Kommentar

Berichterstattung über Merz - Mediale Treibjagd ohne Maß

Bundeskanzler Friedrich Merz sitzt allein mit einem ernsten Gesicht auf einem blauen Stuhl im Bundestag.
Friedrich Merz hat Fehler gemacht, doch diese rechtfertigen nicht die Lawine an Schmähungen, die auf ihn seit Monaten niedergeht, meint Markus Ziener. © Imago / dts Nachrichtenagentur
Ein Standpunkt von Markus Ziener |
Friedrich Merz hat Fehler begangen, und die muss man benennen. Doch die mediale Berichterstattung über den Bundeskanzler hat jedes Maß verloren. Eine Skandalisierungsspirale wird zum Filter für alles, was der Kanzler tut.
Ist Bundeskanzler Friedrich Merz ein empathischer Menschenfänger? Eher nicht. Ein Charismatiker, dem die Herzen zufliegen? Wohl kaum. Aber ist er ein Demokrat, der diese Demokratie verteidigen und das Land politisch stabilisieren will? Das in jedem Fall.
Und doch ist dieser Mann derart ins Fadenkreuz der Medien geraten, dass man glauben könnte, sein Verbleib an der Spitze des Staates bedeute den Untergang der Republik.

Ungeschickte Aussagen und handwerkliche Fehler

Dabei ist nicht zu leugnen, dass der ehrgeizige CDU-Politiker Fehler begeht: handwerkliche Schnitzer wie bei der missglückten Kabinettsumbildung, erratische Positionswechsel bei der Schuldenbremse oder ungeschickte Aussagen über Migration, das Stadtbild oder jetzt die Struktur der Krankenkassen.
Doch nichts davon rechtfertigt die Lawine an Schmähungen, die auf diesen Mann seit Wochen und Monaten niedergeht. „Kanzler im Endspiel“, „Krisen-Merz“, „König des Scherbenhaufens“, „Angezählt im Kanzleramt“ – das sind nur einige der Überschriften, mit denen Merz nahezu täglich bedacht wird.
Dazu Podcasts und Talkrunden, die sich stundenlang damit beschäftigen, wann der Kanzler an welchem Tag, in welcher Minute etwas falsch gemacht hat. Irgendwann ist die Debatte so überdreht, dass nur noch eine Lösung zu bleiben scheint: Merz muss weg. Am besten jetzt und sofort.
Und dann? Auf diese Frage gibt es in der Regel ein großes Nichts. Denn wer den Rücktritt eines Kanzlers fordert, sollte auch sagen können, was danach kommen soll.

Parallelen zum Fall Christian Wulff

Vielleicht hilft ein Blick zurück: 2012 musste Bundespräsident Christian Wulff zurücktreten, nachdem sich immer neue Vorwürfe vermeintlicher Vorteilsnahme aneinanderreihten. Die Affäre begann mit einem günstigen Hauskredit und endete bei der absurden Frage, ob ein geschenktes Bobbycar als Vorteil zu werten sei.
2014 wurde Wulff in allen Punkten freigesprochen. Der politische Schaden aber war längst angerichtet. Eine Meute von Journalisten hatte sich zum Ziel gesetzt, den angeblichen Täuscher und Trickser Wulff zu Fall zu bringen, und dieses Ziel über Monate lang verfolgt.

Logik der Skandalisierungsspirale

Was bei Wulff geschah, wiederholt sich nun in anderer Form bei Merz: Es greifen mediale Mechanismen, die praktisch nicht auszuhebeln sind. Sie alle folgen der Logik der Skandalisierungsspirale. Vorwürfe müssen nicht juristisch oder moralisch belegt sein; Behauptungen genügen, um die Treibjagd in Gang zu setzen. Ist sie erst einmal in Fahrt, kann es sich kaum ein Medium leisten, den Zug zu verpassen. Oder anders gesagt: Ist das Narrativ gesetzt, muss es weiter gefüttert werden.
Bei dem bei Journalisten schon immer unbeliebten Kanzler lautet die Erzählung: „Merz kann es nicht.“ Also werden Nachrichten durch diesen Filter gepresst. Macht Merz einen Fehler, ist das ein Beleg für seine Überforderung. Korrigiert er sich, zeigt das seine Orientierungslosigkeit. Bleibt er bei seiner Position, ist er stur. Wechselt er seine Haltung, ist er unzuverlässig. Was immer er tut – es passt ins Narrativ.
Die Medien beanspruchen dabei nicht nur die moralische Lufthoheit. Es geht auch darum, möglichst lange die Welle zu reiten. „Wir müssen die Geschichte weiterdrehen“ lautet in den Redaktionskonferenzen dann der Arbeitsauftrag - egal, ob es etwas substanziell Neues gibt oder nicht.

Niemand hat einen Plan für danach

Dabei ist das Danach doch das Entscheidende. Dieses Land steht vor gewaltigen Herausforderungen: Russland und Trump, eine handfeste Wirtschaftstransformation, der Aufstieg rechtspopulistischer Antidemokraten – von dem schweren Erbe der beiden Vorgänger im Kanzleramt ganz zu schweigen. Kein Kanzler kann angesichts dieser Aufgaben wirklich gut aussehen.
Ja, Fehler müssen benannt werden, und die Medien müssen die Finger in die Wunde legen. Das ist ihr Job. Aber es ist auch ihr Job, dies ohne Hysterie und Schaum vor dem Mund zu tun. Bei Wulff ging es am Ende nur noch darum, den Politiker zu vernichten. Jedes Maß war verloren gegangen. Soll das bei Friedrich Merz nun tatsächlich wieder so sein?

Markus Ziener ist Autor, Journalist und Hochschulprofessor in Berlin. Er war Korrespondent in Moskau und Washington und berichtete mehrere Jahre aus dem Mittleren Osten.

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