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Interview | Beitrag vom 14.01.2020

Kampf gegen sexuellen MissbrauchZum Schutz der Kinder muss noch mehr geschehen

Matthias Katsch im Gespräch mit Ute Welty

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Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs; vor der Jesuitenschule in Berlin. In dem Gebäude fanden viele der sexuellen Übergriffe auf Schüler statt. (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)
Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs und selbst Opfer sexueller Gewalt an der katholischen Schule. (dpa / picture alliance / Stephanie Pilick)

Das Thema erschütterte vor zehn Jahren die Öffentlichkeit: Ex-Schüler des katholischen Canisius-Kollegs in Berlin offenbarten, dass sie von Lehrern sexuell missbraucht worden waren. Betroffenenvertreter Matthias Katsch sieht auch weiter viel Arbeit vor sich.

Vor zehn Jahren brachten ehemalige Schüler des katholischen Canisius-Kollegs in Berlin einen Skandal an die Öffentlichkeit: Über viele Jahre hatten Lehrer an der Schule Schüler sexuell missbraucht. Ein "Eckiger Tisch" wurde auf Initiative der Betroffenen eingerichtet, um das Geschehen aufzuarbeiten. Das brachte seinerzeit einiges ins Rollen. Heute gibt es mit Johannes-Wilhelm Rörig einen vom Bund eingesetzten Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Doch die Aufarbeitung von sexueller Gewalt gegen Kinder, vor allem durch Kirchenvertreter, sei noch lange nicht abgeschlossen, sagt Matthias Katsch, eines der Opfer am Canisius-Kolleg. Er hat mit "Damit es aufhört: Vom befreienden Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche" jetzt ein Buch über seine Erfahrungen und über die Erfahrungen des "Eckigen Tisches" geschrieben.

Zu wenige Schutzkonzepte an deutschen Schulen

Katsch, der den Unabhängigen Beauftragten beratend unterstützt, betont: "Wir müssen dahin kommen, dass der Kampf gegen sexuellen Missbrauch, gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen zu einer gesellschaftlichen Priorität wird. Und das ist bisher nicht gelungen, weil die große Politik und auch die Öffentlichkeit jenseits der Skandale eben nicht hinguckt." Beispielsweise hätten nicht einmal 13 Prozent der 33.000 Schulen in Deutschland ein Schutzkonzept, das Kinder vor sexuellen Übergriffen schützt. "Da ist noch viel Luft nach oben."

Es brauche ausreichend finanzielle Mittel, um Maßnahmen wie flächendeckende Beratungsstellen und Hilfetelefone am Laufen zu halten. "Es gibt ganz viele Gebiete in Deutschland, wo sie niemanden finden, der ihnen weiterhilft, wenn sie mit dem Verdacht auf sexuellen Missbrauch konfrontiert sind."

Noch immer keine angemessene Opferentschädigung

Zwar befürchte er nicht, dass das wichtige Thema aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwinden könnte, so Katsch weiter. Aber: "Wir dürfen nicht nachlassen!" Bis heute sei es nicht gelungen für die Opfer eine angemessene Entschädigung von der katholischen Kirche zu erstreiten. "Und da würde ich mir ein bisschen mehr gesellschaftliche Unterstützung und ein bisschen mehr Mut in der Auseinandersetzung mit der wichtigen, traditionsreichen Institution katholische Kirche wünschen."

(mkn)

Matthias Katsch: "Damit es aufhört: Vom befreienden Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche"
Nicolai Publishing & Intelligence, Berlin 2020
168 Seiten, 18 Euro

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