann gibt es plötzlich zwei Tote: Das Dienstmädchen einer der Damen aus dem "Right Club" wird ermordet - und in der Wohnung am Dolphin Square kommt es zu einem blutigen Zwischenfall. Beide Todesfälle werden vertuscht, beide Todesfälle haben mit Julia zu tun - und zehn Jahre später bekommt sie plötzlich anonyme Drohbriefe: "Du wirst bezahlen, für das, was du getan hast."

Wo ist die Rolle der Stenotypistin im Plot?

Was hat Julia Armstrong getan? Routiniert springt die Erzählung zwischen den beiden Zeitebenen hin und her, und am Anfang  sieht es so aus, als ob es tatsächlich darum geht, wie eine gewöhnliche Stenotypistin im Frühjahr 1940 in eine Aktion des MI5 hineingezogen wird, um im Kalten Krieg von ihrem eigenen früheren Leben wieder eingeholt zu werden – ohne dabei selbst so recht zu begreifen, was ihr "Platz im Plot" eigentlich ist, wie Kate Atkinson es ihre Protagonistin zu Beginn des Romans formulieren lässt.

Doch das ist eine Falle, die in diesem Fall dem Leser gestellt wird: Tatsächlich weiß Julia von Anfang an sehr genau, welche Rolle sie spielt. Aber ihre Erinnerungen sind genauso lückenhaft wie die Abschriften, die sie anhand der verrauschten Tonaufnahmen in der Wohnung am Dolphin Square erstellt. Während die Agenten des MI5 ihre Legenden mit immer neuen Lügen absichern, lässt eine weibliche Schreibkraft einfach ein paar Worte im Protokoll aus. "Deckname Flamingo" ist ein raffiniertes literarisches Täuschungsmanöver - und trotz des historischen Ambientes ein ziemlich zeitgemäßer Spionageroman mit Gender-Twist.

Kate Atkinson: "Deckname Flamingo"
Aus dem Englischen von Anette Grube 
Droemer, München 2019
331 Seiten, 19,99 Euro

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