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Weltzeit | Beitrag vom 18.11.2020

Kanarische InselnStart in eine ungewisse Hauptsaison

Von Marc Dugge

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Kunden in einer Bar am Strand von Las Canteras in Gran Canaria spiegeln sich am 14.10.2020 in einem Glas. (picture alliance / dpa / Manuel Navarro)
Tourismus auf Gran Canaria: "Es ist nicht wie sonst, es gibt sehr viel weniger Leute." (picture alliance / dpa / Manuel Navarro)

Vor Reisen nach Spanien wird in der Pandemie gewarnt - mit Ausnahme der Kanarischen Inseln. Touristen treffen allerdings nur zögerlich ein, gleichzeitig kommen geflüchtete Menschen über den Atlantik. Vor Ort fühlt man sich allein gelassen.

Franciscos Restaurant hat an diesem Tag Anfang November das erste Mal wieder auf seit Wochen. Gäste gibt es kaum, die Touristenzentren im Süden von Gran Canaria sind immer noch leer. Aber im 4-Sterne-Hotel gegenüber brennt schon Licht.

"Da drüben in dem Aparthotel wohnen keine Touristen, sondern Migranten, die auf die Insel gekommen sind", erzählt er. "Vor einem Monat war das Hotel noch geschlossen, jetzt haben sie es nur geöffnet, um diese Leute unterzubringen, denn sie wissen nicht wohin mit ihnen."

Tausende Migranten sind derzeit in Hotels auf den Inseln untergebracht. Denn die Sammelunterkünfte sind voll. In den vergangenen Wochen harrten zeitweise bis zu 2000 Menschen im Hafen von Arguineguin aus, im provisorischen Erstaufnahmelager - dabei ist es nur für gut 400 ausgelegt. José Antonio Rodriguez ist der lokale Einsatzleiter beim Roten Kreuz. Er kümmert sich um die Angekommen.

"Die meisten von ihnen sind komplett durchnässt" sagt er. "Damit sie sich nicht unterkühlen, bekommen sie neue, trockene Kleidung. Sie können sich dann erst mal duschen und bekommen etwas zu essen: einen heißen Tee und ein paar Kekse. Viele haben seit Tagen nichts gegessen. Da muss es etwas Leichtes sein, damit ihr Magen das auch verträgt."

Überfüllte Aufnahmelager, überfüllte Sammelunterkünfte

Wer in den Hafen kommt, sieht die Migranten nur von Weitem. Sie sitzen gedrängt auf der Kaimauer. Nur Polizisten und Sanitäter sind auf dem Gelände unterwegs. Journalisten werden schon an der Zufahrtsstraße abgewiesen. Judith Sunderland konnte sich als stellvertretende Europa-Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch einen Überblick verschaffen.

Die Menschen seien in engen Zelten untergebracht, sagt sie, unter einfachsten Bedingungen: "Es gibt keine Betten, keine Kissen oder Matratzen. Die Menschen schlafen auf dem Boden. Sie haben eine Toilette für ein ganzes Zelt. Die Menschen dürfen sich nur im Zelt aufhalten oder in einem kleinen Bereich davor. Sie müssen also entweder in der erstickenden Atmosphäre im Zelt sitzen - oder ungeschützt in der prallen Sonne."

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Noch auf dem Pier werden die Migranten auf das Coronavirus getestet. Wer positiv ist, wird sofort isoliert. Die anderen werden in Sammelunterkünften untergebracht– oder eben in Hotels. Unter den Angekommenen sind vor allem junge Marokkaner. Aber auch aus Westafrika - aus dem Senegal, Guinea und den Krisenländern Elfenbeinküste oder Mali machen sich immer mehr Menschen auf den Weg über den Atlantik.

Die Polizei mache bei ihnen keinen großen Unterschied, kritisiert Menschenrechtlerin Sunderland: "Es scheint, dass die Polizei jedem systematisch einen Ausweisungsbefehl in die Hand drückt. Ohne, dass vorher die persönliche Situation der Betroffenen untersucht wurde. Die Polizisten verlangen, dass sie dieses Papier unterschreiben – in den meisten Fällen ist kein Übersetzer dabei, der den Menschen verständlich erklären könnte, was auf dem Zettel steht. Und ein Anwalt ist ebenfalls nicht anwesend."

Trotz Gefahr - Fluchtweg über den Atlantik wird zur Option

Das sind schwere Vorwürfe. Sicher ist: Die Behörden sind völlig überfordert. Rund 18.000 Migranten waren zwischen Januar und Mitte November auf den Kanaren angekommen, so viele wie seit 2006 nicht mehr. Ein Grund dafür: Die anderen Wege nach Europa sind versperrt. Der Weg über das Mittelmeer von Nordmarokko nach Südspanien ist wegen intensiver Kontrolle durch die Küstenwachen immer schwieriger geworden. Und auch an den spanischen Exklaven Ceuta oder Melilla gelangt kaum noch jemand über den Grenzzaun.

Also führt der Weg wieder über die gefährliche Atlantikroute: etwa von der Westsahara oder von Mauretanien aus auf die Kanaren. Dort fühlen sich viele von Spanien und Europa allein gelassen. Zum Beispiel Antonio Morales, Inselpräsident von Gran Canaria.

"Ich denke, dass Europa die klare Strategie verfolgt, uns in eine Gefängnisinsel zu verwandeln", sagt er. "So, wie es in Lesbos oder in Lampedusa geschehen ist, in Ceuta oder in Melilla. Das ist kein Zufall! Sie denken sich: Die Menschen überqueren die Grenze im Süden, sie kommen nicht zu mir aufs Festland – und ich halte sie dort zurück. Ich verwandle diese Gebiete in abschreckende Gefängnisse."

Das Foto zeigt Hilfskräfte, die sich um Migranten in Las Salinas auf Fuerteventura kümmern. (imago)Hilfskräfte kümmern sich in Las Salinas auf Fuerteventura um Geflüchtete. (imago)

Die spanische Regierung versichert, dass die Situation für sie Priorität hat. Sie hat angekündigt, Militärgelände zu öffnen, um dort Migranten zu beherbergen. Das Aufnahmelager im Hafen soll bald schließen. Migranten, die nicht in einer Situation der "Verwundbarkeit" seien, sollen konsequent zurück nach Afrika geschickt werden.

Außerdem will die spanische Regierung eine diplomatische Offensive starten: Die Herkunfts- und Transitländer in Afrika sollen in den Kampf gegen die illegale Migration stärker eingebunden werden. In Spanien weiß man schon seit Jahren, dass es ohne sie nicht geht. Und auch, dass diese Hilfe ihren Preis hat: Im vergangenen Jahr hat Spanien 26 Millionen Euro überwiesen, damit Marokko seinen Grenzschutz besser ausrüsten kann, etwa mit Geländewagen. Ein Teil der insgesamt 140 Millionen, die die Europäische Kommission Marokko für die Grenzsicherung zugesagt hatte.

Keine Zukunftsperspektiven auf den Kanaren

Doch obwohl seit Jahren Geld nach Afrika fließt, schaffen es Migranten nach Europa. Auch dem 18-jährigen Senegalesen Daouda ist es gelungen. Er ist vor vier Monaten auf Gran Canaria angekommen - auf seinem Smartphone zeigt er stolz ein Video der gefährlichen Überfahrt auf dem Boot. Jeden Tag kommt er in den Stadtpark von Maspalomas zum Fußballspielen.

"Hier gibt es keine Arbeit, keine Schule", sagt er. "Ich mache nichts außer Essen, Schlafen und Sport. Man muss ruhig bleiben und auf die Papiere für die Weiterreise warten."

Die wenigsten wollen hier auf den Kanaren bleiben. Ihr Ziel ist der Kontinent: Frankreich, Italien, auch Deutschland. An Daoudas Handgelenk baumelt ein blaues Plastikbändchen aus einem All-Inclusive-Hotel. Gran Canaria hat in dieser Wintersaison sehr unterschiedliche Gäste.

Der Strand Playa del Águila im Süden von Gran Canaria ist menschenleer. Vor Björn Dunkerbecks Surfschule zieht sich ein kleiner Junge seinen Neoprenanzug an. Der mehrfache Windsurf-Weltmeister hat in der Coronakrise umdisponiert: Surfkurse für Anwohner und Kinder haben ihn über Wasser gehalten.

"Jetzt müssen wir alle nach vorne schauen"

"Wir haben wenig Umsatz gemacht in den letzten sechs Monaten", erzählt er. "Man hätte nie gedacht, dass so etwas passieren wird, aber leider ist es doch passiert - und jetzt müssen wir alle nach vorne schauen und sehen, dass es besser wird und nicht wieder schlechter."

Mit der Zeitumstellung hat auf den Kanaren die wichtige Wintersaison begonnen, doch der Tourismus läuft nur langsam an.

"Es sind schon einige deutsche Flieger eingetroffen, auch ein paar deutsche Windsurfer sind schon bei uns in der Saison gelandet, und es soll auch so weitergehen." Björn Dunkerbeck hofft, dass sich die Insel in den kommenden Wochen wieder füllt.

Für die Inselregierung wäre es schon ein Erfolg, wenn wenigstens die Hälfte der Hotels Gäste empfangen würde. Derzeit hat nur ein Bruchteil der Häuser geöffnet - und auch diese sind bei Weitem nicht ausgelastet.

"Im Moment sind etwa 30 Prozent unserer Zimmer belegt", sagt Manuel Navarra. Er leitet das 5-Sterne-Hotel RIU Oasis an den Dünen von Maspalomas. In der Eingangshalle scannt eine Wärmebildkamera jeden Gast, der sich die Hände desinfiziert. Der Direktor ist stolz auf die Sicherheitsvorkehrungen - bisher gab es noch keinen Fall von Covid-19 in seinem Haus.

Aber ein Hotel zu führen, ist dieser Tage eine Nervenprobe: "Wir wissen nicht, wie es im Dezember oder im Januar aussehen wird. Es wäre leichtsinnig, irgendwelche Zahlen in den Raum zu werfen. Wir planen mehr oder weniger von Woche zu Woche"

Der erste Corona-Hotspot war ein Hotel

Ein Luxushotel auf der Nachbarinsel Teneriffa war im Februar der erste Corona-Hotspot Spaniens. Touristen durften das Hotel tagelang nicht verlassen, nachdem ein Urlauber aus Italien positiv getestet worden war. Viele Fernsehkameras auch aus Deutschland richteten sich auf das 4-Sterne-Hotel – ein Albtraum für die Reisebranche.

Die kanarische Tourismusministerin Yaiza Castilla will so etwas nie wieder erleben. Sie hofft, dass der Spagat gelingt: Mehr Touristen auf die Inseln holen, aber gleichzeitig die Infektionszahlen niedrig halten.

Um das zu schaffen, setzt sie auf drastische Maßnahmen: "Wenn die Touristen in ihrem Hotel einchecken, müssen sie künftig nicht nur den Personalausweis oder ihre Kreditkarte vorlegen, sondern auch einen offiziellen Nachweis für einen negativen Coronatest. Dieser darf nicht älter als 72 Stunden sein."

So steht es in einem neuen Gesetzesdekret, das gerade verabschiedet wurde. Seit dem 14. November sind die Coronatests für Kanaren-Besucher Pflicht.

Schon im Frühsommer hatte die kanarische Regionalregierung die Testpflicht für Touristen gefordert. Die Zentralregierung in Madrid wollte damals davon nichts wissen: Zu groß war die Angst, Besucher abzuschrecken und an andere Destinationen zu verlieren. Das hat sich geändert: In dieser Woche gab sie bekannt, dass Einreisende nach Spanien künftig ein negatives Testergebnis vorlegen müssen, wenn sie aus Risikogebieten kommen - zu ihnen zählt derzeit auch Deutschland. Die Regelung gilt ab dem 23. November.

Verkaufsargument Sicherheit

Solange wollten die Kanaren nicht warten – es steht für sie auch besonders viel auf dem Spiel. Acht von zehn Arbeitsplätzen hängen hier direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Deswegen rührt auch das spanische Fremdenverkehrsamt die Werbetrommel. Direktor Miguel Sanz hat diese Woche die neue Kampagne präsentiert mit dem Titel "Back to the Canary Islands, back to Spain".

"Die Kanaren sind das einzige Sonne-und Strand-Reiseziel, das derzeit für die großen europäischen Tourismusmärkte infrage kommt", sagt er. "Das einzige Ziel, das offen und sicher ist für Reisende aus Europa."

Es ist ein anderer Urlaub als sonst. Viele Restaurants und Hotels sind geschlossen, Nachtclubs ebenfalls - und selbst am Strand gilt Maskenpflicht. Und trotzdem: Die Coronalage ist derzeit entspannt. Die Regionalregierung hat es in den vergangenen Wochen geschafft, die Fallzahlen zu drücken. Es ist die einzige Region in Spanien, die für die deutsche Regierung nun nicht mehr als Risikogebiet gilt.

Hotelier Stefan Brodermann führt das kleine Hotel "El Chalet" in der Nähe von Maspalomas: "Ich finde das richtig, dass die Kanaren diese Einzelstellung auch nutzen, um zu sagen: Okay, dann müsst Ihr auch Reisenden auch etwas leisten. Dann müsst Ihr auch für diese Tests sorgen und schauen, dass das Virus von der Insel fernbleibt. Ich glaube auch nicht, dass die Leute sich davon abschrecken lassen, denn das heißt ja auch, dass sie hier sicher sind."

Coronatest vor Einreise ist Pflicht

Wer ohne aktuellen Coronatest auf die Kanaren kommt, wird von seinem Hotel an Ärzte oder Kliniken in der Umgebung vermittelt. Die Kosten für den Test muss der Tourist selbst tragen – und sich in Quarantäne begeben, bis das Ergebnis da ist. Eine Vorsichtsmaßnahme, die nötig ist, so die Ministerin Yaiza Castilla.

Sie stellt aber auch klar: "Nur sehr wenige Touristen haben das Virus mit auf die Inseln gebracht, sie sind für weniger als ein Prozent der Fälle verantwortlich. Viel eher wurde das Virus von Kanariern importiert, als die Grenzen wieder aufgemacht wurden. Manche Leute waren unvorsichtig. Sie haben sich eines nicht klargemacht: Wenn hier der Tourismus einbricht, bricht alles ein!"

Davon kann sich ein Bild machen, wer dieser Tage durch das Touristenviertel Playa del Inglés auf Gran Canaria schlendert. Die Straßen und Cafés sind verwaist, die Geschäfte verrammelt. Viele werden wohl nie wieder aufmachen. Afrikanische Strandverkäufer suchen verzweifelt nach Kunden. Vier von fünf Arbeitsplätzen hängen auf den Kanaren direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Die Arbeitslosenquote liegt inzwischen bei 25 Prozent.

Der Inselpräsident von Gran Canaria, Antonio Morales: "Der Staat versucht, mit Kurzarbeit die sozialen Folgen der Krise abzufedern. Aber wir merken trotzdem, dass viele Familien unter ihr zu leiden haben. Die Arbeitslosigkeit und die Armut wachsen. Das macht uns Sorgen. Deswegen haben wir 500 Millionen Euro auf der Insel investiert, um die Wirtschaft anzukurbeln, für Beschäftigung zu sorgen und die Folgen der Krise abzumildern, die durch den Rückgang im Tourismus ausgelöst wurde."

Die Folgen der Lockdowns

Die Deutschen haben an der Flaute einen gewaltigen Anteil. Sie sind nach den Briten die wichtigste Touristengruppe für die Inseln. 2,7 Millionen Deutsche sind im vergangenen Jahr auf die Kanaren gereist. Der deutsche Markt war so für ganze sieben Prozent der Wirtschaftsleistung der Inseln verantwortlich. Dann kam Corona – und die Gäste aus dem Norden blieben aus.

Leere Liegestühle stehen am Strand von Las Canteras. (picture alliance / dpa / Manuel Navarro)Gran Canaria im September 2020: Leere Liegestühle stehen am Strand von Las Canteras. (picture alliance / dpa / Manuel Navarro)

Zwischen Januar und August reisten eine Million Deutsche weniger auf die Kanaren als im Vorjahreszeitraum. Nun, ausgerechnet zum Saisonstart, geht Deutschland wieder in einen Teil-Lockdown und Kanzlerin Merkel appelliert an die Bürger, auf Reisen zu verzichten.

Tourismusministerin Castilla: "Ich denke, die Kanzlerin macht das, um ihr Volk und auch ihre Wirtschaft zu schützen. Das ist sehr verständlich. Die Gesundheit muss Vorrang haben. Aber Deutschland hat ja auch entschieden, die Kanarischen Inseln von der Liste der Risikogebiete zu streichen – ebenso wie Großbritannien. Dafür bin ich sehr dankbar. Das hat uns für die anstehende Hochsaison etwas Luft verschafft."

Brigitte und Leopold Piffl gehören zu den wenigen Gästen, die derzeit auf den Kanaren Urlaub machen. Die Österreicher sitzen mit Mundschutzmasken in der Lobby des Riu-Hotels und sind froh, sich auch in diesem Jahr für den Herbsturlaub unter Palmen entschieden zu haben:

"Es ist nicht wie sonst, es gibt sehr viel weniger Leute. Wir sind hier gut aufgehoben und fühlen uns wohl. Ich glaube, es ist noch sicherer als zu Hause - weil man hier mehr Abstand halten kann."

"Wir sind hier Gallien"

Tatsächlich sind die Kanarischen Inseln derzeit die Inseln der Seligen. Amós García, Epidemologe und Berater der kanarischen Regionalregierung, kommt in Anbetracht der aktuellen Sondersituation der Kanaren sofort ein Vergleich in den Sinn.

"Mich erinnert das immer an den Asterix-Comic", sagt er. "Wir sind hier Gallien! Nur, dass wir nicht von den Römern umzingelt werden, sondern vom Coronavirus. Ich bin überzeugt, dass wir derzeit die sicherste Reiseregion sind."

Tatsächlich schauen andere spanische Regionen mit Neid auf die Zahlen der Kanaren. Mitte November sind es gerade mal gut 40 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Natürlich hilft es den Kanaren, dass sie eine Insellage haben – und so die Infektionen besser kontrollieren können. Auch das milde Klima wirkt sich positiv aus. Und doch hatten auch die Kanaren ihre Coronakrise: Im Sommer waren die Fallzahlen rasant angestiegen. Offenbar hatten kanarische Studenten, die auf dem Festland studieren, das Virus neu eingeschleppt – und in Nachtclubs viele angesteckt.

"Wir sagten uns damals: Entweder handeln wir jetzt rasch oder wir haben sehr schnell schlechte Zahlen", sagt Amós García. "Glücklicherweise wurden unsere Empfehlungen dann auch sofort umgesetzt."

So mussten schon im August die Nachtclubs wieder schließen, bei privaten Treffen galten wieder Obergrenzen. Gleichzeitig stellte die Kanarenregierung rasch zusätzliche Hilfskräfte ein, die Infektionsketten nachverfolgen sollten – und sie baute die Testkapazitäten aus. Andere Regionen in Spanien ließen sich mit Corona-Maßnahmen mehr Zeit – mit der Folge, dass ihnen die Lage schnell wieder entglitt.

Kaum Streit um Corona-Maßnahmen

Auf den Kanaren folgte die Regierung den Empfehlungen eines Expertengremiums, das sie im März einberufen hatte. Deren Mitglieder kenne man auf den Kanaren mit Namen und Vornamen, sagt Amós Garcia. Das habe geholfen, das Vertrauen der Bevölkerung zu bekommen – und auch das der Politik.

Der Präventivmediziner Lluis Serra sitzt ebenfalls in dem Gremium: "Die Politiker haben schon sehr auf uns gehört. Natürlich gibt es immer Druck auf den Tourismussektor, zu öffnen – vor allem an einem Ort wie den Kanaren. Aber wir haben immer gesagt: Bremsen, bremsen, wir müssen langsam machen!"

So haben die Kanaren die Testpflicht für Touristen eher leise und unaufgeregt eingeführt. Große, laute Auseinandersetzungen gab es nicht. Auch das ist in anderen Teilen Spaniens anders: In Madrid lieferte sich die Regionalpräsidentin etwa einen öffentlichen, erbitterten Streit mit dem spanischen Gesundheitsminister über den richtigen Weg durch die Pandemie.

Anders auf den Kanaren, so Amós García: "Es gab hier durchaus politische Debatten – aber ohne Polemik. Streit ist schlecht, erst recht in Zeiten der Pandemie. Denn das sorgt dafür, dass Menschen eine Abneigung gegen die Corona-Empfehlungen entwickeln. Das haben wir hier nicht erlebt und das ist sehr positiv."

Natürlich weiß auch sein Kollege Lluis Serra, dass die Erfolge von heute schnell wieder verblassen können – und dass die Öffnung für Touristen viele Risiken mit sich bringt.

"Ich sage deshalb immer: Wir können unsere Politik erst beurteilen, wenn die Pandemie zu Ende ist", sagt er. "Und wir sind da noch mittendrin! In sechs Monaten werden wir wissen, was getan wurde, nicht getan wurde und hätte getan werden müssen. Jetzt ist es noch sehr früh."

Die Kanaren haben aber zunächst noch eine Wintersaison vor sich. Eine Saison, von der keiner weiß, wie viele Menschen kommen werden. Und vor allem: von woher.

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