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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.05.2013

Kalkulierte Enttäuschung

"Das 12-Spartenhaus" von Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen in Berlin

Von Martin Böttcher

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Der "Prater" ist quasi eine Außenstelle der Volksbühne. (picture alliance / dpa / Florian Schuh)
Der "Prater" ist quasi eine Außenstelle der Volksbühne. (picture alliance / dpa / Florian Schuh)

Lustlosigkeit oder Provokation? Der norwegische Regisseur Vegard Vinge, bekannt für sein Extremtheater, präsentiert im Prater der Berliner Volksbühne sein "12-Spartenhaus", lässt bei der Premiere die Zuschauer dreieinhalb Stunden im Foyer ausharren und schickt sie dann nach Hause, ohne die Türen zur Bühne geöffnet zu haben. Schlauer ist danach keiner.

Nicht viel ließen Vegard Vinge, seine langjährige Partnerin Ida Müller und Sound-Experimentator Trond Reinholdtsen im Vorfeld über ihr gemeinsames Projekt namens "Das 12-Spartenhaus" verkünden. Eigentlich gar nichts. Sollte sich dahinter ein neues, selbstgeschriebenes Stück verbergen? Oder ein ganzes Konzept, der neue Name des Praters vielleicht, dieser Außenspielstätte der Berliner Volksbühne?

Nach der Premiere am Samstag, dem 4. Mai 2013, ist selbst das nicht geklärt: Vinge, als Regisseur ein Diktator, an dem Zuschauer und Theater-Techniker mitunter verzweifeln, hatte den meisten Schauspielern seines Ensembles am Premierenabend freigegeben – er brauchte sie nicht, da er nur kleinste Häppchen seines Universums präsentierte. Aus der erwarteten langen Nacht – Vinge-Stücke dauern mitunter mehr als 12 Stunden – wurden unerwartete kurze dreieinhalb Stunden.

Was gab es zu sehen und zu hören? Ein sehr liebevoll gestaltetes Foyer, an die Wände und Decken gemalte Gesteins- und Fliesenmuster im Comicstil, der schon die letzten Inszenierungen von Vinge/Müller dominierte. Drei oder vier Schauspieler, die, hinter grusligen Masken versteckt, regungslos durch Scheiben auf die Zuschauer starrten, bis sie zu eingespielten Wortfetzen Köpfe und Hände bewegten: "Mäßigung" und "Eine gute Atmosphäre" wurden in Geisterbahnmanier gefordert, oder auch, in dutzend-, vielleicht sogar hundertfacher Wiederholung, ein Satz wie "Ich nehme an, Sie sind geschäftlich hier".

In einem anderen, ebenfalls durch Glasscheibe abgetrennten Raum, entnimmt eine Art Arzt einer bläulich schimmernden Leiche Innereien und lacht dazu verrückt – Horrorfilm trifft Zeichentrick, lethargisch liegt der einzige unmaskierte Schauspieler des Abends, Volksbühnen-Inventar Volker Spengler, im Krankenhauskittel auf einer Liege und schaut ins Leere.

Auf drei Videowänden dann immer mal wieder Bilder aus dem Innenraum des Praters, von dort also, wo die Zuschauer nicht hindurften. So viel konnte man erkennen: Auch dort ist mit viel Liebe zum Detail gemalt und gebaut worden, sich selbst scheint Vinge eine Art "Führer-Loge" eingerichtet zu haben. Im neu erschlossenen Untergeschoss, das zeigen weitere Videobilder, scheint das Innere eines U-Boots nachgebaut worden zu sein – dementsprechend erklingt die Filmmusik von "Das Boot", als hier ein Kapitän in Fantasie-Uniform den Gang hin und her wankt.

Überhaupt: Die Musik! In ohrenbetäubender Lautstärke und in Endlosschleife wird das Foyer mit David Guetta beschallt. Und dann, als Gegenmittel, mit Brahms "Deutschem Requiem".

Am Ende bleibt der Zuschauer-Aufstand aus. Die einen wollen nicht glauben, dass wirklich schon alles vorbei ist, andere gehen wortlos nach Hause, vielleicht sogar ein wenig erleichtert, dass das zu erwartende Blut-Sperma-Urin-Spektakel ausgeblieben ist. Was das "12-Spartenhaus" wirklich ist, werden, vielleicht, die weiteren Vorstellungen ergeben.

Diese Premiere jedenfalls war keine, die diesen Titel verdient. Insofern haben Vinge, Müller und Reinholdtsen alles richtig gemacht: alle Erwartungen enttäuscht, dem Hype ein Schnippchen geschlagen, und das in nicht einmal vier Stunden. Der Weg ist frei für die nächste Überraschung.

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