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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.07.2017

Katalonisches Unabhängigkeits-ReferendumWiderstand aus der Kunstszene

Von Julia Macher

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June 11, 2017 - Barcelona, Catalonia, Spain - Demonstrators with their placards take part in a pro-independence act at Barcelona s Montjuic Fountains in support of the recently announced referendum over Catalonia s independence from Spain in form of a republic at October 1st Barcelona Spain  (imago stock&people/ Matthias Oesterle)
Demonstration für die Unabhängigkeit Kataloniens in Barcelona. (imago stock&people/ Matthias Oesterle)

Befürworter der Unabhängigkeit Kataloniens haben zum Referendum aufgerufen: Am 1. Oktober sollen die Katalanen entscheiden, ob sie sich von Spanien lossagen wollen. Das Referendum spaltet schon im Vorfeld das Land. Intellektuelle haben sich jetzt in "El Pais" gegen die Abstimmung ausgesprochen.

Cervantes-Preisträger Eduardo Mendoza, Schriftsteller Juan Marsé, Regisseurin Isabel Coixet, der Liedermacher Joan Manel Serrat und ein halbes Dutzend anderer namhafter Kulturschaffenden aus Katalonien: Die Liste der Gegner des Referendums ist lang. Die Kritik, die sie an ihrer Regionalregierung üben, ähnlich.

Kritiker sagen, die Abstimmung sei eine Farce

Die Debatte über eine mögliche Unabhängigkeit ihrer Heimatregion Katalonien sei außer Kontrolle geraten, die geplante Abstimmung eine Farce. Die Bezeichnung "Referendum" will Joan Botella, Publizist und Politologe an der Autonomen Universität Barcelona, für diese Abstimmung nicht gelten lassen.

"Was immer auch genau am 1. Oktober passiert, es wurde nicht gemäß den grundlegenden Regeln für Referenden organisiert. Es gibt weder genügend Zeit zur Reflektion, noch plurale Information, noch eine unabhängige, öffentliche Verwaltung, noch einen genauen, von einer unabhängigen Institution kontrollierten Wahlzensus. Und es fehlt vor allem der Willen aller Beteiligten, die Entscheidung zu akzeptieren und Klarheit über die Folgen: Was passiert am Tag danach? Und dazu sagt hier keiner etwas."

"Katalonien ist ganz unbestreitbar eine Nation"

Auch der katalanische Vorzeigedesigner und Erfinder des Olympia-Maskottchens Javier Mariscal, sieht das geplante Referendum kritisch: 

"Zu fragen, wie wir uns verwalten wollen, ist vom Prinzip her eine großartige Idee. Es ist auch gut, dass innerhalb der katalanischen Nation – denn Katalonien ist ganz unbestreitbar eine Nation – über Unabhängigkeit diskutiert wird, aber man muss es richtig machen, über Pros und Kontras diskutieren, beispielsweise die Frage, ob wir innerhalb der Eurozone bleiben. Das ist für mich eine ganz wesentliche Frage."

Wenn er im Freundeskreis solche Zweifel äußere, erzählt Mariscal, bezeichneten ihn Bekannte schnell halb im Scherz, halb im Ernst als "spanischen Nationalisten". Eine Unterstellung, sagt Mariscal. Er sei kein Faschist, auch kein Wähler der konservativen Volkspartei Mariano Rajoys, des Partido Popular. Er fühle sich hundert Prozent als Katalane, nur die gegenwärtige Politik der katalanischen Regierung gefalle ihm nicht. 

Der Rechtfertigungsdruck wächst

Das Klima in Politik und Medien ist angespannt, der Rechtfertigungsdruck wächst – gerade auf die Kulturschaffenden: Zehn Wochen vor dem umstrittenen Referendum hat das Kampagnenfieber die Medienwelt gepackt. Kaum eine Zeitung, die sich neutral in der Frage um die Einheit Spaniens positioniert – weder in Katalonien noch in Spanien.

Wenn sich in der Madrid erscheinenden "El País" Regisseurin Isabel Coixet und Co gegen eine Abstimmung positionieren, kontert die pro-sezessionistische katalanische Zeitung "El Punt Avui" mit einem Abdruck der internationalen Unterstützer der Kampagne Let Catalans Vote

Der bereits verstorbene Nobelpreisträger Dario Fo, Friedensaktivistin Rigoberta Menchú, die Schriftsteller Irvine Welsh und Andrea Camilleri haben bereits unterschrieben. Der gefeierte jüngste Zugang ist: Yoko Ono. Keine ausgewiesene Expertin in Sachen Katalonien, aber ein prominenter Name. Das ist das Wichtigste, gibt Kampagnen-Koordinator Francesc Dalmases freimütig zu. 

"Der Sinn dieser Kampagne ist einfach, dass die Leute in den USA, Japan, Bolivien oder Südafrika sich fragen: Wer will eigentlich nicht, dass die Katalanen nicht wählen? Die Kampagne gibt es schon seit Jahren, aber jetzt, kurz vor dem Referendum, drücken wir noch mal auf die Tube."

Debatte ohne Zwischentöne

Differenzierte Darstellungen haben es in diesem Wettlauf um Unterstützer schwer, sagt Politologe Joan Botella, die Zwischentöne verschwinden zunehmend aus der Debatte. 

"Es gibt viele Menschen, die sich zu diesem Thema überhaupt nicht mehr äußern wollen. Elisabeth Noelle Neumann hat von der Schweigespirale gesprochen: Da bestimmte Meinungen in der Öffentlichkeit nicht gehört werden, denkt die Gesellschaft, es gäbe sie nicht, was wiederum das Schweigen bestärkt. In bestimmten Gegenden und Milieus in Katalonien ist die Pro-Unabhängigkeitsstimmung so homogen, dass keine anderen Stimmen zu Wort kommen."

Und darunter leide die politische Kultur, so Botella. Katalonien habe sich im Laufe seiner Geschichte immer als Avantgarde, als Impulsgeber für Debatten verstanden. Diese Rolle droht das Land nun einzubüßen. 

Die Mehrheit der Katalonen möchte in Spanien bleiben

Die Unterstützung für ein unabhängiges Katalonien ist in den letzten Monaten leicht gesunken, auf 41 Prozent. 49 Prozent möchten in Spanien bleiben. Wegen fehlender Wahlbeteiligung der Gegner trüge bei einer Abstimmung dennoch das Ja einen klaren Sieg davon. 

Doch ob das Referendum tatsächlich kommt? Joan Botella wiegt nachdenklich den Kopf. Mehr als eine symbolische Protestaktion sei unwahrscheinlich. Die Madrider Regierung hat angekündigt, ein echtes Referendum auf jeden Fall zu unterbinden und bereits erste juristische Maßnahmen eingeleitet. 

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