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Nachspiel | Beitrag vom 09.05.2021

Kampfkunst als LebenswegWie Kung-Fu in den Osten kam

Von Anja Röbekamp

Auf einer Wiese trainieren Jugendliche Kung Fu. Im Vordergrund ist der Trainer zu sehen. (Eric Steinbacher)
Früh steht für Felix Fechner fest, dass er sein Leben auf Kung-Fu ausrichten will. (Eric Steinbacher)

Anfangs trainierte Andreas Kühne heimlich mit laotischen Lehrlingen Kung-Fu. Nach dem Ende der DDR eröffnete er in Neustrelitz die Thammavong-Schule, um sein Wissen weiterzugeben. Ohne Leistungsgedanken, aber trotzdem mit Liegestützen.

Andreas Kühne ist gerade 20 Jahre alt, als Großmeister Bambang von der Kung-Fu-Akademie in Westberlin ihn auf eine Idee bringt: eine eigene Kung-Fu-Schule in der DDR. Kurz nach der Wende, im Frühling 1990 in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern, ist das eine abenteuerliche Vorstellung.

Training im Wald

Kühne hat gerade erst das Abitur gemacht. Kung-Fu hat er bis dahin nur heimlich mit Forstwirtschaftslehrlingen aus Laos trainiert. Heute, 30 Jahre später, erinnert sich der große, durchtrainierte Kampfkünstler:

"Wir haben uns mit den Laoten im Wald getroffen und haben wirklich im Sommer wie Winter im Wald trainiert. Klingt albern, aber so war es. Wir haben wirklich barfuß mit freiem Oberkörper im Schnee trainiert, ohne Quatsch. Das war, weil das irgendwie so sein musste. Sie haben uns mit Kieselsteinen beschmissen. Also so richtig klassische Sachen."

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Kung-Fu ist in der DDR nicht erlaubt. Dort gab es nur Judo und Boxen – olympische Wettkampfsportarten. Kühne vermutet, dass die Obrigkeit vielleicht Bedenken hatte, dass die Kampfkünstler ihr Können womöglich gegen die Volkspolizei hätten einsetzen können.

Er glaubt aber, dass vor allem die Philosophie des Kung-Fu der herrschenden Doktrin widersprach: Die daoistische Relativierung kennt kein entweder oder, sondern lässt Mehrdeutigkeit zu. Im real existierenden Sozialismus beansprucht aber der Staat für sich, genau zu wissen, was richtig oder falsch, gut oder schlecht für seine Bürger sei.

"Kung-Fu ist nicht falsch oder richtig, es ist immer sowohl als auch", erläutert Kühne. "Das hätte im Grunde gar nicht gepasst zu dieser Ideologie, die damals gefahren wurde und deswegen war das der eigentliche Hintergrund, warum man das nicht wollte, nehme ich an."

Wie kommt man denn dann zum Kung-Fu, wenn es das offiziell nicht gibt? Durch einen glücklichen Zufall: Der Bruder seines Jugendfreundes Matthias George lernt zusammen mit einem der laotischen Kung-Fu-Schüler gemeinsam Forstwirtschaft in Lychen. Er baut den Kontakt auf und bezieht seinen Bruder und dessen Freund mit ein.

Lernen von laotischen Kollegen

Etwas später fährt Kühne dann mit seinem Freund nach Lychen oder die Laoten kommen nach Neustrelitz. Ein Traum für zwei Halbwüchsige, die schon als Kinder vom Kämpfen und von Abenteuern geträumt haben.

Ihren Lehrmeistern müssen die jungen Schüler beweisen, dass sie vertrauenswürdig sind: Es gilt nicht nur, regelmäßig fleißig mitzumachen. Vor allem dürfen sie niemandem von ihrem Abenteuer erzählen. Die Laoten sind im Rahmen eines Austauschprogramms für Forstwirtschaft in der DDR, auch sie können nur heimlich trainieren.

"Die hatten die Anweisung, dass die so was nicht unterrichten durften, weil in Laos hat man in der Zeit so was auch verboten. Laos war ja auch ein kommunistisches Land und diese Art Ideologie war dort auch illegal."

Auch ihre Lehrer müssen sich hüten, mit dem unerwünschten Sport aufzufallen, egal ob bei der DDR-Obrigkeit oder bei ihren eigenen Landsleuten. Deshalb gibt es keine andere Möglichkeit, als im Freien zu trainieren. Eine Hallenzeit hätten sie ohnehin nicht bekommen. Und in die Natur zu gehen, kommt den Wurzeln des Kung-Fu auch sehr nah. Aber das erfährt Kühne erst später.

Eine Gruppe von Menschen in Outdoorkleidung und mit Outdoorausrüstung steht im Wald und schaut gemeinsam auf eine Karte. (Eric Steinbacher)Felix Fechner beim Survival-Training (Eric Steinbacher)

Anfangs haben sie ganz unspektakuläre Konditionsübungen gemacht. Das ist nicht ganz das, was er sich unter diesem geheimnisvollen Kung-Fu vorgestellt hat:

"Deswegen haben die uns so ein bisschen trainieren lassen, um erst mal zu sehen, ob wir überhaupt durchhalten. Also am Anfang haben wir eigentlich nur Liegestütze gemacht und so. Ich habe mich gefragt – ich weiß das noch wie heute –, wann lernen wir denn mal Kung-Fu?"

Den Lehrer hat er das dann auch mal gefragt:

"Er hat gesagt, das ist schon Kung-Fu. Ich habe gedacht, Kung-Fu muss was sein mit coolen Armbewegungen oder so. Aber das dann zu begreifen, dass Kung-Fu eigentlich das ist, was es tatsächlich auch heißt 'intensives Üben', das musste man erst mal schnallen."

Aufnahme in Familie

Kühne und Matthias George haben durchgehalten und den Test bestanden. Sie müssen dann die Zusammengehörigkeit mit den Laoten offiziell bekräftigen: Traditionell wird Kung-Fu in Laos und auch in China nur innerhalb der eigenen Familie unterrichtet. Also müssen die beiden formal in die Familie der Laoten aufgenommen werden. Das ist keine feierliche Zeremonie und es gibt auch keine schriftliche Vereinbarung. Es gilt das Wort. Man trifft sich bei den Kühnes und nimmt sich gegenseitig in die Familie auf. Damit sind auch Kühnes Eltern in das geheime Training miteinbezogen:

"Mein Vater hatte eine Garage, da stand damals sein Trabi drin. Den hat er dann immer rausgefahren, ganz offiziell. Wir durften dann in der Garage trainieren, so auf dem Steinboden. Barfuß, wie gesagt. Dann haben wir manchmal so eine Decke hingelegt, dass es nicht ganz so kalt war."

Bis 1989 baut Kühne sein Kung-Fu zur Meisterschaft aus und er gibt auch schon Unterricht. Denn das gehört für einen Fortgeschrittenen dazu, dass er auch selbst lehrt. Dafür ist der kleine, geheime Kreis der Kung-Fu-Schüler in Neustrelitz vorsichtig um eine weitere Person ausgebaut worden.

Nach seinem Abitur steht die unvermeidliche Zeit in der Nationalen Volksarmee bevor und im Anschluss plant er ein Physikstudium in Dresden. Aber dann kommt die Wende. 1990 nutzt Kühne die neue Freiheit und fährt nach Hamburg, um andere Kung-Fu-Stile kennenzulernen.

"Muss es ja geben, habe ich so gedacht, Kung-Fu-Schulen sind im Westen nicht verboten. Ich bin nach Hamburg gefahren und habe einfach im Telefonbuch von oben nach unten geguckt. Bin dann bei einer Kung-Fu-Schule gelandet, die Dacascos Kung-Fu gemacht haben. Kannte ich damals nicht und bin da rein, habe mich vorgestellt."

Der dortige Meister sieht sofort, dass Kühne ein anderes Bewegungsmuster hat als seine Schüler, und dass dessen Kampfstellungen tiefer sind. Er erklärt Kühne, dass das, was er da macht, traditionelles Kung-Fu sei, und dass in seiner Schule modernes Wettkampf-Kung-Fu trainiert wird.

An Wettkampf im Kung-Fu ist natürlich in der DDR gar nicht zu denken. Später hat Kühne sich dann auch mal mit sportlichem Kung-Fu befasst, aber er setzt heute wieder auf die Tradition:

"Der Kampf, den man beim Kung-Fu bestreitet, besteht nicht im Wettkampf, sondern das ist das Leben. Das Leben gewinnt man nicht, wenn man jemand besiegt, sondern das Leben gewinnt man, wenn man die anderen Menschen, wenn die Beziehungen zu denen gut funktionieren; wenn alle anderen mit gewinnen."

Kung-Fu fängt aber natürlich für jeden Schüler zunächst physisch an: Neben Konditionsübungen wie Liegestützen gehören Techniktraining, Selbstverteidigung, Sparring, Formen laufen, Krafttraining, Dehnung, Beweglichkeit und Akrobatik dazu. Eine Besonderheit des Kung-Fu sind die traditionellen Waffen, mit denen fortgeschrittene Schüler üben.

Übung und Philosophie

All das findet sich in circa 400 verschiedenen Kung-Fu-Stilen. Viele davon berufen sich auf Tiere, deren Bewegungen nachgeahmt werden.

Christian Wulf hat beim Onlinetraining alle Bildkacheln auf dem Monitor im Blick. Der Kung-Fu-Großmeister betreibt seit Jahrzehnten eine von 30 Dacascos Kung-Fu-Schulen in Hamburg. Auch aus der Distanz korrigiert er seine Schüler, ermutigt und treibt sie an. Er lehrt auch Wettkampf-Kung-Fu und erklärt:

"Ein Turnier hat im Grunde drei Gruppen in den großen, den freien Wettbewerben. Das ist der Kampf, im chinesischen Sanda, dann die Kategorie der Formen, Kuen, und die Waffenkata, also der Wettbewerb mit einer Waffe."

Bei den Wettbewerben mit Waffen wird unterschieden nach kurzen, langen oder flexiblen Waffen. Sie werden als Formen, nicht als Zweikampf ausgetragen.

Dazu kommt die Unterscheidung der Wettkämpfer nach Gewicht und nach Können. Der Ausbildungsstand wird im Kung-Fu durch Schärpen angezeigt: Diese haben unterschiedliche Farben und werden durch Prüfungen erworben.

Dann gibt es noch die Unterteilung nach Kämpfen ganz ohne Kontakt oder mit Leicht- oder Vollkontakt. Ein solcher Wettkampf ist schwer zu organisieren. Jede Kung-Fu-Art hat ihre eigenen Techniken und ihre eigene Philosophie.

Bei Europa- und Weltmeisterschaften im Kung-Fu werden dann für die Zweikämpfe die Regeln der Kickboxorganisation WAKO (World Association of Kickboxing Organizations) angewendet. Wulf ist es wichtig, seine Schüler sicher zu wissen. Er hält sich an diese Wettkämpfe. Er möchte, dass seine Schüler verstehen, wo die Wurzeln ihres Sports liegen: im blutigen Kampf. Auch wenn die heutigen Übungswaffen stumpf sind, sind das eben nicht nur Sportgeräte:

"Das ist eine Verantwortung. Das ist etwas, das Menschen genutzt haben, um sich gegenseitig umzubringen. Das darf man nicht vergessen. Das wird heute, als Sport und als schön empfunden. Ja, das war natürlich nicht der Sinn dieser ganzen Aktion."

Wulf ist Sifu, "ein väterlicher Lehrer". Auch er fühlt sich letzten Endes der Kampfkunst verpflichtet und hält deren Werte hoch. Seine Ermahnung an seine Schüler: "Das ist Ernst und kein Spaß!" Das hat auch Andreas Kühne von seinen laotischen Lehrmeistern zu hören bekommen.

Christian Wulf trainiert in Kung Fu Kleidung mit einer Waffe die an eine Gabel erinnert (Eric Steinbacher)Christian Wulf beim Waffentraining (Eric Steinbacher)

Zurück ins Jahr 1990: Der damalige Hamburger Dacascos-Trainer legt zwar den Schwerpunkt auf sportliches Kung-Fu, aber er erkennt die traditionelle Ausübung Kühnes an:

"Also der hat so richtig Charakter bewiesen. Der hätte auch sagen können: Was du machst, das ist Murks. Das hat er aber nicht, sondern er hat gesagt: Wir machen das, du machst was anderes. Also er hat das nicht bewertet."

Eine Frage ist ein Auftrag

Der Hamburger Meister hätte den unerfahrenen Jungspund aus dem Osten leicht niedermachen können. Aber er lässt Kühne mit seiner traditionellen Auslegung nicht nur auch gelten, sondern schreibt ihm sogar eine Empfehlung für Großmeister Bambang in Westberlin, der auch das klassische Kung-Fu praktiziert, das Kühne trainiert. Bambang lädt ihn daraufhin zu einem Training ein, Kühne ist bis heute davon beeindruckt.

"Also der hätte auch sagen können: Was willst du denn hier, kleiner Wicht? Ne, dann bin ich da hin. Er hat mich dann auch wieder interviewt und hat mit mir geredet. Und wir haben was gemacht."

Großmeister Bambang erkennt in Kühne den zukünftigen Meister. Einen, der die Lehre weiterträgt. Seine Frage: "Du willst also eine Kung-Fu-Schule im Osten aufmachen?" ist eigentlich ein Auftrag. Kühne hat einen Mentor gefunden und nimmt den Auftrag an.

"Heute würde man sagen, er hat mich gecoacht. Im Grunde hat er gesagt, ‚ich helfe dir jetzt, wie das geht‘. Der hat mir da richtig gesagt, wie man die Schule aufmacht, was man rechtlich braucht, wie das funktioniert, wie man Versicherungen macht."

Dazu gehört zum Beispiel, ein Gewerbe anzumelden. Das Gewerbeamt in Neustrelitz ist 1990 noch misstrauisch: Ist so etwas wie eine Kung-Fu-Schule überhaupt erlaubt? Vielleicht wäre es in Ostberlin einfacher gewesen, aber Kühne will es in der Provinz schaffen: Er will die Seen und Wälder in Neustrelitz nicht missen und seine Schule dort eröffnen. Dort in der Natur ist seine Basis, da hat er gelernt.

Nicht nur bei den Behörden muss er Überzeugungsarbeit leisten: Er ist gerade erst mit der Schule fertig und hat weder Geld noch Geschäftserfahrung. Natürlich sind seine Eltern skeptisch:

"Dann haben wir ausgemacht, wenn ich im September die Schule aufmache, 40 Leute zusammenkriege, die das mitmachen wollen, dann probiere ich das."

Wenn nicht, hätte er das geplante Studium angefangen. So verspricht er es den Eltern. Aber eigentlich weiß er, dass er die Schule starten würde. Er behält Recht: Zur Eröffnung am 10. September 1990 finden sich sogar 70 Interessenten ein.

"Die Leute haben sich nach so was gesehnt in der Zeit, weil es nichts gab. Es gab das Angebot nicht. Deswegen glaube ich, haben wir da total in was reingetreten."

Das Kung-Fu-Training trifft einen Nerv: Viele haben Nachholbedarf, sie sind neugierig und offen auch für provisorische Anfänge. Zuerst haben sie in einem Kellerraum trainiert. Zunächst ohne Ausrüstung, ohne Matten oder Faustschutz-Handschuhe. Die hat Kühne erst nach und nach angeschafft. Er hat kein Startkapital. Also muss er erst mal das Geld für die Miete einnehmen, das ist ihm das Wichtigste. Erst danach geht es weiter mit der Ausstattung:

"Von den Einnahmen, die ich hatte, habe ich die nächste Investition gemacht. Dann bin ich nach Berlin gefahren und habe Pratzen gekauft, Hosen gekauft, was man alles so braucht; so Stöcker und Handschuhe fürs Sparring und so. Also immer so schrittweise, immer so arbeiten, also unterrichten und dann irgendwie wieder Equipment besorgt."

Faszination von Anfang an

Improvisieren kennt er aus der DDR: Beim Training im Wald oder in der väterlichen Garage ist auch manchmal Fantasie gefragt. Da dienen ihnen notfalls Handtücher oder alte Turnschuhe als Ersatz für Faustschützer:

"Wir hatten keine Pratzen hier, das gab es alles nicht. Als Handpratzen haben wir umgedrehte Turnschuhe genommen, haben uns praktisch Turnschuhe auf die Hände gezogen und haben darauf geboxt und getreten."

Das ist auch in Laos so. Dort in den Wäldern haben auch Kühnes Lehrmeister keine Pratzen kaufen können.

Nach dem gelungenen Auftakt haben Kühnes Eltern ihn dann auch sehr unterstützt. Seine ersten Schüler sind Erwachsene und Jugendliche, die sich endlich einen Traum erfüllen können. Aber von Anfang an sind auch viele Kinder dabei. 1994 kommt Felix Fechner dazu. Er ist damals fünf Jahre alt:

"Ich erinnere mich noch, dass meine Eltern mir gesagt haben, dass sie mir zum Geburtstag dort eine Probestunde oder eine Mitgliedschaft geschenkt haben. Seitdem habe ich da mitgemacht und hatte keinen Grund, wieder aufzuhören."

Fechner ist heute Kung-Fu-Lehrer, Erlebnispädagoge und Survival-Trainer. Er leitet die Zweigstelle der Thammavong-Schule in Rostock. Für ihn ist diese Entwicklung fast zwangsläufig. Kung-Fu hat ihn von Anfang an fasziniert und nicht mehr losgelassen. Sogar in der Schule findet er Möglichkeiten, sich mit dem Thema zu befassen, etwa bei Vorträgen im Biologieunterricht, wo er auf die medizinische Ebene der Kampfkunst abzielt. So steht für ihn früh fest, dass er sein Leben auf diese Kampfkunst ausrichten will:

"Früher, wenn andere genau wussten, was sie später werden wollten, hatte ich so was Ähnliches auch. Ich wollte Kung-Fu machen. Anfangs habe ich mir natürlich genau die gleiche Schule auch vorgestellt, in der ich selbst trainiert habe."

Bis die Thammavong-Schule ihre heutige Form findet, hat Andreas Kühne eine kleine Odyssee in Neustrelitz hinter sich. Den Keller müssen sie schon wenige Monate später wieder räumen, auch andere Trainingsorte können sie immer nur für kurze Zeit mieten. Denn auch in Neustrelitz verlaufen die Nachwendejahre unruhig, es gibt einige Bewegung bei den Besitzverhältnissen von Immobilien. So kommt bald die Idee von einem eigenen Haus auf.

"Dann habe ich ein Gebäude gefunden, was ein ehemaliges Filmlager vom Kino war. Das hätte ich kaufen sollen. Dann war ich mit der Treuhand in Verhandlungen und hatte auch schon Zusagen. Verträge waren schon da. Wir haben fast unterschrieben."

Dann macht die Stadt ihr Vorkaufsrecht geltend. Sehr kurzfristig. Zum Ausgleich bekommt Kühne einige Zeit später ein anderes Haus angeboten: einen ehemaligen Kindergarten in einem Gewerbegebiet. Da residiert die Thammavong-Schule jetzt auf 500 Quadratmetern. Dazu gehören heute ein großer Trainingsraum, der allein schon 200 Quadratmeter misst, eine Außentrainingsanlage, Duschen, Umkleiden und Büroräume.

Die Kung-Fu-Schule floriert, die Schülerzahlen wachsen. Die ersten Schüler haben zunächst mal alles so angenommen, wie es im Unterricht so kommt – auch die theoretischen Grundlagen oder die Philosophieeinheiten:

"Es war noch sehr stark so geprägt, dass, wenn ich irgendwo etwas mitmache, dass ich dann auch eine Weile dabeibleibe. Das war noch so aus der DDR, glaub ich, hängen geblieben. Dadurch waren natürlich auch manche Kinder zwar freiwillig da, aber gleichzeitig dann auch mal froh: Toll heute müssen wir keine Liegestütze machen, er erzählt uns eine Geschichte!"

Kühne lernt auch in seiner eigenen Schule immer weiter dazu: Eine kommerzielle Kung-Fu-Schule zu betreiben ist etwas ganz anderes, als das traditionelle, familiäre Training, das er selbst genossen hat. Er und Matthias waren damals froh, dass sie bei den Laoten mitmachen durften. Seine Schüler aber sind jetzt zahlende Mitglieder, viele haben ganz andere Erwartungen.

"Dann merkte ich: Oh, okay, das kannst du nicht einfach genauso unterrichten, wie du das gelernt hast, sondern du musst jetzt differenzieren und schauen, was die verschiedenen Bedürfnisse sind, damit es funktioniert."

Studienreise nach China

Er respektiert jeden Schüler so, wie er ist. Ob Wettkämpfer, Kampfkünstler oder Hobbysportler: Alle müssen ihr ganz eigenes Kung-Fu finden. Denn Kühne will sich zwar nicht verbiegen und seine Seele verkaufen:

"Aber trotzdem kann ich nicht voraussetzen, dass jetzt, wenn ich 70 oder 100 Schüler habe, alle gleichermaßen eine Intensität wollen, sondern es gibt vielleicht auch jemand, der sagt, ich möchte mich einfach nur fit halten. Ich will einfach nur zweimal die Woche trainieren, einfach mich schön bewegen."

Wer mehr wissen will, muss auch die anderen Klassen besuchen, muss sich mit Philosophie und traditioneller chinesischer Medizin auseinandersetzen. So wie Felix Fechner. Für ihn ist Kung-Fu Training von Anfang an eine Orientierungshilfe, seine Eltern haben ihn immer unterstützt.

So hat Fechner schon als Jugendlicher neben der Schule und dem Training auch eine Ausbildung zum Gesundheitsberater absolviert. Seine Eltern haben selbst seinen Wunsch möglich gemacht, in China vor Ort im Shaolin-Kloster zu trainieren. Sie wissen, wie wichtig ihrem Sohn Kung-Fu ist. Sogar diese Studienreise nach China haben ihm die Eltern dann großzügig finanziert:

"Es war ganz spannend, ich habe zum Abi ein Geschenk von ihnen bekommen, und zwar einen Gutschein, der sich in der Summe doppelt, wenn ich eine Chinareise mache. Sie wollten mir eine Reise schenken und wussten aber natürlich schon, dass ich nach China wollte."

Diese Reise hat seinen Wunsch bestärkt, eine eigene Schule zu gründen, um sich immer weiter mit Kung-Fu auseinanderzusetzen. Aus seiner Berufung wird sein Beruf. Das geht seinen Eltern dann aber doch zu weit, sie wünschen sich eine gute Basis und eine solide Ausbildung für ihren Sohn:

"Das war dann doch zu viel des Guten, da war dann doch der Sicherheitswunsch meiner Eltern da. Deswegen habe ich diesen Kompromissweg genommen und Sport studiert auf Lehramt."

Daneben hat Felix Fechner freiberuflich Kung-Fu-Training gegeben, sich so seine Selbstständigkeit aufgebaut. Auch seine Eltern haben mittlerweile eingesehen, dass das nun mal sein Weg ist. Dabei profitiert er natürlich von dem Wissen und der Erfahrung seines Lehrmeisters Andreas Kühne:

"Aber da ich das Glück habe, mit meinem Lehrer, also mit Andreas, da so gut im Kontakt zu sein, dass wir uns permanent austauschen; irgendwie wirklich voneinander lernen, ich profitiere einfach von den ganzen Erfahrungen, auch inhaltlich von den Wegen. Ich lerne auch weiterhin an der Schule in Neustrelitz."

Mit seinem Lehrmeister teilt er die Begeisterung, sich immer weiter zu entwickeln und Kung-Fu umfassend zu erforschen. Fechner hatte immer schon ein Faible für die Natur und ist früher mit seinen Eltern oft zelten gewesen. Das passt gut zu Kung-Fu, denn das hat seinen Ursprung teilweise eben dort:

"Bei Kung-Fu-Stilen wie dem Kranich oder dem Leoparden, dem Tiger, der Schlange und dem Drachen, was die fünf Haupttiere sind, wurde geguckt, in welcher Art und Weise passen sich die Tiere an ihre Umgebung an und inwiefern kann ich davon profitieren."

Weg vom Leistungsgedanken

Dabei geht es nicht darum, so zu werden wie ein Tiger, sondern die Fähigkeiten des Tigers zu erkennen und für sich zu nutzen.

"Ich glaube, dass Kung-Fu, so wie ich es gelernt habe, wie ich es jetzt auch ein Stück weit unterrichte und was ich so an Feedback bekomme, einfach eine sehr tolle Möglichkeit ist, aus dem Leistungsgedanken rauszukommen, seine eigene Entwicklung ganzheitlich zu betrachten und unterstützen zu können."

Vom Leistungsdenken wegzukommen, ist auch Kühne sehr wichtig. Er sieht darin auch den Grund für den Erfolg seiner Thammavong-Schule:

"Ich glaube, das ist zum Beispiel auch, warum viele Eltern ihre Kinder hergeschickt haben oder herschicken, weil die wissen, dass hier nicht nur die Leistung zählt, nicht mehr als der Weg. Es wird also nicht bewertet, wer mehr Liegestütze schafft, sondern es wird bewertet, wer sich Mühe gibt".

Kung-Fu ist harte Arbeit – ein Leben lang. Und Liegestütze gehören immer dazu.

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