Kritik an Karikatur zu Selenskyj

    Bei Antisemitismus kann man nicht sensibel genug sein

    06:02 Minuten
    Der ukrainische Präsident Selenskyj in einer Videokonferenz beim Weltwirtschaftsforum in Davos am 23.Mai 2022.
    Diente als Vorlage für die Karikatur in der SZ: Der ukrainische Präsident Selenskyj bei seiner Auftaktrede zum 51. Weltwirtschaftsforum in Davos. © Getty Images / Anadolu Agency / Dursun Aydemir
    Alan Posener im Gespräch mit Nicole Dittmer · 27.05.2022
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    Bedient eine Karikatur des ukrainischen Präsidenten Selenskyj in der Süddeutschen Zeitung antisemitische Klischees? Ja, sagt der Journalist Alan Posener. Der Redaktion hätte das auffallen müssen – nicht zum ersten Mal.
    Ein übermächtig wirkender ukrainischer Präsident, zugeschaltet per Video zum Weltwirtschaftsforum in Davos: Dieses Bild hat die Süddeutsche Zeitung als Karikatur gebracht, um – nach eigener Aussage – zu illustrieren, „wie dominierend das Thema Ukraine dort ist“.
    Allerdings fühlen sich Kritiker durch die Bildsprache an die klischeehafte Darstellung von Juden in der NS-Zeitung „Der Stürmer“ erinnert. Alan Posener betont, dass das Foto des bekennenden Juden Selenskyj „bezeichnenderweise verändert“ worden sei.

    „Jetzt will ich dem Karikaturisten nicht unterstellen, dass er unbedingt die Karikatur eines Juden zeichnen wollte, der hier die Mächtigen an der Welt sozusagen an der Strippe zieht. Aber es hätte ihm auffallen müssen oder der Redaktion, dass es so interpretiert werden könnte.“

    Alan Posener

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    Als „übersensibel“ will der Journalist die Reaktionen, unter anderem von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, nicht gewertet wissen: „Ich weiß nicht, ob man am Punkt Antisemitismus wirklich übersensibel sein kann oder ob es nicht einfach so ist, dass man – Entschuldigung –verdammt noch einmal sensibel sein sollte.“

    Russlands Narrativ vom "faschistischen Staat" Ukraine

    Posener betont, ihm gehe es dabei nicht so sehr um die deutsche Geschichte. Er verweist vielmehr auf das derzeit von Russland und Präsident Putin verbreitete Narrativ, wonach Selenskyj in der Ukraine einen „faschistischen Staat“ errichtet habe. Außenminister Lawrow habe überdies erklärt, Juden seien oft „die größten Antisemiten“ – und damit auf das Jüdische Selenskyjs angespielt.
    Der Journalist wirft hier der SZ mangelndes Gespür vor. Vielleicht könne der Zeichner nicht gut „Ähnlichkeiten“, wie er sagt, „von seinem Humor gar nicht zu reden.“  Aber da hätte sich die Redaktion fragen müssen, ob der jüdische Präsident Selenskyj die „Versammlung der mächtigen Menschen“ beherrsche oder ob nicht vielmehr Putin mit seinem Krieg diese Versammlung dominiere.

    Zuckerberg als "Datenkrake", Netanjahu als "Monster"

    Die Süddeutsche Zeitung sei „schon ein paar Mal aufgefallen“, unterstreicht Posener. Unter anderem verweist er auf ebenfalls antisemitische Bildsprache verwendende Karikaturen des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg als „Datenkrake“ oder des früheren israelischen Premiers Netanjahu als „Monster“.
    „Das hat eine Geschichte. Wenn die Süddeutsche nicht begreift, dass sie da ein Problem hat, dann hat sie ein Problem.“

    Humor hört nicht beim Krieg auf

    Grundsätzlich sieht der Journalist kaum ein Tabu für Satire in Kriegszeiten. „Selbstverständlich“ könne man sich über Selenskyj oder über einzelne Aspekte des Krieges lustig machen: „beispielsweise die deutsche Unfähigkeit, ausrangierte Panzer zu liefern“.
    Es gebe vieles, sagt Posener. „Humor hört nicht beim Krieg auf. Aber dummer Humor hört auf.“
    (bth)

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