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Buchkritik | Beitrag vom 14.11.2020

Kaouther Adimi: "Dezemberkids"Aufstand gegen das verkrustete System Algeriens

Von Claudia Kramatschek

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Buchcover von Kaouther Adimi: "Dezemberkids", Lenos Verlag, 2020. (Lenos Verlag / Deutschlandradio)
Hoffnungsvolles Dokument eines Bruchs zwischen den Generationen: "Dezemberkids" von Kaouther Adimi (Lenos Verlag / Deutschlandradio)

In "Dezemberkids" stellt ein Fußball spielendes Mädchen in wenigen Tagen das politische und gesellschaftliche System Algeriens auf den Kopf. Kaouther Adimi sei mit ihrem Roman ein "facettenreiches Porträt des Landes" gelungen, sagt unsere Kritikerin.

Algier, Anfang Februar, 2016: Die Stadt versinkt wie jedes Jahr um diese Zeit in Regen und Schlamm. Auch in der Cité des 11. Dezember, einer kleinen Siedlung in Dely Brahim, einem Vorort westlich von Algier, fluchen die Menschen leise vor sich hin.

Eine 11-jährige Fußballerin als Anführerin

Einzig drei Kinder, zwei Jungen und ein Mädchen, freuen sich über den Regen: Endlich einmal gehört der Bolzplatz in der Mitte der Siedlung, deren Grundstücke sämtlich im Besitz von Armee-Angehörigen sind, nur ihnen. Wie immer steht die 11-jährige Ines, Tochter einer alleinerziehenden Mutter und Enkelin einer Unabhängigkeitskämpferin, im Tor. Wie immer hält sie alle Bälle ihrer beiden 10-jährigen Freunde Dschamil und Mahdi.

Glücklich und erschöpft gehen die drei am Abend des 2. Februar 2016 nach Hause. Einen Tag später aber steht ganz Algerien Kopf: Zwei Generäle tauchen auf dem Bolzplatz auf, reklamieren ihn als ihr Eigentum und werden kurzerhand von einer aufgebrachten Truppe Jugendlicher verprügelt und verjagt. Eine Ungeheuerlichkeit im postkolonialen Algerien und der Auftakt zu einem Aufstand gegen das verkrustete System des Landes, den ausgerechnet die 11-jährige Ines anführen wird.

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Das klingt auf seine Weise zu schön, um wahr zu sein: ein Fußball spielendes Mädchen im patriarchalen Algerien, dem in wenigen Tagen gelingt, wovon die Vätergeneration Jahrzehnte vergeblich träumt.

Doch Kaouther Adimi, Jahrgang 1986 und selbst in Dely Brahim groß geworden, hat ihren Roman auf Grundlage einer realen Begebenheit geschrieben. Und sie liefert, ausgehend vom symbolischen Kampf um den Bolzplatz, der selbstredend für ganz Algerien steht, ein so genaues wie facettenreiches Porträt des Landes, in dem sich tatsächlich ein Wandel ankündigt.

Die Geschichte nicht vergessen

Getragen wird er von der Bewegung der sogenannten "Hirak", all jener vorwiegend jungen Menschen, die seit Februar 2019 jeden Freitag friedlich protestieren: für Demokratie und für eine radikale Zäsur im Land der Ewiggestrigen, das noch immer keinen Frieden mit sich gemacht hat.

Wie nebenbei rollt Adimi deshalb noch einmal im Spiegel ihrer Figuren die lange, blutige und opferreiche Geschichte Algeriens seit Erlangung der Unabhängigkeit auf. Sie tut das mit der Leichtigkeit der Nachgeborenen und mahnt ihr Land zugleich, die eigene Geschichte weder zu vergessen, noch zu idealisieren.

Der Kampf der Frauen

Sie spricht über die Frauen, die für die Freiheit des Landes kämpften und anschließend selbst unterdrückt wurden. Sie schreibt über die lähmende Angst, die das Land jahrzehntelang traumatisiert hat, sowie über die Generation der Väter, die erst zu jung waren für den Kampf um die Unabhängigkeit und sich dann resigniert arrangiert haben mit dem System.

"Dezemberkids", fabelhaft übersetzt und mit einem instruktiven Nachwort versehen von Regina Keil-Sagawe, ist insofern auch das hoffnungsvolle Dokument eines Bruchs zwischen den Generationen, denn die 11-jährige Ines steht nicht nur für das Aufbegehren der algerischen Frauen. Sie steht für alle, die nun sagen "es reicht". Ihnen verleiht Kaouther Adimi unüberhörbar, doch ohne Pathos, hellsichtig eine Stimme.

Kaouther Adimi: "Dezemberkids"
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Regina Keil-Sagawe.
Lenos Verlag, Zürich 2020
256 Seiten, 22 Euro

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