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Buchkritik | Beitrag vom 07.03.2019

Kamel Daoud: "Zabor"Bücher als Quelle des Glücks

Von Claudia Kramatschek

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Geschickt verknüpft Kamel Daoud in seinem Roman "Zabor" die Geschichte seines Landes mit dem individuellen Ringen um Unabhängigkeit. (blickwinkel/McPHOTO/D. Moser; Kiepenheuer & Witsch )
Geschickt verknüpft Kamel Daoud in seinem Roman "Zabor" die Geschichte seines Landes mit dem individuellen Ringen um Unabhängigkeit. (blickwinkel/McPHOTO/D. Moser; Kiepenheuer & Witsch )

Körperlich missgebildet, aber lesewütig, wird für Ismael vor allem die französische Literatur zur Offenbarung. Kamel Daouds Roman "Zabor" steckt voller Anspielungen auf die Weltliteratur – und gibt damit Einblick in dessen eigene Leseerfahrung.

2016 machte sich der algerische, auf Französisch schreibende Autor Kamel Daoud auch hierzulande einen Namen, als sein erster Roman "Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung" in deutscher Übersetzung erschienen war.

Der Roman war ein längst überfälliger Akt der Wiederaneignung: Daoud, der als Journalist weder die algerische noch die französische Regierung schont, verlieh darin jenem namenlosen Araber eine Stimme, den besagter Meursault – die Hauptfigur in Albert Camus’ 1942 veröffentlichtem Roman "Der Fremde" – am Strand von Algier einst erschossen hatte.

Parallelen zu Albert Camus

Wie Daoud stammte auch Camus aus Algerien. Und wie Camus wuchs auch Daoud in einem kleinen algerischen Dorf inmitten großer Armut auf. Bücher waren rar. Und doch wurde die Literatur sowohl für Camus als auch für Daoud zur rettenden Insel der Glückseligkeit. Albert Camus erzählt von dieser Rettung in seinem Roman-Fragment "Der erste Mensch". Kamel Daoud wiederum lässt die Leser nun in "Zabor" an der eigenen literarischen Landnahme teilhaben. 

Es scheint, sie kam in seinem Fall einer Offenbarung gleich. Denn Zabor lautet nicht nur der abfällige Name, den der Vater für seinen ungeliebten Sohn, den körperlich missgebildeten, aber lesewütigen Ich-Erzähler Ismael, im Munde führt. Zabor: Das ist auch der arabische Name für das Buch Davids, jene Psalmen, die das französische Original im Titel führt. Und: Es ist der Titel für ein Buch, das Zabor – noch während wir den Roman lesen – selbst im Begriff ist zu schreiben.

Tatsächlich gilt Zabor als Häretiker: Er ist nicht beschnitten, dem Glauben hat er den Rücken gekehrt. Er wird als Outcast erachtet – und hat doch Macht über seinesgleichen. Denn Zabor verfügt wie Sheherazade über die Gabe, das Leben der Menschen zu verlängern – indem er erzählt. Und nun, es ist die an "1001 Nacht" gemahnende Rahmenhandlung des Romans, liegt auch sein Vater – ein alter Freiheitskämpfer, der den unwürdigen Sohn verstoßen hat – im Sterben. Zeit für Zabor, sich seiner und seiner eigenen Geschichte mittels zahlreicher – und manchmal etwas ausschweifender – Rückblenden zu erinnern.

Literatur kommt Ekstase gleich

Geschickt verknüpft Daoud in ihnen die Geschichte seines Landes – das die einst errungene Freiheit alsbald der Übermacht religiöser Engstirnigkeit geopfert hat – mit dem individuellen Ringen um Unabhängigkeit: Als er in die Schule kommt, schämt Zabor sich der groben Sprache seiner Herkunft; das Hocharabische wiederum wird ihm lästig, geknebelt durch die Schranken als Sprache Gottes. Zur Offenbarung wird ihm erst die französische Literatur – sie kommt einer Ekstase gleich. 

"Zabor" übersetzt diese Ekstase in eine trickreiche Literatur. Der Roman, von Claus Josten ins Deutsche übertragen, ist gespickt mit zahlreichen Anspielungen auf Werke der Weltliteratur: Nicht zuletzt spricht Zabor aus der Perspektive jenes Papageien, der in "Robinson Crusoe" für das Abenteuer der Sprache als Wiederbevölkerung figuriert. Dieses Abenteuer bildet zugleich die treibende Kraft – und die Brisanz des Romans. Im Mantel seines demiurgischen Helden wagt auch Kamel Daoud mit "Zabor" nicht weniger als das göttliche Wort herauszufordern.

Kamel Daoud: "Zabor"
Aus dem Französischen von Claus Josten
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2019
384 Seiten, 23 Euro

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