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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 02.03.2008

Kaffee in der Schwangerschaf

Studie sieht Gefahr für das ungeborene Kind

Von Udo Pollmer

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Schwangere Frau (Stock.XCHNG / Elliott McFadden)
Schwangere Frau (Stock.XCHNG / Elliott McFadden)

Nach einer Serie höchst erfreulicher Ergebnisse in Sachen Kaffee und Gesundheit, wie Schutz vor Diabetes, Leberkrebs und Gallensteinen werden nun Schwangere vor Kaffee gewarnt. Er soll Abgänge begünstigen. Wie belastbar sind diese Aussagen?

Die Studie: Etwas mehr als 1000 schwangere Amerikanerinnen gaben Auskunft über ihren Coffein-Konsum. Gleichzeitig wurde erhoben, ob sie in den ersten Schwangerschaftsmonaten ihre Leibesfrucht verloren. Ergebnis: Je mehr Coffein, desto mehr Abgänge. Die bisherige Datenlage bescheinigte in der Tat bei hohem Kaffeekonsum ein erhöhtes Risiko. Gleichzeitig ließ sie aber auch unterschiedliche Effekte der einzelnen Getränke erwarten. Vor allem die coffeinhaltigen Colagetränke standen lange Zeit in der Kritik. Deshalb ist es erforderlich die einzelnen Getränkegruppen einzeln zu bewerten.

Und haben die Forscher das getan? Ja, das haben sie. Aber in einer höchst merkwürdigen Weise. Denn sie verglichen nicht etwa die größte Gruppe in den USA – die Colatrinker – mit der zweitgrößten – den Kaffeetrinkern, nein sie schufen eine neue Kategorie: die der Nichtkaffee-Coffeintrinker. Dazu zählen dann beispielsweise neben Cola heiße Schokolade oder Tee. So etwas ist zumindest ein statistisch befremdliches Vorgehen. Auffällig ist dabei, dass die Amerikanerinnen zwar jede Menge Kaffee in sich hineinschütten, aber bei Cola zur Zurückhaltung neigen. Nur acht der über 1000 Frauen trinken angeblich täglich über 1,2 Liter Cola. Zwei davon hatten einen Abgang, sechs trugen ihr Kind aus. Aus diesen beiden Zahlen berechnen die Forscher dann die "hazard ratio" – also das Risiko. Da fallen dann auch hartgesottene Biostatistiker vom Glauben ab.

Das klingt in der Tat komisch. Und schon offenbart sich der nächste Kunstgriff. Er betrifft die Berechnung der Coffeinzufuhr. Bei Kaffee ist es schwierig, die Gehalte abzuschätzen, weil da ganz unterschiedliche Zubereitungsformen, Trinkstärken und Tassengrößen üblich sind. Insofern handelt es sich notgedrungen nur um grobe Schätzungen. Die Forscher entschlossen sich, beim Kaffee einen hohen Coffeingehalt anzunehmen. Bei Colagetränken haben sie dafür reichlich niedrige Werte eingesetzt, obwohl hier die Gehalte der einzelnen Marken durchaus bekannt sind. Das meiste Coffein liefern dabei die beliebten Diät-Colas, weil die fehlende Zuckerwirkung gern durch eine Extraportion Coffein ausgeglichen wird. Diese Studie lebt also von der geschickten Wahl der "passenden" Coffeingehalte der jeweiligen Getränke.

Haben die Forscher denn wenigstens alle wichtigen Coffeinquellen erhoben? Nein, das haben sie nicht. Aufgrund der Darstellung ist höchst fraglich, dass der populäre Eistee (der durchaus erkleckliche Mengen an Coffein liefert) mit erfasst wurde. Ebenso fehlen Energydrinks oder Mate. Eine wichtige Coffein-Quelle sind Kopfschmerztabletten. Die wurden ebenfalls nicht miteinbezogen. Sie enthalten Coffein, weil Kaffee-, Cola- oder Teetrinker bei Coffeinentzug mit sogenannten Entzugs-Kopfschmerzen reagieren. Statt Tabletten wäre eine Tasse Kaffee natürlich sinnvoller.

Behaupten die Autoren, dass Abgänge dann am seltensten passieren, wenn eine Schwangere auf alle Coffeinquellen verzichtet?
Das wollen uns die Autoren in der Tat weismachen. Doch auch hier hat ihre Studie einen Schönheitsfehler: Die niedrigste Rate haben diejenigen, die ihr Coffein aus unterschiedlichen Getränken beziehen. Das ist halt Statistik. Die Tatsache, dass schon früher mehrere Studien bei sehr hoher Kaffeezufuhr ein erhöhtes Abgangsrisiko ermittelt haben, hat vermutlich eine einfache Erklärung. Wer massenhaft Kaffee trinkt, steht gewöhnlich unter Stress. Deshalb braucht er ihn auch. Das ist der simple Grund für die angebliche "ernährungsmedizinische Erkenntnis".

Die wichtigsten Ursachen für Abgänge sind daneben fehlerhafte Kombinationen von Chromosomen. Der mütterliche Organismus prüft die Überlebensfähigkeit des Embryos. Ist sie aus Sicht des mütterlichen Körpers zweifelhaft, wird er nicht weiter ausgetragen. Dies ist kein krankhafter, sondern ein hilfreicher Vorgang von Mutter Natur. Je älter die Schwangere, desto eher ist ein Abgang möglich. Dies war auch in dieser Studie so, auch wenn die Autoren das natürlich herunterspielen.

Dennoch – ein wenig Unsicherheit bleibt. Es ist doch unmittelbar einsichtig, dass Genussmittel nichts für Föten oder Säuglinge sind? Natürlich, weil das christliche Abendland hinter jeder Freude die Fallstricke des Teufels wittert. Erst kürzlich haben kluge Ärzte erkannt, dass Coffein für ganz frühe Frühchen vorteilhaft sein kann. Es verhindert Atemnot, so dass man früher auf die künstliche Beatmung verzichten kann. Coffein ist und bleibt ein wunderbarer Wirkstoff für die Menschheit.

Literatur:
Weng X et al: Maternal ceffeine consumption during pregnancy and the risk of miscarriage: a prospective cohort study. American Journal of Obstetrics & Gynecology 2008 epub before print
Matijasevich A et al: O consomo de caffeine durante a gestacao aumenta o risco de mortalidade detal? Uma revisao da literatura. Cadernos de Saude Publica 2005; 21: 1676-84
Schmidt B et al: Caffeine therapy for apnea of prematurity. New England Journal of Medicine 2006; 354: 2112-21
Browne ML: Maternal exposure to caffeine and risk of congenital anomalies: a systematic review. Epidemiology 2006/17/S.324-31

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