Seit 20:03 Uhr Konzert
Freitag, 18.06.2021
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 26.02.2020

KapitalismusKlimawandel und Klassenkampf

Ein Standpunkt von Markus Ziener

Der Bildhauer Laurence Bradshaw bei der Arbeit an einer Büste für das Grabmal von Karl Marx auf dem Friedhof Highgate in London, 1955. Karl Marx (1818–1883) war Philosoph und Nationalökonom und der Begründer des Marxismus. (akg-images)
Auch am Marxismus könnten Digitalisierung und Klimawandel nicht spurlos vorbeigehen: Denn gesellschaftlicher Erfolg wird sich nicht länger am Besitz von Produktionsmitteln messen. (akg-images)

Der Kampf um Produktionsmittel - für Karl Marx die Triebkraft jeder gesellschaftlichen Entwicklung. Doch in Zeiten von Klimawandel und Digitalisierung gilt das vielleicht bald nicht mehr, glaubt Markus Ziener. Weil Markt und Besitz an Bedeutung verlieren.

Text, Musik und Film waren die ersten Erzeugnisse, die digitalisiert wurden. Ein Buch muss heute nicht mehr gedruckt werden, um sich zu verbreiten, und es benötigt auch keinen Verleger. Das kann jeder über Plattformen selbst erledigen. Gleiches gilt für Musik, die ohne Plattenfirma angeboten werden kann, oder für Videos, die gestreamt werden. Das physische Produkt - das Buch, die CD, der Film - sind nicht mehr nötig. Und damit verlieren auch die Produktionsmittelbesitzer an Marktmacht.

Der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin glaubt, dass sich das kapitalistische System durch die Digitalisierung selbst überflüssig macht. Die Menschen werden zu Produzenten und Konsumenten in einer Person, so genannten "Prosumern". Für Rifkin geht diese Entwicklung weit über Digitalisierbares hinaus. Mit dem 3D-Drucker, der durch selbst erzeugte Solarenergie betrieben wird, stellen wir bald selbst Produkte her. Mit dem Wachsen der Sharing Economy, bei der von Autos über Wohnungen bis hin zu Kleidung immer mehr geteilt wird, benötigen wir immer weniger Rohstoffe, so der US-Ökonom.

Ganz so einfach, wie Rifkin es sagt, wird es zwar nicht kommen. Denn noch immer bestimmen Dinge unsere Welt: Wir brauchen ein Fortbewegungsmittel, wenn wir reisen. Eine Waschmaschine, wenn wir waschen. Eine Unterkunft, wenn wir übernachten. Aber in der Tendenz brauchen wir von all dem tatsächlich immer weniger - wenn wir denn wollen.

Mit den Folgen besser leben

Die Frage nach dem Wollen dürfte uns jedoch abgenommen werden. Denn mit dem Klimawandel werden sich einige Fragen künftig ganz anders - oder eben gar nicht mehr - stellen. Wir werden bestimmte Dinge schlichtweg nicht mehr tun können:

Autofahren mit fossilen Brennstoffen, mit dem Flugzeug reisen, wohin es uns gerade Spaß macht, auf Gletschern Ski fahren oder grenzenlos Fleisch konsumieren. Wir müssen stattdessen lernen, besser mit Hitzeperioden umzugehen, unsere Häuser und Städte klimatauglich zu bauen, sorgsamer mit Wasser hauszuhalten und mit den Folgen veränderter Jahreszeiten zu leben.

Dabei wird der Klimawandel Stück für Stück unser gesellschaftliches System verändern. Denn der Markt alleine wird die richtigen Antworten für diese Herausforderungen nicht finden. Er braucht entweder Lenkungsinstrumente, wie den bislang noch unzureichenden Handel mit Emissionszertifikaten. Oder klar gesetzte rote Linien. Was das in der Konsequenz bedeutet: Die Rolle des Staates wird wachsen, Freiheiten werden beschnitten, unser Leben wird stärker reguliert.

Digitalisierung und Klimawandel passen zusammen

Wie diese Transformation ausgetragen wird, dürfte darüber entscheiden, welche Zukunft wir erleben werden. Wird es einen gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeiten dieser Veränderungen geben - oder werden neue Gräben gezogen? Werden daraus, wie bereits in den USA, zwei feindliche Lager entstehen, wo die einen den Wandel leugnen und die anderen ihn gestalten wollen? Ob die Moderation dieses Prozesses gelingt, ist der entscheidende Faktor für den künftigen Weg.

Digitalisierung und Klimawandel passen dabei zusammen. Das Digitale kann den Ressourcenverbrauch dramatisch reduzieren. Und der Klimawandel wird dies noch beschleunigen. Gesellschaftlicher Erfolg wird sich dann nicht mehr an der Anhäufung materieller Güter bemessen, sondern am vernünftigen Umgang mit dem, was wir haben.

Es sind diese beiden Entwicklungen, die unser Leben verändern werden - und nicht mehr die Klassenkämpfe um Produktionsmittel. So könnte es kommen - wenn wir es wollen.

Markus Ziener, Jahrgang 1960, ist Autor, Journalist und Hochschulprofessor in Berlin. Er war Korrespondent in Moskau und Washington und berichtete mehrere Jahre aus dem Mittleren Osten. Ab September 2020 geht er als Helmut-Schmidt-Fellow des German Marshall Funds und der Zeit-Stiftung in die USA.
Mehr zum Thema

50. Weltwirtschaftsforum - Davos im Zeichen der Klimafrage
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 21.01.2020)

Klimaschutz und Weihnachten - Konsumverzicht mit der Moralkeule?
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 20.12.2019)

Konsumstreik für mehr Klimaschutz - Wirtschaftssystem sprengen statt Straße blockieren
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 10.10.2019)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Politisches Feuilleton

Adé HomeofficeDie Chefs sind wieder da
Ein wütender Chef schüttelt die Faust in Richtung eines schlafenden Angestellten am Schreibtisch (Illustration).  (imago / fStop Images / Malte Müller)

Rund um den Pandemie-Hype ums Homeoffice blieb das Aussterben einer dominanten Spezies weitgehend unbeachtet: Der Chef und die Chefin wurden nicht mehr gebraucht. Das meint zumindest Journalist Nils Minkmar. Doch nun kommen die Führungskräfte zurück.Mehr

CoronapandemieImpfstoffpatente müssen ausgesetzt werden
Illustration einer Spritze die die Welt in Form eines Coronavirus impft. (imago / Marcus Butt)

Während die Corona-Bedrohung in reichen Ländern abnimmt, bleibt der Impfstoff weltweit knapp. Nur eine Aussetzung der Patente kann die Impfstoffproduktion weltweit ausweiten und so die Pandemie stoppen, meint Elisabeth Massute von Ärzte ohne Grenzen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur