Kafka beim Tennisspielen

Lyrik ohne intellektuelle Spiele: die Gedichte von Raymond Carver © Stock.XCHNG
02.05.2013
Der letzte Gedichtband des 1988 verstorbenen US-Autors Raymond Carver strahlt von schlichter Eleganz. Seinen eigenen Texten hat er darin Arbeiten von Kollegen gegenübergestellt, die er schätzte.
Ein Mann träumt davon, angeln zu gehen und sich eine Bachforelle zum Frühstück zu fangen. Dann wacht er auf, und vor der Tür steht keine Angel, dort stehen die Schuhe, die er sich gekauft hat, um endlich einen neuen Job zu finden. "Suche nach Arbeit" heißt das Gedicht von Raymond Carver. In wenigen Zeilen wird alles verhandelt, was den Carver-Kosmos so faszinierend macht: einfache Geschichten von einfachen Leuten, die von ihren bescheidenen Sehnsüchten und Träumen erzählen. Und von ihren Schwierigkeiten, denn meist sind sie zutiefst verzweifelt vom zermürbenden Alltag.

Seine Kurzgeschichten haben Raymond Carver, Jahrgang 1938, zu einem der berühmtesten amerikanischen Autoren des 20. Jahrhunderts gemacht. Er war fünfzig Jahre alt, als ein Arzt ihm mitteilte, dass er Krebs habe und nur noch wenige Monate zu leben haben. Carver beschloss, nur noch Gedichte zu schreiben. Weil sie schneller gehen, weil sie kürzer und präziser sind. So versammelt "Ein neuer Pfad zum Wasserfall" die letzten, literarischen Arbeiten dieses Autors – von ihm selbst zusammengestellt. Und diese Arbeiten sind sehr unterschiedlich: Da gibt es Beschreibungen seiner späten Reisen, da gibt es Gedichte über die Liebe und über die Angst, die Liebe zu verlieren. Nicht zuletzt sind es auch die Erinnerungen an die Vergangenheit, die Carver in seinen Gedichten beschreibt. "Die Küche" ist eine Variante auf eine klassische Carver-Short-Story: Ein Junge sitzt am Fluss und angelt fast den Fisch seines Lebens. Aufgeregt rennt er nach Hause, um seinem Vater davon zu erzählen – aber der ist beschäftigt:

"Mein Vater war betrunken / und saß in der Küche mit einer Frau, die nicht seine Frau war und auch / nicht / meine Mutter."

Die Sprache der Gedichte ist von schlichter Eleganz: Man versteht diese Lyrik, die sich auf keine intellektuellen Spiele einlassen muss, die oftmals wunderbar leicht und von bitterer Komik ist: Während einer Zugfahrt sitzt ein Mann im Speisewagen. Plötzlich weist der Schaffner auf einen Tennisplatz vor dem Fenster hin. Da spielt Franz Kafka gerade, sagt er. Die Leute sehen hinaus, und der Reisende bemerkt:

"Kafka selbst war Vegetarier und Abstinenzler, / aber das braucht keinen zu kratzen."

Das Außergewöhnliche an diesem Band: Raymond Carver hat seinen eigenen Gedichten thematisch passende Texte von ihm verehrter Autoren zur Seite gestellt. Von Tomas Tranströmer oder von Anton Tschechow beispielsweise. So entsteht ein reizvoller Dialog. Hinzu kommt die herausragende Übersetzung von Helmut Frielinghaus. Und die bringt eine weitere traurige Geschichte mit sich: Auch für Frielinghaus waren Carvers Gedichte das letzte Projekt; nach der Übersetzung starb er. Immer wieder ist man zu Tränen gerührt von diesem einmaligen Buch – erst recht beim letzten Gedicht, das den einfachen Titel "Spätes Fragment" trägt:

"Und – hast du bekommen, was / du haben wolltest von diesem Leben, trotz allem? / Ja, hab ich. / Und was wolltest du? / Sagen können, dass ich geliebt werde, mich geliebt / fühlen auf dieser Erde."

Besprochen von Martin Becker

Raymond Carver: Ein neuer Pfad zum Wasserfall. Gedichte
Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2013
160 Seiten, 18,99 Euro