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Im Gespräch | Beitrag vom 24.04.2019

Kapitalismuskritiker Jean ZieglerGerechtigkeit und Menschenwürde sind nicht verhandelbar

Moderation: Klaus Pokatzky

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Der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler (dpa picture alliance / Keystone /Olivier Maire)
Hat jetzt ein Buch geschrieben, das Kindern den Kapitalismus erklärt: der Schweizer Soziologe und Globalisierungskritiker Jean Ziegler. (dpa picture alliance / Keystone /Olivier Maire)

Er war mit Sartre und de Beauvoir befreundet und hat Jahrzehnte unermüdlich für die Menschenrechte gekämpft. Jean Ziegler ist einer der profiliertesten Kritiker des Kapitalismus - und lässt sich von nichts und niemandem den Mund verbieten.

Der Schweizer Soziologieprofessor Jean Ziegler kämpft für eine gerechtere Welt. Und sagt, was er denkt, ohne Rücksicht auf die Folgen. Er nennt korrupte Regierungschefs "Kleptokraten" und wird zu entsprechend hohen Schadensersatz-Summen verurteilt – inzwischen hat er mehrere Millionen Franken Schulden.

Vor weiteren Verfahren bewahrt ihn derzeit seine UN-Immunität. Als Mitglied des UN-Menschenrechtsrats befasst er sich vor allem mit Kriegsverbrechen im Sudan, in Syrien und im Jemen - einem von der Öffentlichkeit viel zu wenig wahrgenommenen Konflikt, wie er meint.

Sein neuestes Buch heißt "Was ist so schlimm am Kapitalismus?" und ist für ihn sein bisher wichtigstes: Es ist eine Art Erklär-Hilfe für Eltern, die ihren Kindern Fragen zum Wirtschaftssystem beantworten wollen. Ziegler setzt auf die Jugend: Die "Fridays for Future"-Bewegung gibt ihm "unglaubliche Hoffnung".

Mitgefühl allein ist nicht genug

Seine eigene Kindheit erinnert Ziegler als sehr behütet:

"Ich bin in Thun aufgewachsen, einer wunderschönen mittelalterlichen Stadt am Fuße der Berner Alpen. Mein Vater war Gerichtspräsident, Calvinist. Ein richtiges protestantisches Mittelklasse-Milieu, eine liebende Familie."

Als er auf dem Weg zur Schule zerlumpte und unterernährte Kinder sieht, die im Winter frierend Kühe hüten müssen, spricht er seinen Vater entsetzt darauf an. Dieser erklärt ihm, dass das "Verding-Kinder" seien. Das waren in der Schweiz Kinder, die von ihren armen Eltern zu reichen Bauern gegeben werden, um dort zu arbeiten.

Der Vater sagte: "Ja, das ist schrecklich, das sind arme Kinder, aber du kannst nichts tun. Gott hat das gewollt."

Damit wollte sich Ziegler nicht zufrieden geben: "Der Satz, der mich am meisten aufgebracht hat in meiner Jugend, war 'mach deine Sache' – 'du kannst nichts tun, die Welt kannst du nicht verändern'. Wenn Sie das einem 14-, 15-Jährigen sagen, dann geht der in die Luft."

Aus Hans wird Jean

Ziegler überwirft sich mit seinem Vater und geht nach Paris, fest entschlossen, für eine bessere Welt zu kämpfen. Dort trifft er auf Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, sie ist es schließlich auch, die ihn dazu bringt, seinen Vornamen zu ändern.

Als er nach zwei Jahren im Kongo über seine dortigen Bürgerkriegs-Erfahrungen für die Zeitschrift "Les Temps Modernes" schreibt, sieht de Beauvoir seinen Text "erbarmungslos mit dem roten Stift" durch. Und als sie unter dem Text seinen Namen "Hans Ziegler" sieht, sagt sie: "Hans? Was ist das? Das  ist doch kein Name!". Er erklärt, dass das auf Französisch Jean heißt. "Dann hat sie Hans durchgestrichen, Jean hingeschrieben, und seitdem heiße ich Jean Ziegler."

Unter diesem Namen ist er inzwischen nicht nur wegen seiner Tätigkeit für die UNO, sondern auch für seine rege Beteiligung an politischen Debatten, seine zahlreichen Publikationen und seinen unermüdlichen Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenwürde weltweit ein Begriff. Als Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission machte er sich unter anderem für die Durchsetzung des Rechts auf Nahrung stark.

Ziegler denkt noch lange nicht daran, sich von der politischen Arbeit zu verabschieden, aber er verspüre eine "unglaubliche Dankbarkeit" für sein überaus privilegiertes langes Leben, das schnell vorbeigegangen sei, sagte er im Deutschlandfunk Kultur: "Man hat ja kaum Zeit zu erwachen und schon ist man konfrontiert mit dem nahe stehenden Verschwinden von diesem Planeten."

Der Blick zurück auf Fehler

Seiner Ansicht nach hätte er in seinem Leben noch viel mehr erreichen können, selbstkritisch blickt er auf Fehler zurück. Dass er sich zum Beispiel von einem Diktator wie Muammar al Gaddafi nicht schneller distanziert habe, bereut er heute sehr: "Es war ein Irrtum. Es gibt auch ein Foto, auf dem Saddam Hussein mich umarmt. Das ist unglaublich, so ein Massenmörder, das hätte ich auch verhindern müssen."

Wenn er Politik und Arbeit vergessen möchte, fährt Jean Ziegler Ski. "Das ist das Schönste, was es gibt", meint er - um gleich darauf noch einige andere Dinge aufzuzählen, die ihm ebenfalls Freude bereiten. Wie beispielsweise Rotwein. Oder Diskussionen mit "Genossinnen und Genossen". Oder auch mit anderen Leuten. Aber "hin und wieder gescheit" müssen sie schon sein.

(mah)

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