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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.06.2016

Kampf gegen Lebensmittelverschwendung"Man kann Wegwerfen sehr wohl verbieten"

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Die Initiative Foodsharing sammelt in vielen deutschen Städten Lebensmittel ein, die andere in die Mülltonne schmeißen, und verteilt sie weiter. (dpa/picture alliance/Patrick Seeger)
Die Initiative Foodsharing sammelt in vielen deutschen Städten Lebensmittel ein, die andere in die Mülltonne schmeißen, und verteilt sie weiter. (dpa/picture alliance/Patrick Seeger)

Vom Regal direkt in die Tonne: Frankreich ist das erste Land, das Supermärkten verboten hat, Lebensmittel einfach wegzuwerfen. Der Foodsharing-Aktivist Stefan Kreutzberger findet das gut, aber nicht ausreichend.

Der Lebensmittelaktivist Stefan Kreutzberger befürwortet ein Verbot für das Wegwerfen von Lebensmitteln. Dieses könne sehr wohl die schlimmsten Auswüchse von Lebensmittelverschwendung dämpfen, so der Buchautor im Deutschlandradio Kultur.

Mit einem solchen Verbot seien in Frankreich bereits gute Erfahrungen gemacht worden, betonte Kreutzberger, der im Vorstand der Initiative Foodsharing e.V. ist. Viele Supermärkte hätten ihr Verhalten geändert und zum Beispiel die Preise vor Ablauf des Verfallsdatums heruntergesetzt oder Kooperationen mit Tafeln aufgebaut.

Supermärkte bestimmen die Produktion mit

In der Kette vom Feld bis zum Teller seien alle zu ihren individuellen Teilen an der Lebensmittelverschwendung beteiligt. Auf den Groß- und Einzelhandel entfielen dabei ungefähr 14 Prozent. "Das ist nicht der Hauptteil, aber was vergessen wird bei der Diskussion ist natürlich, dass der Supermarkt eine enorme Macht hat und quasi als Regelwerk fungiert." Da sei der Staat gefragt einzugreifen.

Gleichzeitig müssten die Gründe für die Überproduktion bekämpft werden und das Bewusstsein für den Wert von Lebensmitteln geschärft werden.

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Das vollständige Interview im Wortlaut:

Frenzel: Kann man Wegwerfen einfach so verbieten, oder ist das eher Symbolik?

Kreutzberger: Also man kann Wegwerfen sehr wohl verbieten, aber es wird natürlich nicht das Verhalten grundsätzlich ändern, das ist die Problematik dabei. Man muss eigentlich vorher ansetzen und die Gründe für die Überproduktion angehen und halt auch dieses Bewusstsein, dass Lebensmittel nichts wert wären, über Bildungsmaßnahmen in Schulen und so weiter angehen, aber sehr wohl kann eine gesetzliche Regelung die schlimmsten Auswüchse doch dämpfen.

Frenzel: Ein solches Gesetz – ich hab’s gesagt – gibt es in Frankreich. Gibt es da bereits Erfahrungen, die gesammelt werden konnten?

Kreutzberger: Ja, es hat ja länger gedauert, bis es sich in Frankreich tatsächlich durchsetzen konnte, weil die Handelskonzerne natürlich Sturm dagegen gelaufen sind, weil das eine Regulierung ist, die ihnen natürlich gar nicht passt. Es gibt jetzt positive Erfahrungen darüber, dass tatsächlich das bei einigen Supermärkten oder bei vielen Supermärkten das Verhalten geändert hat, dass Sachen runtergesetzt werden, kurz bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht wird oder auch neue Kooperationen mit Tafeln oder ähnlichen Organisationen eingegangen wurden, wie es bei uns in Deutschland tatsächlich besser geregelt ist als in Frankreich. Von daher sind die Ausgangsvoraussetzungen für gesetzliche Regelungen natürlich immer individuell zu sehen. Man muss schauen, wie die Situation im Land ist.

Frenzel: Aber wenn Sie gerade Deutschland ansprechen: Der Handel hier klagt, dass das, wenn man überhaupt drüber nachdenkt, keine gute Idee ist, und Sie haben die Tafeln angesprochen. Da sagt man, ja, das mit den Tafeln ist eine gute Idee, in den Großstädten mit großen Supermärkten funktioniert das, aber schon im Land, in der Fläche nicht, weil es da keinen gibt, der das abnimmt letztendlich, die Lebensmittel, die nicht verkauft wurden. Können Sie diese Begründung nachvollziehen?

Großer Zulauf bei der Foodsharing-Initiative

Kreutzberger: Ja, also wenn man sich einfach nur den Status quo anguckt, richtig, aber man weiß natürlich auch, dass sich die Tafelbewegung in den letzten Jahrzehnten rasant weiterentwickelt hat und unsere eigenen Initiativen Foodsharing, die jetzt keine Konkurrenz zu den Tafeln darstellen, sondern sinnvolle Erweiterung und Ergänzung, wächst jeden Monat um Tausende von aktiven jungen Menschen, die bereit sind, Sachen gerade bei Supermärkten abzuholen und in Backshops abzuholen und die Sachen dann sinnvoll weiterzuverteilen. Also die Menge der Interessenten, die dort aktiv werden könnten, die sind noch gar nicht richtig ausgelotet, und da wäre es natürlich sinnvoll, wenn es in den einzelnen Kommunen – gerade auf dem Lande – Initiativen von der Stadt oder der Verwaltung her gäbe, gerade solche Strukturen aufzubauen. Und das ist ja gerade der Sinn auch von gesetzlichen Regelungen, dass es hier neue Formen der Kooperation und Zusammenarbeit zwischen Verbraucher und Handel gibt, damit solche Sachen auf den Weg gebracht werden. Und das sehe ich als positiv an dabei.

Frenzel: Wo findet denn die größte Verschwendung statt? Ich hab anfangs dieses Bild vom privaten Kühlschrank gebracht, ist das eigentlich das Problem oder hauptsächlich im Handel?

Supermärkte bestimmen die Nachfrage

Kreutzberger: Es ist eine gesamte Kette – vom Bauern, also vom Feld, bis zum Teller. Und in dieser gesamten Produktion der Lebensmittelkette sind alle zu ihren Teilen, individuellen Teilen natürlich an dieser Lebensmittelverschwendung beteiligt. Der Verbraucher prozentual mit 40 Prozent ist am meisten, also als größter Brocken daran beteiligt, aber insgesamt 60 Prozent sind die Landwirtschaft, die Industrie, die Weiterverarbeitung, der Handel, der Groß- und Einzelhandel. Und wenn man sich mal nur den Groß- und Einzelhandel anschaut, sind die für ungefähr 14 Prozent – das sagen jetzt neuere Studien – an dieser gesamten Lebensmittelverschwendung beteiligt. Das ist jetzt nicht der Hauptteil, aber was vergessen wird bei der Diskussion, ist, dass natürlich ein Supermarkt eine enorme Macht hat und quasi als Regelwerk fungiert. Wenn der Supermarkt bestimmte Waren beim Bauern einkaufen will oder nicht einkaufen will, bestimmt er natürlich, was produziert wird und was auch, wenn er es nicht weiter abnimmt, vernichtet wird. Wir haben bei unseren Studien gerade im Bereich Salat und Gemüse so viele Skandale festgestellt, dass Bauern produziert haben auf Zuruf, sie sollten jetzt Salat in großen Mengen in eine Discounterkette bringen, und dann, ein paar Tage später, war der Salat aus Polen dann doch günstiger, und er musste wieder alles unterpflügen. All diese Sachen kommen gar nicht in die Statistiken rein und sind aber tagtäglicher Skandal. Und wenn man diese Supermärkte nun klarer bestimmen würden, ihr dürft oder ihr müsst besser planen – das tun viele Supermärkte ja auch – und ihr dürft auch nicht wegwerfen beziehungsweise die Sachen erst dann wegwerfen, wenn ihr sie nicht verteilen könnt, dann wäre hier ein Anreiz geliefert in diesem Stellwerk, vernünftiger zu agieren, sinnvoller zu agieren. Und da kann man nicht nur darauf vertrauen, dass die es auch für Gutdünken selber machen. Und damit ist der Staat gefragt, hier einzugreifen. In Frankreich machen sie es jetzt, und in Finnland, da gehen sie noch weiter, das geht sogar über die Supermärkte hinaus. Da sollen ja gerade auch die Großküchen von Kindergärten, Krankenhäusern, kommunale Küchen, aber auch Cafés und Bäckereien angehalten werden, hier drüber nachzudenken und anders zu agieren, als sie es bislang tun, weil der Wegwurf ist so enorm gerade bei Backwaren und bei Gemüse und Salat, da wird mindestens 20 bis 25 Prozent wunderbarer Ware ja schon einkalkuliert, weggeworfen zu werden und dann anschließend vernichtet, und das geht nicht mehr so weiter.

Einkaufslisten helfen gegen Verschwendung

Frenzel: Herr Kreutzberger, dann lassen Sie uns noch mal kurz zum Schluss auf unsere Verantwortung im Kühlschrank schauen: Was können wir denn tun?

Kreutzberger: Wir können natürlich erst mal uns darüber Gedanken machen, dass Lebensmittel einen Wert haben, der nicht unbedingt damit übereinstimmt, was auf der Preisliste draufsteht, weil viele Lebensmittel so preiswert geworden sind, also quasi unter Preis verkauft werden, schätzen wir sie nicht mehr. Wenn man einen Hamburger für einen Euro bekommt, dann nimmt man noch einen zweiten und schmeißt ihn weg, weil man gar nicht mehr drüber nachdenkt, wie solche Sachen hergestellt wurden und wie viel Ressourcen aufgewendet wurden, um ihn herzustellen. Das muss sich im Denken erst mal ändern, und dann im Handel kann man ganz konkret sich Einkaufslisten machen. Da gibt es viele Ideen und Möglichkeiten, das mal einfach durchzuziehen, eine Woche lang aufzuschreiben, wie viel man wegwirft, und sich einfach mal der Realität zu stellen, sagen wir es mal so. Weil viele denken gar nicht daran, was sie tun, und sind hinterher bass erstaunt, wenn man sie damit konfrontiert, wie viel in ihrem Abfalleimer gelandet ist. Sie denken immer, huch, ich schmeiß ja selber gar nichts weg, aber wenn man sich an die eigene Nase packt und sein eigenes Verhalten mal überdenkt und mal gezielt anders damit umgeht, dann ist schon viel erreicht.

Frenzel: Empfehlungen von Stefan Kreutzberger über das Wegwerfen von Lebensmitteln, das wir nach Möglichkeit verhindern wollen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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