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Buchkritik | Beitrag vom 13.08.2019

Karin Kalisa: "Radio Activity"Auf der Jagd nach dem Schänder der eigenen Mutter

Von Manuela Reichart

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Das Bild zeigt das Cover des neuen Romans der Schrifstellerin Karin Kalisa. (Cover: C.H. Beck Verlag, Illustration: Deutschlandradio)
Karin Kalisa hat sich eine temporeiche und gut konstruierte Geschichte ausgedacht. (Cover: C.H. Beck Verlag, Illustration: Deutschlandradio)

In Karin Kalisas neuem Roman spielt das Radio eine große Rolle. Mit dessen Hilfe versucht die Protagonistin den Mann zu stellen, der einst ihre Mutter missbrauchte. Eine temporeich erzählte Geschichte, virtuos konstruiert und mit viel Spannung.

Drei junge Leute gründen in einer norddeutschen Stadt an der Küste mit enormem Er­folg eine regionale Radiostation: "Teer und Tee". Das Programm unterscheidet sich von anderen Sendern, hier wird Musik gespielt und gemischt, die angeblich nicht kompatibel ist und schon gar nicht mehr in die Zeit passt.

Vor allem aber sitzt hier eine junge Frau am Mikrofon der Morgensendung, deren perfekte Radio-Stimme alle in den Bann zieht. Und dann hat sie sich auch noch diesen Künstlernamen zugelegt, der an die Protagonis­tin in "Frühstück bei Tiffany" erinnert. Sie nennt sich Holly Gomighty - Audrey Hepburn lässt grüßen.

Ein angesehener Bürger, dem niemand etwas Böses zutraut

Die Moderatorin verfolgt allerdings ein besonde­res Ziel: Sie will mithilfe der Hörer und Hörerinnen und eines Ratespiels den Mann in die Enge treiben und stellen, der ihre Mutter vor Jahrzehnten missbrauchte. Er gab dem Mäd­chen Lateinunterricht, war ein angesehener Bürger in der Kleinstadt, dem niemand Üb­les zutraute.

Kurz vor ihrem Tod hatte die Mutter der aus Amerika in die heimatliche Hafenstadt zurückgekehrten Tochter davon erzählt. Der Täter lebt noch und soll nicht ungestraft davon kommen, denn die offizielle Anzeige war abgeschmettert worden: Die Tat sei verjährt, hieß es.

Karin Kalisa – deren Debütoman "Sungs Laden" über eine vietnamesische Familie im Prenzlauer Berg 2015 ein enormer Erfolg war – erzählt kenntnisreich und mit großer Leidenschaft vom Radio und von ihren Protagonisten. Sie selber – hat sie in einem Inter­view mit Deutschlandfunk Kultur betont – ist eine entschiedene Radiohörerin und reist nicht ohne ihren Weltempfänger.

Was ein gutes Radioprogramm ausmacht

Was ein gutes Programm ausmacht, das erklärt hier einer der drei Aktivisten: "Seine eigentliche Überzeugung sei ja, dass man Radio für ei­nen Freund mache. Nicht für einen bestimmten Freund, mehr so für die Idee von einem Freund." Diese Definition sollten sich alle Medienverantwortlichen zu Herzen nehmen.

Neben der Leidenschaft fürs Radio, der genauen Zeichnung ihrer Protagonisten, den drama­turgisch gekonnten Zeitsprüngen entwirft die Autorin tempo- und kenntnisreich einen spannenden Plot rund um eine Gesetzeslücke. Eine Lektüre, die man Juristen empfeh­len möchte. Aber auch allen anderen. Dieser gut geschriebene und virtuos erzählte Roman bereitet jede Menge Vergnügen.

Karin Kalisa: "Radio Activity"
C.H. Beck, München 2019
351 Seiten, 22 Euro

Mehr zum Thema

Karin Kalisa über ihr Buch "Radio Activity" - Verbrechen an einem Kind
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 17.07.2019)

Romandebüt "Sungs Laden" - Vietnamesische Utopie in Berlin
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 28.07.2015)

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