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Interview | Beitrag vom 22.07.2021

Katastrophenschutz Mehr Vorsorge bedeutet weniger Tote, Zerstörung und Kosten

Benjamin Scharte im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Blick auf den Damm der Steinbachtalsperre, der mehrfach gebrochen ist (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)
Tagelang wurde befürchtet, dass der Damm der Steinbachtalsperre in der Eifel den Fluten nicht standhalten kann. (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)

Risikoabwägung und Prävention lohnen sich, betont der Risikoforscher Benjamin Scharte mit Blick auf die Überschwemmungen. Anders als die Betroffenen vor Ort seien Experten von den Ereignissen nicht überrascht worden.

In den Hochwassergebieten im Westen Deutschlands sind eine Woche nach den Überflutungen die Aufräumarbeiten im Gange. Immer noch werden Menschen vermisst und Tote gefunden.

Wenn Katastrophen in solchen Dimensionen zum ersten Mal auftreten, stößt auch die Risikobewertung an ihre Grenzen: "Dann kennen wir weder die Wahrscheinlichkeiten noch die Schadenshöhe", sagt der Politologe Benjamin Scharte von der ETH Zürich.

Auch wenn es dieses Mal besonders schlimm war: Extremwetterereignisse haben Deutschland schon öfter heimgesucht, und dafür gebe es inzwischen auch Risikoeinschätzungen, so Scharte. Es sei bekannt, dass solche Ereignisse durch den Klimawandel häufiger aufträten und extremer würden.

Keine Überraschung für die Experten

So habe es beispielsweise im niederbayerischen Simbach am Inn im Jahr 2016 ein ähnliches Ereignis gegeben wie jetzt in einigen Gegenden von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Da sei ein Dorfbach, der sonst einen halben Meter Wasser führe, plötzlich auf einen Pegel von fünf Metern angestiegen.

"Da sind sieben Menschen gestorben", berichtet Scharte. "Insofern können wir als Forscherinnen und Forscher - und auch die Verantwortlichen im Katastrophenschutz - nicht davon sprechen, dass wir von solchen Ereignissen überrascht werden." Für die Menschen vor Ort komme ein Ereignis dieser Art unerwartet, nicht aber für die Experten.

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Eine Risikobewertung für all die vielen kleinen Flüsse und Bäche in Deutschland vorzunehmen, sei aber nicht einfach, so Scharte. Es gehe eher um ein übergreifendes Bild davon, mit welchen Ereignissen man in Zukunft rechnen müsse und ob sie durch den Klimawandel vielleicht schlimmer würden.

Abgestürzte Teile einer Reithalle in Blessem. Blessem, 16.07.2021 (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt) (picture alliance / Geisler-Fotopress / Christoph Hardt)Wie zuverlässig sind Hochwasserprognosen? Nach den Überschwemmungen wird darüber diskutiert, wie man in Zukunft schneller vor der Gefahr warnen kann. Ein Schlüssel dazu liege in den Vorhersageketten für große Flüsse, sagt Daniel Bachmann, Professor für hydrodynamische Modellierung an der Hochschule Magdeburg-Stendal [AUDIO]. Aus den prognostizierten Niederschlagsmengen und Abflüssen ließen sich Wasserstände und Fließgeschwindigkeiten ermitteln. Diese Modellkette könne man auch auf kleinere Flüsse übertragen.

Daraus ergäben sich dann Fragen, wie in Zukunft gebaut werden solle und wie die Menschen bei Unwetter gewarnt werden müssen. "Die Risiken können wir ganz gut bewerten, aber die Konsequenzen, die wir daraus ziehen, das ist fast das größere Thema."

Ein dezentraler Katastrophenschutz ist richtig

Als Vorteil wertet Scharte, dass der Katastrophenschutz in Deutschland dezentral aufgestellt ist und die Gegebenheiten dadurch vor Ort bekannt seien. Die Risikoforschung zeige, dass sich frühzeitige Vorkehrungen auch finanziell lohnten, betont er. "Es gibt Untersuchungen, wonach jeder Euro, den wir für die Vorsorge ausgeben, nachher ein Vielfaches an Schäden vermeidet."

(gem)

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