Seit 19:05 Uhr Konzert
Samstag, 23.01.2021
 
Seit 19:05 Uhr Konzert

Im Gespräch | Beitrag vom 30.11.2020

Kampfmittelräumer Dieter GuldinDas tödliche Erbe der Kriege beseitigen

Moderation: Ulrike Timm

Beitrag hören Podcast abonnieren
Porträt von Dieter Guldin, von Beruf ist er Kampfmittelräumer. (Privat)
Dieter Guldin leitet derzeit ein großes Projekt in der Ostsee. "Mich können Sie überall hinpacken, ich komme klar", sagt er. (Privat)

Dieter Guldin hat einen Buchladen geführt, als Archäologe Ausgrabungen betreut und eine preisgekrönte Handytasche entworfen. Hauptberuflich ist er aber Kampfmittelräumer. Ein bekennender Pazifist, der die Hinterlassenschaften von Kriegen aufräumt.

Dieter Guldin hat lange seinen Weg im Leben gesucht. Dann machte er das Suchen zum Beruf: Erst als Archäologe, der in der Erde Relikte der Vergangenheit findet. Dann als Kampfmittelräumer, der die gefährlichen  Hinterlassenschaften von Kriegen aufspürt. "Das Moment des Suchens" habe ihn schon immer angetrieben, sagt er.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Guldins Unternehmen SeaTerra, das er gemeinsam mit einem Geschäftspartner führt, sucht mit High Tech nach gefährlichem Kriegsmüll: Mit Drohnen, die im Tiefflug den Erdboden mehrere Meter tief scannen. Oder Tauchrobotern, die am Meeresgrund verklappte Bomben oder Minen aufspüren.

Das tödliche Erbe der Weltkriege

Gerade auf See ist das oft wie die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Dieter Guldin wird gerufen, wenn Kabel im Meer verlegt oder Offshore-Windräder gebaut werden sollen. Dann suchen seine Mitarbeiter das entsprechende Gebiet auf explosive Überraschungen ab, quadratmeterweise.

Mindestens 1,6 Millionen Tonnen Bomben, Granaten und Minen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vor Deutschlands Küsten im Meer entsorgt. Würde man das alles auf einen Güterzug verladen, wäre er wohl 3000 Kilometer lang. Unmengen von Material, das verrottet und die Umwelt vergiftet.

Doch wo nicht gerade gebaut wird, bleibt das tödliche Erbe der Kriege einfach am Meeresgrund liegen. Denn eine flächendeckende Bergung wäre sehr teuer. "Das ist eine Schweinerei", sagt Guldin. Dass dieses Problem endlich systematisch angegangen wird, ist ihm ein großes Anliegen.

Vom Schwarzwald nach Afrika

Aufgewachsen ist Guldin weit weg vom Meer – in einem Schwarzwalddorf. "Eine wunderschöne Kindheit", erinnert sich der heute 54jährige, wäre da nicht die Schule gewesen: "Man kann schon sagen, dass ich ein Schulversager war".

Mit 16 Jahren zog er von zuhause aus, jobbte in einer Fabrik und lebte einige Zeit in Afrika. Nach einer Zwischenstation als Buchhändler studierte Gildin Vor- und Frühgeschichte. Er grub "das Rheintal rauf und runter" römische Siedlungen aus. Und über geophysikalische Untersuchungen archäologischer Fundstätten landete er schließlich bei der Kampfmittelräumung.

"Mich können Sie überall hinpacken"

Eine stringente Lebensplanung sieht anders aus, räumt Guldin ein. "Mich können Sie überall hinpacken, ich komme klar", meint er, der 2008 auch noch den renommierten Designerpreis "Red Dot Design Award" bekommen hat für eine Handytasche, die er gemeinsam mit einem Partner entworfen hat.

Er tüftele eben gerne und sei irgendwie auch ein Lebenskünstler. Aber die Beseitigung von Kampfmitteln sei ihm als Pazifisten und einstigem Wehrdienstverweigerer ein echtes Anliegen. Nicht zuletzt darum überlegt Guldin, in die Politik zu gehen. Es wäre nicht die erste Wendung in seinem Leben. 

(pag)

Mehr zum Thema

Weltkriegsmunition im Meer - Zeitbomben im maritimen Ökosystem
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 12.02.2019)

Nach zwei Kriegen - Zeitbomben in der Ostsee
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 01.11.2017)

Altmunition - Phosphorfunde an deutschen Stränden
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 05.08.2015)

Im Gespräch

Corona und die SpätfolgenGenesen, aber nicht gesund
Eine erschöpfte Frau auf einem Laufband (Illustration) (imago images / fStop Images / Malte Mueller )

Statistisch gelten sie als genesen. Doch viele Corona-Patientinnen und -Patienten klagen noch Monate nach der akuten Phase über Erschöpfung, Atem- und Bewegungsprobleme. Was können Betroffene tun? Was wissen wir mittlerweile über die Krankheit?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur