Kafkaeske Parabel auf pervertierte Machtbeziehungen

Von Volker Trauth |
Beim fünften "Italienischen Theaterherbst" in Berlin soll mehr Experimentelles gewagt werden. Zu den sechs Aufführungen unter Schirmherrschaft des italienischen Theaterverbandes und des Italienischen Kulturinstituts in Berlin gehört auch die preisgekrönte Inszenierung "Lew" der Gruppe Muta imago.
"Lew" ist der Titel ihrer szenischen, im Jahre 2007 für den italienischen Theaterpreis nominierten Installation. Es ist die Geschichte des russischen Soldaten Lew Zasetzki, der im Zweiten Weltkrieg eine schwere Gehirnverletzung davongetragen hat und sich in die Behandlung des bekannten Gehirnchirurgen Alexander Lurja begibt.

Schmerzhaft schrille Geräusche von jenem furchtbaren Kriegsereignis bohren sich in seinen Kopf, unter diesen Geräuschen liegen die lauten Anweisungen und Befragungen des Chirurgen. Es geht ums Erinnern. Lew hat seine eigene Realität verloren und muss sich eine neue aus scheinbar nicht zusammengehörigen Erinnerungsfetzen zusammensetzen. Über ihm hängen in wechselnder Höhe drei schmale mit Staub und Dreck beschichtete Spiegelplatten. Auf denen kratzt er mit kreisenden Bewegungen Züge des Antlitzes seiner Mutter hervor. Die so entstandenen Bruchstücke muss er zu einem Bild zusammensetzen – so wie sein nicht mehr erinnertes Leben.

Er selbst redet nicht, er nähert sich zeichnerisch der Vergangenheit an. Zeichnungen entstehen von Bäumen und Tieren sowie von den Schienen, die ihn damals zum verhängnisvollen Kriegseinsatz geführt haben. Die Aufführung lebt von der körpersprachlichen Beredsamkeit von Glan Blackhall als Lew und von der bedrängenden Toncollage, die der Dramaturg Ricardo Faci komponiert hat.

Die Aufführung ist einer der Höhepunkte des diesjährigen Gesamtprogramms, das ansonsten deutlich hinter der künstlerischen Qualität voriger Jahrgänge zurückbleibt. Es dominieren personenarme Performances und Tanzstudien. Repräsentative Inszenierungen von internationalem Rang fehlen – als welche sich im vorigen Jahr Pippo Delbonos szenische Realisierung der Tagebuchaufzeichnungen eines vom Tod gezeichneten Aidskranken erwiesen hatte. Sicher ist die Reduzierung des Aufwandes auch dem rigiden Sparzwang geschuldet, denen sich die italienischen Ensembles ausgesetzt sehen.

"Experiment" war das Stichwort für die Auswahl der Beiträge. Dem wurde am überzeugendsten die Performance "a elle vide" der Gruppe der bekannten italienischen Theaterfrau Teodora Castelucci gerecht. "Theatrale Recherche über Seinszustände" stand unter dem Titel und tatsächlich gestaltete sich die Performance als eine Forschungsreise zur Erkundung theatralischer Gestaltungsformen.

Die Frage wurde behandelt, wie in Spiel und Farbe Gegensätze darstellbar sind. Auf der Bühne erleben wir – zunächst einzeln und dann vereint – zwei gegensätzliche Seinsformen: den aggressiven roten Hahn, der sich mit fiebriger Kampfentschlossenheit auf fiktive Gegner stürzt und den mattweiß gekleideten Skorpion, der mit entschleunigten behutsamen Bewegungen zum ruhenden Gegenpol wird.

Als Widerspiegelung sozialer und gesellschaftlicher Verhältnisse in Italien war die Inszenierung "La Busta" der Gruppe Scimone/Sframeli aus Sizilien angekündigt worden. Die erwies sich als eine kafkaeske Parabel auf pervertierte Machtbeziehungen, auf irrwitzig unbegründete Machtwechsel und auf die zunehmende Entmenschlichung des Alltags. Es ist die Geschichte eines unbescholtenen Bürgers, er zu einem nicht sichtbaren Präsidenten einbestellt wird, dort Folterungen Unschuldiger erlebt und am Ende gefesselt und nieder geworfen wird. Das klingt zunächst interessant, da die Regisseure und der Autor Spiro Scimone aber immer wieder Textpassagen und szenische Grundeinfälle von Vorbildern wie Kafka, Pinter oder Beckett ausleiht, erweist sich die Innovationskraft der Aufführung als begrenzt.

Service:
Italienischer Theaterherbst, Berlin
27.10.2009 bis 23.11.2009