Seit 12:05 Uhr Aktuelles 12-13

Montag, 30.03.2020
 
Seit 12:05 Uhr Aktuelles 12-13

Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.02.2010

Karneval und Film

Die Berlinale-Kolumne

Von Jürgen Stratmann

Podcast abonnieren
Alles nur Karneval? (AP)
Alles nur Karneval? (AP)

Karneval und Kino - da scheint es nicht viel Berührungspunkte zu geben. Die meisten Besucher der Berlinale wussten nicht einmal, dass Rosenmontag ist. Dabei hat der Festivalrummel mehr Ähnlichkeit mit dem tollen Treiben in Köln, als mancher glauben mag - sagen zumindest erfahrene Rheinländer.

Kino & Karneval - da gab's wohl nie große Berührungspunkte - und wenn sich die Filmkunst mal mit dem Narrenfest beschäftigte dann doch eher in der Form kritischer Auseinandersetzung, klassisches Beispiel: Gerhard Polts berühmte Milieu-Studie "Kehraus" mit dem Tenor:

"... eigentlich find' ich das ganz schön geschmacklos, was ihr hier so treibt ..."

"Der Fasching ist eine Farce ..."

Kein Wunder also, dass heute morgen bei meiner Umfrage im Berlinale-Zentrum am Potsdamer Platz auf die Frage:

"Was ist heute für besonderer Tag?"

... eigentlich niemand eine Antwort wusste:

"Nein!"
".... keine Ahnung, was wollen Sie denn jetzt hören?"
"Valentinstag glaube ich - oder war das gestern?"
"Weiß ich nicht!"
(Gelächter)

An Rosenmontag denkt hier keiner, und darum findet man es auch nicht schlimm, dass die Berlinale in diesem Jahr genau zu den tollen Tagen stattfindet:

"Das ist jetzt für Berlin nicht so interresant, nä?"
"Nee, das ist nicht so interessant!" (Gelächter)

Doch wer so was sagt, ignoriert völlig die gar nicht so kleine Diaspora saison-katholischer Filmfreunde, die durch das Festival von den Wallfahrtsorten ihres närrischen Hochfestes ferngehalten werden - und, wie gesagt, das sind nicht wenige...

"Hier werden schon ein paar Hundert Rheinländer rumlaufen ...""

Einer von ihnen ist der Filmkritiker Josef Schnelle - er gibt zu:

"Ja, als Kölner wär ich jetzt lieber in Köln, aber so alle sieben Jahre passiert das, dass man überhaupt keine Chance hat, hier wegzukommen, wenn man die Berlinale mitnehmen will ..."

Dabei ist die Termin-Überschneidung nicht die Folge provokativer Geringschätzung närrischen Brauchtums seitens einer blasierten Kunst-und Kulturmischpoke, sondern einzig katholischem Eigensinn anzulasten, denn:

Schnelle: "Der Berlinale-Termin ist eigentlich immer gleich - aber Karneval schiebt sich hin und her, weil es sich eben nach Ostern richtet!""

Die Berlinale-Organisatoren trifft also keine Schuld. Außerdem: Wer sich mühe, das Beste aus der prekären Situation zu machen, könne auch dem Filmfest etwas abgewinnen, denn:

Schnelle: "Die Berlinale ist ja auch sowas wie Karneval - mit so vielen Parties und schlechten Umsonst-Getränken, also, das hat dann schon so Züge. Und die sexuellen Verirrungen sind dann auch so ähnlich wie im Karneval in Köln, jedenfalls bei denen, die bis spät nachts jede Party mitnehmen. Insofern vermisst man nicht alles."

Übrigens, als die Amerikaner vor 60 Jahren darüber nachdachten, ein deutsches Filmfest zu veranstalten, haben sich auch Metropolen wie Mainz oder Köln darum bemüht - aus heutiger Karnevalisten-Perspektive möglicherweise die bessere Wahl, da Termin-Überschneidungen wie die jetzt zu beklagende in beiden Städten garantiert verhindert worden wären! Allerdings, so gibt Josef Schnelle zu bedenken: Berlin kann vielleicht kein Karneval, aber dafür können die Kölner andere Sachen nicht so gut:

"Es hat ja mal Versuche gegeben, in Köln ein Filmfestival zu installieren. Das gab's dann vier Jahre, und am Ende waren die beiden Geschäftsführer auf der Flucht und sind bis heute nicht wieder aufgetaucht, und mit ihnen ist eine Million verschwunden - also ist es doch vielleicht ganz gut, dass es hier geblieben ist!" (lacht sich kaputt)

Musik:
"Ich han die Städte der Welt jesin,
ich wor in Rio, in New York un Berlin!
Se sin op ihre Aat jot un schön,
doch wenn ich ierhlich ben, do trick mich nix hin!

Hey Kölle - do ming Stadt am Rhing,
he wo ich jroß jewode ben.
Do bes en Stadt met Hätz un Siel.
Hey Kölle, do bes e Jeföhl!"

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDie Corona-WG des ORF
Ein Bett in einem kargen Raum. (Armin Wolf / Twitter)

Corona ist trotz Krise auch eine Zeit der Solidarität, liest man in den Feuilletons: Bürger setzen sich füreinander ein, der Staat will selbstständigen Künstlern helfen und Mitarbeiter des ORF rücken zur WG zusammen.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur