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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 12.05.2015

Kafkas HandschriftenWem gehört Kafka?

Von Sigrid Brinkmann

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Undatiertes Porträt des Schriftstellers Franz Kafka. (picture-alliance / dpa / CTK)
Undatiertes Porträt des Schriftstellers Franz Kafka. (picture-alliance / dpa / CTK)

Franz Kafka verfügte testamentarisch, dass sein Freund Max Brod seine Aufzeichnungen vernichten sollte. Brod bewahrte aber alle Kafka-Handschriften auf, schmuggelte sie 1939 nach Palästina und überließ sie Esther Hoffe. Hoffe verkaufte die Texte auf Auktionen - heute wird um den Verkauf des Nachlasses gestritten.

Als der Journalist Ofer Aderet aus der deutschen Presse erfuhr, dass der Kafka-Biograph Rainer Stach in Tel Aviv eine Fülle nicht bekannter Manuskripte vermutete, begab er sich auf die Suche danach - und wurde fündig: Nach monatelanger Recherche klingelte er bei der Tochter von Max Brods früherer Sekretärin, Eva Hesse, die ihn rüde abwies. Herumstreunende Katzen und üble Gerüche aus der Wohnung alarmierten den Journalisten.

"Das Klima hier ist äußerst ungünstig, um Manuskripte aufzubewahren, die fast 100 Jahre alt sind. Die gehören in eine Bibliothek oder in ein Archiv, aber ganz bestimmt nicht in eine solche Wohnung. Im Sommer herrscht hier Hitze. 40 Grad: das ist für Papiere eine Katastrophe."

Kaum hatte Ofer Aderet in der israelischen Tageszeitung Haaretz von seiner Entdeckung berichtet, erhob die Nationalbibliothek in Jerusalem Anspruch auf Kafkas handschriftlich verfasste Papiere. Ihr Argument: Max Brod habe Privatverkäufe des Nachlasses nie gewollt. Esther Hoffes zwei Töchter wehrten sich. Eine starb während der laufenden Verhandlungen. Eva Hoffe verlor den Prozess 2012. Sie ging jedoch in Revision.

"Das hat schon wieder etwas Kafkaeskes"

"Jeder wartet jetzt auf das endgültige Urteil in zweiter Instanz, aber es geht extrem langsam voran. Das hat schon wieder etwas Kafkaeskes. Man sieht nur Fragezeichen. Keiner weiß, wann das Urteil gesprochen wird und wie es ausfällt. Es kann morgen geschehen oder in ein paar Jahren. Das steht im Himmel geschrieben, und wir können einfach nur geduldig warten."

Für die Aufbewahrung der Kafka-Papiere wünscht sich der 33 Jahre alte Journalist einen einzigen zentralen Ort, doch bislang sind derlei Pläne an den Interessen Eva Hoffes und der Käufer von Manuskripten gescheitert.

"Das Marbacher Literaturarchiv wird von einem israelischen Anwalt vertreten, der auf Eva Hoffes Recht pocht, Papiere ans Literaturarchiv zu verkaufen, zumal man in Marbach über weit bessere konservatorische Methoden verfüge als in Israel. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass Kafka ein deutscher Schriftsteller gewesen sei."

"Die Marbacher sollten etwas mehr Sensibilität zeigen"

Letztere Behauptung trifft nun den wundesten Punkt. Gehört Franz Kafka zu Deutschland, weil er Deutsch schrieb - oder zu Israel, weil er Jude war, Hebräisch lernte und Palästina bzw. Eretz Israel, das "Land Israel", kennen lernen wollte? Aus seinen Reiseabsichten eine zionistische Gesinnung abzuleiten, wirkt in den Augen deutscher Archivare und Geisteswissenschaftler vermessen. Dass Kafkas Schriften als jüdisches Kulturgut betrachtet werden, auch das geht ihnen und so manchem Leser zu weit.

Für Ofer Aderet allerdings agieren die Archivare in Marbach zu selbstbezogen. Die wiederum machen denselben Vorwurf der Nationalbibliothek in Jerusalem, weil sie vom Deutschen Literaturarchiv verlangt, das bei Sotheby's erworbene Manuskript von "Der Prozeß" an Israel zurückzugeben. Ofer Aderet sagt dazu:

"Die Marbacher sollten etwas mehr Sensibilität zeigen. Ich glaube aber nicht, dass sie einer Lösung zustimmen werden, die ihnen die Eigentumsrechte abspricht. Besitz zu erhalten und zu erwerben, das ist schließlich ihr Ziel. Ich empfehle einfach etwas mehr Respekt und Fingerspitzengefühl in dieser so komplexen Angelegenheit. Sie sollten versuchen, sich mit der Nationalbibliothek in Jerusalem zu einigen. Man könnte das Material doch teilen und die fehlende Hälfte der Originalseiten durch Fotokopien ersetzen. Man könnte den ganzen Besitz zusammen online zur Ansicht freigeben. Es muss doch einfach eine Lösung gefunden werden, die zu einer Zusammenarbeit führt und nicht zu Streit und Kampf."

 

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