Seit 23:30 Uhr Kulturnachrichten
Samstag, 31.10.2020
 
Seit 23:30 Uhr Kulturnachrichten

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 30.07.2015

Kanadas ImmigrationssystemNur die Punkte zählen

Von Georg Schwarte

Podcast abonnieren
Einwanderer fühlen sich in Kanada willkommen geheißen. (Imago - Peter Carroll)
Einwanderer fühlen sich in Kanada willkommen geheißen. (Imago - Peter Carroll)

Kanadische Einwanderer werden nach einem Punktesystem bewertet: Berufserfahrung ist gefragt, Englisch- und Französischkenntnisse sind gewünscht. Wer eine Ausbildung vorweisen kann, die besonders gesucht ist, zieht an allen Bewerbern vorbei.

Die U-Bahn in Toronto. Montag Abend. Feierabendverkehr. Ein Waggon voller Menschen. Wer in die Gesichter der Fahrgäste blickt, der sieht die Welt, sagt Torontos Stadtverordnete Kristin Wong Tam:

"Wenn wir den durchschnittlichen Deutschen auffordern würden: Fahrt bei uns mal U-Bahn. Dann würden sie schnell merken. Hier in Toronto ist die gesamte Welt zuhause."

Sie gehören zu den 51 Prozent der Einwohner in Toronto, Kanadas Wirtschaftsmetropole, die Einwanderer sind. Gekommen, um zu bleiben. So wie Kamo Mailyan. Geboren in Armenien, kam er vor zwei Jahren nach Kanada. Jetzt sitzt er in seinem Apartment am Abendbrottisch, seine vierjährige Tochter Mariam schläft nebenan. Sie, sagt er, ist das beste Beispiel, dass wir angekommen sind: Einen Morgens, erzählt er, um fünf, wachten meine Frau und ich auf und unsere Tochter nebenan saß im Halbschlaf in ihrem Bett und sang die kanadische Nationalhymne.

Im Weltzeit-Podcast hören Sie regelmäßig, wie sich andere Länder entwickeln: Konflikte, Fortschritte, Besonderheiten abseits der hiesigen Schlagzeilen.

Auch wer viele Punkte hat, muss oft ganz von vorn anfangen

Kamo hatte studiert in Armenien. Das kanadische Punktesystem, das einwanderungswillige Bewerber nach Sprachqualifikation, Berufserfahrung, Ausbildung und Alter einteilt, sprach für ihn. 67 von 100 Punkten braucht, wer ins Land will. Kamo hatte mehr, und doch musste er hier in Kanada ganz unten anfangen.

"Ich habe wirklich Jobs gemacht, um zu überleben, habe Abendkurse an der Uni belegt, Praktika gemacht für meine Bewerbungsmappe und dann haben kanadische Arbeitgeber mich wahrgenommen."

"Du fängst eben ganz von vorn an", sagt er. Heute, zwei Jahre später, arbeitet Kamo als Manager bei einer internationalen Handelsgesellschaft. Seine Frau Mary, auch aus Armenien, sprach kaum Englisch, als sie einreiste.

"Als wir ankamen, hat sie sich nicht beworben, sondern hat beschlossen, sie besucht eine kostenlose Sprachschule für Einwanderer, um ihr Englisch zu verbessern."

Sechs Monate später hatte sie in den Kursen für Einwanderer nicht nur Englisch gelernt, sondern auch wie man sich in Kanada erfolgreich bewirbt.

Gesucht: Einwanderer mit Mittelklasseprofil

Kamo profitierte dabei auch davon, dass die kanadische Regierung beim Thema Einwanderung eine Lektion gelernt hat. Die formal beste Ausbildung auf dem Papier eines Einwanderers nämlich sorgt nicht unbedingt dafür, dass er in Kanada automatisch Erfolg hat. Professor Phil Triadafilopoulos, selbst Sohn griechischer Einwanderer, Immigrationsexperte der Uni Toronto, sagt, lange habe es in Kanada ein Missverständnis gegeben:

"Wir haben gesagt: Hey, ihr seid intelligent, ihr kriegt das hier hin. Aber auch sehr kluge Menschen haben hier eben Schwierigkeiten, alles zu erfüllen, um Anwalt, Apotheker, Arzt zu werden."

Kamo Mailayn hatte Hilfe und Glück.

"Aus meinem Jahrgang gibt's viele Erfolgsgeschichten."

Kamo ist eine von ihnen. Gerade hat er seinen Eltern in Armenien das Foto eines Hochhauses geschickt. Vom Balkon seiner Mietwohnung kann er das Haus sehen. Im Sommer will er dort eine Wohnung kaufen. Er, der Armenier, der sich schon fast als Kanadier fühlt:

"I call myself a Canadian Armenian und I call my family Canadian-Armenian family..."

Luftaufnahme von Toronto (picture alliance / zb / Thomas Uhlemann)51 Prozent der 2,6 Millionen Einwohner Torontos sind Einwanderer (picture alliance / zb / Thomas Uhlemann)

In der ganz normalen Stadtteilbücherei hier in Don Mills haben sie armenische Kinderbücher für seine Tochter, er kann Stadtverordnete mit armenischer Herkunft wählen. Nächstes Jahr will er Kanadier werden. Nichts anders wollen doch alle Immigranten, sagt er:

"Wenn man das Punktesystem herunterbricht, geht's im Kern um die Fähigkeit der Bewerber, sich zu integrieren, nachzuweisen, dass sie Fähigkeiten eines guten Mittelklassebürgers haben. Sprache, Berufserfahrung. Passen sie in die Gesellschaft. Darum ging es lange Zeit."

Ohne die Einwohner würde Kanadas Bevölkerung ab 2030 schrumpfen

Professor Phil Triadafilopoulos, der Einwanderungsexperte sagt, Kanadier sind nicht per se gute Menschen, nur weil sie Einwanderer ins Land lassen. Einwanderung sei in Kanada im Gegenteil alles andere als Gutmenschentum oder uneigennützig:

"Das System war immer eigennützig. Kanada holt Menschen ins Land, weil wir glauben, sie helfen, eine erfolgreiche Gesellschaft und vor allem Wirtschaft zu bilden."

Einwanderung, sie gehört zur DNA eines Landes, das 1962 per Erlass die Qualifikation des Bewerbers, nicht mehr dessen Hautfarbe, Nationalität oder Abstammung in den Vordergrund stellte. Nicht aber aus moralischen, aus wirtschaftlichen Erwägungen. Mario Calla, Direktor von Costi, einem Hilfszentrum für Einwanderer in Toronto, sagt, ohne ständig neue Einwanderer würde die kanadische Bevölkerung ab 2030 kontinuierlich schrumpfen.

"Seit 2012 sind alle neugeschaffenen Jobs von Immigranten besetzt worden. Mit anderen Worten, im Land geborene Kanadier wären schon jetzt nicht mehr in der Lage, durch Wachstum entstandene Jobs zu besetzen."

Kristin Wong Tam, die Stadtverordnete aus Toronto, Tochter chinesischer Einwanderer, sie weiß ebenfalls sehr genau, dass ohne Einwanderer in Toronto schon heute kein Bus und keine U-Bahn mehr fahren würde. Sie selbst ist in Hongkong geboren, ihr Vater ein einfacher Arbeiter. Und auch die, sagt sie, würden heute immer benötigt:

"Wir brauchen Arbeiter. Wir brauchen Pfleger, Ärzte, wir haben schlicht zu wenig Arbeitskräfte. Punkt."

Gerade erst hat die konservative Regierung Harper die jährlich festzulegende Einwanderungsquote von 260.000 auf 285.000 Menschen erhöht. Kein Murren, kein Protest.

"There was no outcry."

Weit über 80 Prozent aller Kanadier sagen: Einwanderung ist wichtig und richtig.

Sechs von zehn Einwanderern sind Wirtschaftsmigranten

Über das Punktesystem kommt heute noch knapp die Hälfte der Einwanderer ins Land. Darüber hinaus haben alle Provinzen eigene Programme entwickelt. Ausländische Studenten wiederum können über andere Anträge in Kanada bleiben. Sechs von derzeit zehn Einwanderern sind Wirtschaftsmigranten. Der Rest kommt über den Familiennachzug oder als Flüchtling ins Land. Und seit Januar dieses Jahres gibt es die neueste Variante:

Express Entry. Die neueste Idee. Wer jung und hochqualifiziert ist und außerdem nachweisen kann, ein konkretes Jobangebot eines kanadischen Arbeitgebers zu haben, zieht an allen Bewerbern vorbei. Der Einwanderungsprozess, der ansonsten gern auch länger als fünf Jahre dauern kann, geht in diesem Fall in knapp sechs Monaten über die Bühne. Express Entry eben:

"Sie müssen immer noch Teile des Punktesystems erfüllen, aber jetzt haben Arbeitgeber mehr Mitsprache. Die Hoffnung ist  wohl, dass das unmittelbare Zusammenspiel von Arbeitsmarkt und Einwanderung der Wirtschaft insgesamt hilft."

Aber nicht nur in Toronto, der Stadt, wo 51 Prozent der Einwohner nicht in Kanada geboren wurden,  kennen sie auch die negativen Seiten. Kristin Wong Tam, die vehemente Verfechterin von Einwanderung erzählt den Witz, über den viele Taxifahrer der Stadt gar nicht lachen können:

"Wenn Du dringend einen Arzt brauchst, ruf Dir ein Taxi. Jeder dritte Taxifahrer der Stadt: angeblich ein eingewanderter Arzt, der in Kanada nicht praktizieren darf, weil sie seine Examen nicht anerkennen."

Die Kehrseite der Medaille: schlechte Jobaussichten für Akademiker

Dr. Adel Salama kennt den Witz über die Taxifahrer. Der Mann ist Anfang 50, geboren in Ägypten, jetzt ist er seit drei Jahren in Kanada. Und das mit ganzem Herzen.

"I love Canada."

35 Jahre hat Dr. Adel Salama in Kairo gelebt und gearbeitet. Ziemlich erfolgreich. Er war Dozent an der Uni, Ingenieur für Mechanik. Hatte Jobs in Argentinien, zehn Jahre in Saudi-Arabien. Aber er wollte weg. Sein Ziel, sein Traum: Leben und Arbeiten in Kanada. An diesem Abend kommt er spät nach Hause in sein Apartment in der Dunfield Avenue. Schon durch die Wohnungstür dringt ägyptische Musik – hier in einem Mittelklasse-Mietshaus im sechsten Stock, in dem wie zuvor in der U-Bahn auch die Welt versammelt scheint:

"Hier im Haus haben wir Argentinier, Franzosen, Spanier, Russen Iraner, Libyer, Iraker."

"Unser Haus ist wie die Welt", sagt Dr. Naglaa Mossad, die Frau von Adel Salama. Auch sie eine Akademikerin, Dozentin für Haushaltswirtschaft. Drei Kinder haben sie, acht, elf und 17 Jahre alt. Vor drei Jahren sind sie eingewandert. Mit großen Hoffnungen.

Kanadas Premierminister Stephen Harper nach seiner Rede im Parlament (afp / Jason Ransom)Hat die jährliche Einwanderungsquote auf 285.000 erhöht: Kanadas Premierminister Stephen Harper. (afp / Jason Ransom)

Für die Kinder seien sie nach Kanada gegangen. Das Schulsystem sei hervorragend, die Zukunft für sie so viel besser als zuhause. Und auch die Sicherheitslage – kein Vergleich. Drei Jahre sind die beiden Akademiker jetzt im Land. Kanada wollte sie. Einen Job aber haben beide bis heute nicht. Das kanadische Punktesystem sprach für sie, die Realität aber ist eine andere:

"Der Arbeitsmarkt ist speziell für besser ausgebildete Einwanderer schwierig hier. Bei McDonald's kannst du schnell einen Job bekommen. Alles andere braucht Zeit."

Akademische Abschlüsse aus dem Heimatland werden nicht immer anerkannt

Familie Salama, ein klassischer Fall, sagt Professor Phil Triadafilopoulos.

"Für lange Zeit hat Kanada die schlausten und bestausgebildeten Einwanderer ins Land geholt, die Jobaussichten aber sind gerade für sie nicht besonders gut."

Adel Salama und seine Frau Naglaa leben seit drei Jahren von ihren Ersparnissen. Ihr größtes Problem aber: nicht das Geld. Wie bei vielen anderen Einwanderer auch werden die Abschlüsse der beiden Akademiker nur teilweise anerkannt. Der Professor und langjährige Ingenieur muss Prüfungen machen, Kanada beweisen, dass er kann, was er längst konnte. Und dazu kommt bei beiden eine weitere Hürde. Die englische Sprache.

Er und seine Frau sprechen eher schlechtes Englisch. Beide haben Sprachkurse besucht. Aber für eine Dozentenstelle beispielsweise für Naglaa reicht es nicht. Wenn sie englischsprechende Immigranten trifft, werde sie manchmal ein kleines bisschen neidisch, gesteht Naglaa:

"Wenn ich Leute sehe, deren erste Sprache Englisch ist, sage ich: ihr habt Glück. Ich muss eben noch mehr üben, um einen Job als Dozentin zu bekommen. Das zumindest ist mein Traum."

Die Erfolgsgeschichten beginnen oft mit der zweiten Einwanderergeneration

Zehn Kilometer Luftlinie entfernt, im Stadtteil Weston im Costi-Immigration-Center bemühen sie sich Tag für Tag, Einwanderern den Traum vom perfekten Englisch zu erfüllen: Claudi aus Südafrika ist die Dozentin der Englischklasse. Im Klassenzimmer: neun erwachsene Männer und Frauen. Die Welt, hier sitzt sie um einen großen Tisch versammelt:

Yusuf aus dem Tschad. Er gehört in die Kategorie der taxifahrenden Ärzte. Er, der langjährige Hals-Nasen-Ohrenarzt, hat im Tschad praktiziert. Im Senegal. Hier in Kanada, in Toronto, fährt er Taxi, um seine drei Kinder zu ernähren, und macht Praktika im Krankenhaus. Unentgeltlich:

"Vielleicht klappt es irgendwann doch noch, dass ich wieder als Arzt arbeite."

Hier im Costi-Einwandererzentrum helfen sie Yusuf, Oscar, Sarah und anderen Immigranten, die englische Sprache zu lernen. 350 Mitarbeiter gibt es, 63 Sprachen sprechen sie. Und von morgens acht bis abends sechs klingelt das Telefon: Sie lernen Bewerbungen zu schreiben, ein Konto zu eröffnen, aber auch Kanada zu verstehen. Das politische System zu Beispiel.

"Im Augenblick bin ich etwas durcheinander. Im Moment fühl ich mich als kanadischer Ägypter. Oder als Ägypter, der vielleicht irgendwann Kanadier wird."

Omar, sein elfjähriger Sohn sitzt neben ihm. Omar spricht fließend englisch und arabisch. Er ist der beste in seiner Klasse. An seine alte Heimat Ägypten hat er keine Erinnerung mehr. Er ist das, was die Einwanderungsexperten in Kanada die zweite, die zumeist sehr erfolgreiche Generation von Einwanderern nennen – und Omar, der Elfjährige, er weiß sehr genau, welches Land er Heimat nennt:

"Canada!"

 

Mehr zum Thema:

Kanada - Ein Land und sein Einwanderungsgesetz
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 25.07.2015)

Anschläge in Kanada - "Das ist unser Nine-Eleven"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 23.10.2014)

Kanada - Nicht "refugee", sondern "citizen to be"
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 27.09.2014)

Weltzeit

US-GesundheitssystemChronisch reformbedürftig
Demonstranten mit einem roten Transparent auf dem übersetzt steht: Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht. (imago / ZUMA Wire / Aimee Dilger)

US-Präsident Trump genoss nach seiner Corona-Infektion die Spitzenmedizin des Landes. Anders sieht es für Millionen US-Bürger ohne Krankenversicherung aus. Eine Reform ist nötig, nur welche? Darüber entscheiden nun die Wähler.Mehr

Supermächte China und USADer Kampf um die Poleposition
Xi Jinping begrüßt Donald Trump während einer Zeremonie in Peking 2017, im Hintergrund stehen Soldaten Spalier. (Getty Images / Thomas Peter)

Eiszeit zwischen USA und China, den größten Wirtschaftsmächten der Welt: Streit über den Ursprung des Coronavirus, über den Konzern Huawei, über Hongkong, über Tibet, über Menschenrechte, über TikTok. Es gilt Konkurrenz statt Koexistenz. And the winner is?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur