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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.03.2010

KarfreitagDie sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuze

Ein meditatives Karkonzert mit Pater Anselm Grün und Artisfact

Von Nicole C. Merz

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Im Vorwort seines Oratoriums "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" erklärt Joseph Haydn, wie das Werk ursprünglich entstanden war. Das Material erwies sich dann als so gut, dass Haydn daraus noch ein Streichquartett und eben ein Oratorium  (Haydn-Festspiele)
Im Vorwort seines Oratoriums "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" erklärt Joseph Haydn, wie das Werk ursprünglich entstanden war. Das Material erwies sich dann als so gut, dass Haydn daraus noch ein Streichquartett und eben ein Oratorium (Haydn-Festspiele)

Pater Anselm Grün und das Karlsruher Kammerensemble Artisfact haben Joseph Haydns Komposition "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze" in der Stadtkirche Baden-Baden aufgeführt – Rezitativ und Musik im Wechsel. Neu waren Pater Anselms ganz eigene Gedanken und zwei musikalische Erweiterungen.

Was sagt ein Mensch, wenn er unter Qualen stirbt – und was sagt Jesus von Nazareth, später der Gottessohn genannt? Die Evangelien nach Matthäus, Lukas und Johannes kennen sieben letzte Worte Jesu am Kreuz:

"Vater, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!
Frau, siehe dort ist dein Sohn!
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlasse?
Mich dürstet.
Es ist vollbracht.
In Deine Hände Herr, befehle ich meinen Geist."

Auf diese Aussprüche bezog sich 1785 Joseph Haydn in seiner instrumentalen Vertonung der "Sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuze".

In der Baden-Badener Stadtkirche herrscht gespannte Stille. Wie wird Anselm Grün diese sieben so unterschiedlichen Worte deuten?

Erstes Wort, Lukasevangelium:

Anselm Grün: "Dieses Wort 'Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.' will in unsere selbstverurteilenden Worte hineinfallen. 'Ich bin nicht gut genug! Ich hab alles verkehrt gemacht!' Musik will diese Worte auflösen und uns Vertrauen schenken. Wenn Jesus noch am Kreuz seinen Mördern vergibt, dann kann es wohl in uns nichts geben, das nicht vergeben wird."

Sieben letzte Worte, über 2000 Jahre alt. Der Verwaltungschef der Abtei Münster-Schwarzach und theologische Bestsellerautor Pater Anselm Grün schlägt die Brücke zur Gegenwart.

Anselm Grün: "Jeder Satz hat seine eigene Qualität. Entscheidend ist, dass die Angst vor dem Tod genommen wird. (...) Sieben ist eine Zahl der Verwandlung; die Worte sind dazu da, unser Leben zu verwandeln, all das Erstarrte in uns aufzubrechen, all das kalt gewordene mit Liebe zu erfüllen und uns Anteil zu geben letztlich an der Auferstehung."

Konzertbesucherin: "Wunderbar. Harmonisch. Friedvoll."
Konzertbesucherin: "Es war wirklich ganz hervorragend. Ich hab das eigentlich noch nie so erlebt, Mit den Rezitativen dazwischen, den gesprochenen Worte, da kann man das viel besser erleben."

Anselm Grün beweist Taktgefühl im wahrsten Sinne des Wortes. Inhaltlich wie auch formell fügen sich seine Meditationen harmonisch in Haydns "sieben letzte Worte" ein. So vertont schätzt sie der Benediktiner-Pater besonders.

Anselm Grün: "Ich hab diese Musik von Haydn schon öfter gehört und sie ist eben für mich immer wieder wunderbar, weil sie sehr tröstlich ist, sehr hoffnungsvoll, sehr optimistisch. Haydn ist kein Mann, der von Schuld und Sühne und Leid masochistisch redet, sondern der verstanden hat, dass es beim Kreuz in der Passion um die Mensch gewordene Liebe geht, die bis zur Vollendung geht, sogar den Tod noch verwandelt. Er will durch seine Musik die Menschen mit dieser Liebe erfüllen, die am Kreuz sichtbar geworden ist. Die Musik ist ein guter Weg, sie jetzt nicht nur den Kopf eindringen zu lassen, sondern ins Herz, ja auch die Tiefen des Unbewussten."

Thomas Haug: "Spontan regt er unglaublich meine Fantasie an. Für mich sind da unglaublich viele Metaphern drin, die ich, erst wenn ich mich sehr damit beschäftige, auch entdecke und jedes Mal wieder aufs Neue und das fasziniert mich."

Thomas Haug ist der künstlerische Leiter von Artisfact und Violinist ist in mehreren renommierten Orchestern Stimmführer, unter anderem der Internationalen Bachakademie Stuttgart. Haug ist also ein echter Bach-Kenner, verliert aber deswegen Haydn nicht aus den Augen. Haydns Musik als Inspirationsquelle –Thomas Haug und sein Ensemble Artisfact spielt mitten im Haydn-Zyklus Bach.

Thomas Haug: "Nach dem Wort: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' hab ich aus der Matthäus-Passion die 'Erbarme Dich'-Arie eingefügt, sozusagen als Lied ohne Worte. Hier wird die gnadenlose Verlassenheit hörbar. Der höchste Schmerz wird in dieser Arie dargestellt und am besten durch die Oboe d'amore und Solo-Violine und Kammerorchester."

Die Ergänzung scheint niemanden zu stören. Tatsächlich fügt sich Bachs Musik sehr harmonisch nach dem vierten Wort ein – nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich.

Konzertbesucher: "Da waren viele, gleichartige Schwingungen da, die einem in keiner Weise jetzt irgendwo gestört hätten, sondern das hat sehr gut zusammengepasst."
Konzertbesucherin: "War wunderschön, ganz toll."
Konzertbesucher: "Ich fand's sehr eingängig, ich bin kein Kammermusikfan sonst, aber das war sehr beeindruckend, was einem sehr zu Herzen ging."

Eine weitere Ergänzung hört das Publikum nach dem sechsten Wort, die Cellosuite BWV 1011.

Thomas Haug: "Es ist vollbracht und Christus verschied und diese Nachdenklichkeit, die da übrig bleibt, die ist an und für sich in der Bach Cellosuite Nr. 5 am besten vertreten."

Haydens bildreiche Musik bietet den Musikern viele gestalterische Möglichkeiten.

Thomas Haug:" Jesus Christus spricht am Kreuz 'Mich dürstet', aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er das noch laut rufen kann, sondern dass er das mit letzter Kraft seiner Stimme noch zum Ausdruck bringt. Und deswegen interpretieren wir in den Geigen dieses Seufzermotiv 'Mich dürstet' auf ne eigenartige Weise, kaum hörbar ist das Motiv und im Hintergrund hört man diese Pizziccati, die dann eben diese Blutstropfen darstellen. Anschließend wird's dann wahnsinnig laut, das ist dann das Gespött, der Hohn von den Soldaten. So wie Haydn das komponiert hat, sind zwei Teile drin, zwei verschiedene Gedanken, heftige Auseinandersetzungen, eine Dramatik quasi zwischen Himmel und zwischen Erde."

Konzertbesucher: "Musik kann genauso viel sagen oder noch mehr als Worte. In Kombination mit der Rezitation von dem Pater war das sehr schön."

Die musikalischen Experimente von Thomas Haug und Artisfact berühren das Publikum in gleicher Intensität wie Pater Anselm Grüns Meditationen. Trotz Passion gehen Musik und Worte nicht in Leid und Verderben auf.

Anselm Grün: "Die Passions-Mystik war ja immer eine Mystik der Liebe. Man wollte einfach die Liebe greifbar sehen und hören, die im Tod Jesu sichtbar geworden ist und diese Worte sind letztlich Worte der Liebe, die unsere negativen Worte auflösen und verwandeln wollen. Ostern ist für mich das Fest der Lebendigkeit, Fest der Liebe, die stärker als der Tod ist. Aber natürlich auch: Ostern ist das Fest der Hoffnung, dass es nichts gibt, das nicht verwandelt werden kann."

7. Wort, Lukasevangelium

Anselm Grün: "Vertrauensvolle Worte, mit denen Jesus stirbt. Er zeigt darin, dass im Tod nichts anderes geschieht, als was jeden Abend geschieht, wenn wir uns im Schlaf in Gottes gute Hände bergen. Im Tod wird es ein absolutes Loslassen und Aufgefangen-Werden-Sein von seinen guten Händen. Unmittelbar nach diesem Wort schließt dann Haydn mit dem Erdbeben. Die eigene Seele soll aufgebrochen werden, damit wir an Ostern wirklich auferstehen können als neue Menschen. Verwandelt durch die sieben Worte der Liebe, verwandelt durch die hörbar gewordene Liebe in dieser Musik."

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