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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.04.2019

Karriereende von Dirk NowitzkiFür immer ein ganz Großer

Johannes Herber im Gespräch mit Ute Welty

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Dirk Nowitzki macht eine Geste in Richtung seiner Fans.  (picture alliance / AP Images / Tony Gutierrez)
Von den Fans gefeiert: Dirk Nowitzki verabschiedet sich bei seinem letzten Heimspiel für die Dallas Mavericks. (picture alliance / AP Images / Tony Gutierrez)

Dirk Nowitzki hört auf. Seine Karriere kann man nur in Superlativen beschreiben. Er hat Maßstäbe gesetzt und auch den richtigen Zeitpunkt für den Abschied gefunden, meint der ehemalige Basketballnationalspieler Johannes Herber.

Dirk Nowitzki beendet seine lange und außergewöhnlich erfolgreiche Karriere. Noch einmal will er auf dem Parkett stehen: im letzten Saisonspiel der Dallas Mavericks bei den San Antonio Spurs. Die Texaner treten heute Abend (Ortszeit) in San Antonio an. Nowitzki hat 21 Jahre in der NBA gespielt – nur für die Mavericks, nie für einen anderen Klub. Er hat jede Menge Bestmarken aufgestellt und ist bereits jetzt eine Basketballlegende.

Der ehemalige Basketballnationalspieler Johannes Herber hat mit Nowitzki zusammen gespielt, unter anderem bei der WM 2006. Im Deutschlandfunk Kultur würdigte Herber den NBA-Kollegen als einen Spieler, "der sich tief in die Basketballgeschichte eingeschrieben hat". Nowitzki habe auf dem Feld "unglaubliche Leistungen" gezeigt. Die Fans schätzten zudem, dass er dabei bescheiden geblieben sei und selbstironisch sein könne, sagte Herber. Nowitzkis Karriere sehe "ziemlich rund" aus, so Herber. Er habe einen guten Zeitpunkt gefunden zu gehen.

(ahe)


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: In Dallas ist der diesjährige April schon zum Monat von Dirk umbenannt worden, und bei den letzten Auswärtsspielen gab es immer Extra-Auszeiten, in denen die gegnerischen Trainer Dirk Nowitzki gewürdigt haben, den Star der Dallas Mavericks. Und seit heute Nacht ist klar: Der Ausnahme-Basketballer wird nach dieser Saison seine Karriere beenden.

Johannes Herber hat den Abschied vom Profisport schon hinter sich, unter anderem hat er bei der Basketball-WM 2006 mit Dirk Nowitzki zusammen gespielt, inzwischen kümmert er sich um Belange von Spielern und arbeitet als Autor. Finden Sie, dass Nowitzki die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit getroffen hat?

Herber: Ich glaube, es ist immer sehr schwer, von außen zu beurteilen, wann es einen richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt von einer Sportlerkarriere gibt, aber es sieht ziemlich rund aus.

Es sind jetzt 21 Jahre gewesen, Dirk hat viel erreicht – und man hat schon gemerkt, also auch in den letzten Jahren, dass sein Körper nicht mehr ganz so mitgemacht hat und die Bewegungen nicht mehr ganz so rund aussahen. Und ich glaube, dass er jetzt einen guten Zeitpunkt gefunden hat, um zu gehen.

Karriereende: Die Identität als Sportler geht verloren

Welty: Sie selbst haben über Ihren Abschied mal geschrieben, dass da ein Teil von Ihnen gestorben sei. Welcher Teil war das?

Herber: Das ist natürlich die Identität als Sportler und als Spieler. Die aufzugeben, das ist für alle Sportler nicht leicht, weil das Leben als Sportler folgt gewissen Routinen, es ist tief verwurzelt darin, dass man jeden Tag einen Wettkampf hat, dass es klare Ergebnisse gibt, eins oder null, der Treffer, der Wurf geht rein oder geht daneben, man läuft aus der Halle abends und bekommt Applaus oder wird ausgebuht.

Insofern herrscht da viel Klarheit und es gibt immer viel Resonanz. Und das sind Dinge, von denen man sich dann verabschieden muss. Und außerdem ist es natürlich die Liebe zum Sport, die da ein Stück auf der Strecke bleibt, weil man ihn nicht mehr ausüben kann.

Welty: Haben Sie diesen Teil inzwischen wieder reanimieren können?

Herber: Für mich selber? Ja. Ich gehe noch ab und zu spielen und ich habe andere Wege und Mittel gefunden, wie ich das ersetzen kann. Es sind ja jetzt schon sieben Jahre, insofern wäre es, glaube ich, nicht gut, wenn ich das bis jetzt nicht geschafft hätte.

In anderen Bereichen Ziele setzen

Welty: Auf Profisportler und -sportlerinnen kommt ja nach dem Karriereende harte Arbeit zu, weil sie abtrainieren müssen, weil Herz, Lunge und überhaupt sich alles wieder auf Normalleistung einstellen muss. Und dann fehlt am Ende immer die Belohnung, nämlich der Erfolg, der Sieg, der Applaus. Wie schafft man das?

Herber: Man muss es schaffen, sich in anderen Bereichen Ziele zu setzen und dann dort Befriedigung zu finden. Man kann natürlich den Sport vielleicht noch auf einem niedrigeren Niveau weiterführen und hat dann vielleicht Erfolgserlebnisse im Kleinen. Aber ich denke, das Wichtige ist, dass man es eben im Beruf oder in seinem Privatleben mit anderen Hobbys schafft, sich Befriedigung zu verschaffen.

Welty: Derzeit wird ja in Dallas mehr als ein Sportler gefeiert, der den Korb trifft. Was macht Dirk Nowitzki aus?

Herber: Dirk hat natürlich in erster Linie auf dem Feld unglaubliche Leistungen geschaffen. Er ist unter den sechs besten Scorern in der NBA-Geschichte, die Leute reden davon, dass er einer der besten Spieler aller Zeiten ist, er wird wahrscheinlich in die NBA Hall of Fame aufgenommen werden, und er hat sich wirklich tief in die Basketballgeschichte des Landes in Amerika, aber auch auf der ganzen Welt eingeschrieben.

Und das ist natürlich etwas ganz Besonderes. Und als Person schätzen die Leute an ihm, dass er immer bescheiden geblieben ist, außerdem hat er einen feinen Sinn für Ironie, Selbstironie, er ist immer für einen guten Witz über sich selber zu haben, und ich glaube, das wissen die Leute zu schätzen. Und gepaart mit seiner Brillanz auf dem Feld hat er es zu sehr, sehr hohem Ansehen gebracht.

Deutsch, weiß und still

Welty: Inwieweit hat er auch davon profitiert, dass er deutsch ist, weiß, und dass er nicht aneckt durch politische Aktionen oder Äußerungen?

Herber: Ja, das ist eine sehr gute Frage. Also Dirk hat sich aus den politischen Diskussionen, die es jetzt vielleicht auch in letzter Zeit im Sport vermehrt gab – das Beispiel Colin Kaepernick, der bei der Hymne gekniet hat, um auf Polizeibrutalität aufmerksam zu machen, und da gab es auch NBA-Spieler, die sich da auf seine Seite gestellt haben –, aus solchen Diskussionen hat sich Dirk bewusst immer rausgehalten. Und in Texas, in einem eher konservativen Staat, war das vielleicht für ihn auch die bessere Wahl. Ob das jetzt zu seinem Ansehen verstärkt beigetragen hat, kann ich nicht beurteilen, aber es ist sicherlich so, dass er nie die Konfrontation gesucht hat.

Welty: Sie selbst kennen ja auch diesen Zwiespalt, als Sie 2003 als aktiver Spieler in den USA gegen den Einmarsch im Irak protestieren wollten, sich dann aber letztendlich nicht überwinden wollten oder konnten. Gibt es Momente, wo Sie sich dafür in den durchtrainierten Hintern beißen?

Basketball-Nationalspieler Johannes Herber, aufgenommen am 31.03.2014 in Berlin. Foto: Maurizio Gambarini/dpa  (dpa)Politisch nie die Konfrontation gesucht: Der ehemalige Basketball-Nationalspieler Johannes Herber. (dpa)

Herber: Also durchtrainiert ist er leider nicht mehr. Ja, natürlich, wenn ich zurückblicke, wäre ich vielleicht stolzer auf mich oder fände ich mich selbst mutiger, wenn ich damals die Entscheidung getroffen hätte und protestiert hätte und eingetreten wäre für eine Sache, an die ich geglaubt habe.

Es ist natürlich so, dass man als Sportler unter besonderer Aufmerksamkeit steht, und dann bietet man eine Angriffsfläche und hat aber auch gleichzeitig die Möglichkeit, Leute zu beeinflussen. Und ich wollte damals nicht angegriffen werden, und eine ähnliche Entscheidung hat Dirk bisher auch immer getroffen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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