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Zeitfragen | Beitrag vom 09.12.2019

Kampf gegen RechtsEin Antifa-Fotograf im Porträt

Von Philipp Schnee

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Ein Fotograf dokumentiert eine rechte Veranstaltung im Juni 2019 im sächsischen Ostritz. (imago images / lausitznews.de)
Ein Fotograf dokumentiert eine rechte Veranstaltung im Juni 2019 im sächsischen Ostritz. (imago images / lausitznews.de)

Er recherchiert und dokumentiert: Wenn in Deutschland eine neonazistische Demonstration oder Kundgebung stattfindet, macht er Fotos und gibt diese an Journalisten und Journalistinnen weiter. Dieser Job ist vor allem auch – gefährlich.

Eine wichtige Rolle bei diesem antifaschistischen Wissen spielen Fotografen und Fotografinnen. Sie fotografieren Demonstrationen, Kundgebungen, aber auch geheime Treffen und Konzerte der extremen Rechten. Einer von ihnen ist, so möchte er hier genannt werden, Martin Mair (*Name geändert):

"Also mein Job ist es zu recherchieren, um dann der Öffentlichkeit die Informationen zur Verfügung zu stellen, sei es über meine eigenen Fachtexte oder sei es über meine journalistischen Kollegen und Kolleginnen, um aufzuzeigen, was in der extremen Rechten in Deutschland oder auch international so geschieht. Wo die menschenverachtenden Events stattfinden, wo Waffentrainings stattfinden, wo politische Gewalttaten vorbereitet werden und das stelle ich dann der Öffentlichkeit zur Verfügung."

Jedes Wochenende ist Mair unterwegs, in ganz Deutschland. Sein "Job", wie er es nennt, nimmt seine gesamte Freizeit in Anspruch:

"Der Hauptteil meines Jobs ist gar nicht das auf rechten, neonazistischen Demonstrationen oder Kundgebungen zu sein, sondern das Auswerten. Also ich guck mir dann auf dem Computer an, wer mit wem redet, wer mit wem ankommt und gebe dann mein Wissen an interessierte journalistische Kollegen von Zeitungen oder schreib dann selber Texte für Fachmagazine."

Wie funktioniert diese Arbeit?

Publiziert werden solche Recherchen in offiziellen Magazinen und Zeitschriften wie etwa "Der rechte Rand", aber auch auf Internetseiten und sozialen Medien durch professionell und halbprofessionell arbeitenden Fachjournalisten und Fachjournalistinnen. Und auf den Seiten von verdeckt und anonym arbeitenden Recherchekollektiven, die auf ihren Internetseiten meist sehr detailversessene Dossiers zu rechtsextremen Personen, Strukturen und Netzwerken bereitstellen. Wie genau funktioniert diese Arbeit? Eine Antifa-Recherchegruppe antwortet auf eine schriftliche Anfrage:

"Einige pflegen Archive, sammeln und lesen rechte Publikationen, andere machen Fotos, schreiben Artikel, beobachten soziale Netzwerke, schleichen sich verdeckt in Netzwerke und Strukturen ein oder geben technische Hilfestellung."

"Bemühen uns sehr um journalistische Kriterien"

Die Veröffentlichungen solcher Recherchekollektive zeigen meist in sehr sachlichem Ton Netzwerke extremer Rechter auf, veröffentlichen dazu aber Fotos und vollständige Namen.

Problematischer sind, meist auf anderen Plattformen veröffentlichte Outings, die immer wieder als "Pranger" kritisiert werden. Hier werden, häufig in süffisanten Ton, viele persönliche Daten wie Wohnadresse, Arbeitgeber, teils intime Details ausgebreitet, mit dem Ziel, den oder die Beschriebenen sozial auszugrenzen und zu ächten. 

Wie steht das angefragte Recherche-Kollektiv zu journalistischen Standards?

"Wir bemühen uns sehr um journalistische Kriterien bei Veröffentlichungen und diese werden von mehreren Personen vorher gegengelesen und geprüft. Da antifaschistische Recherche in der Regel anonym publiziert, sind wir natürlich nicht an diese Standards gebunden, dennoch ist uns sehr bewusst, dass wir unsere gesamte Glaubwürdigkeit mit einem falschen Satz aufs Spiel setzen könnten."

Angriff mit Baseballschläger, Schraubenschlüssel und Messer

Wie gefährlich seine Arbeit als antifaschistischer Rechercheure sein kann, erfuhr Fotograf Martin Mair Ende April 2018. Mit einem Kollegen recherchierte er beim deutschlandweit bekannten NPD-Politiker Thorsten Heise. In seinem Haus sollte, so Mair, ein Vorbereitungstreffen für einen Neonazi-Aufmarsch am 1. Mai in Erfurt stattfinden. Der Fotograf und sein Kollege werden von den Rechten entdeckt und diese, so Mair:

"Die haben sich einen Baseballschläger und so einen 50cm großen Schraubenschlüssel in die Hand genommen und haben sich vermummt und sind dann auf uns zugerannt, auf unser Auto zugerannt."

Im Rückwärtsgang versuchen die Rechercheure zu fliehen, werden von zwei Angreifern in einem Auto aus dem Ort gejagt und landen nach einer Verfolgungsjagd im Straßengraben...

"Just in dem Moment, wo wir im Straßengraben landeten, wurden auch schon die Scheiben auf der Fahrerseite eingeschlagen und Pfefferspray in unser Auto gesprüht worden. Da ist dann auch auf meiner Beifahrerseite, die Scheiben eingeschlagen worden, der vermummte Neonazi hat dann versucht, bei mir die Tür aufzureißen. Er hatte aber nicht mehr den Schraubenschlüssel in der Hand, sondern ein Messer und stach dann, so, ich schätze mal so 20 Mal, in meine Richtung durch das eingeschlagene Seitenfenster. Weil ich auch selber weiß, dass Messerangriffe im Zweifel tödlich enden, habe ich mich dann auf die Mittelkonsole gelegt und versucht mit den Füßen dieses Messer abzuwehren."

Als die Angreifer Mairs Kamera zu fassen kriegen, lassen sie letztlich von Mair und seinem Kollegen ab. Mair wird durch einen Messerstich verletzt, sein Kollege durch einen Schlag mit dem Schraubenschlüssel auf den Kopf. Die Täter können später identifiziert werden. Bis heute sind sie auf freiem Fuß, der Gerichtsprozess lässt auf sich warten.

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