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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.02.2015

Käthchen-Inszenierung am Thalia TheaterBerührende Intensität

Von Elske Brault

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(picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)
Thalia Theater in Hamburg - hier war das "Käthchen von Heilbronn" zu sehen. (picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt)

Kleists "Käthchen von Heilbronn" inspiriert auch 200 Jahre nach der Uraufführung junge Regisseure. Am Hamburger Thalia Theater verzichtete Bastian Kraft auf Schnickschnack und präsentierte Kleist pur und eine überragende Schauspieltruppe.

Der Richter bleibt im Dunkeln. Es ist auch für die Zuschauer nicht zu erkennen, welcher Schauspieler da im ersten Rang steht, von hinten angestrahlt, ein Scherenschnitt gegen das Licht, und wie ein personifiziertes Über-Ich von den Figuren auf der Bühne Wahrheit und Aufklärung fordert. Mit verbundenen Augen hat man sie auf diese Bühne gestellt, Kätchchens Vater (Wolf-Dietrich Sprenger) und den Grafen Wetter vom Strahl (Jens Harzer).

Sie ziehen die Binde ab, versuchen, den Dingen ins Gesicht zu sehen, und können es sich beide nicht erklären: Welch geheimer Zauber das Käthchen bindet an den Grafen vom Strahl. Auch das Käthchen selbst vermag da keine Auskunft zu geben: Warum es sich nun gerade in diesen verliebt hat? Ja, was soll sie sagen? Das Wunder erotischer Anziehungskraft, es ist und bleibt unerklärlich.

Narzisstische Selbstzweifel

Um dieses zentrale Wunder hat Kleist sein "romantisches Ritterspiel" arrangiert. Alles, was folgt, analysiert und zerlegt er: Wie der Graf vom Strahl in narzisstischem Selbstzweifel Käthchens Gefühle zurückweist, weil einen wie ihn doch keine lieben kann. Wie Käthchens Vater zuerst nicht ertragen kann, dass die Liebe seine Tochter so sehr verwandelt, seiner väterlichen Autorität entzieht, dann aber aus Liebe zu ihr jeden Schwiegersohn, jede Tollerei des Herzens zu akzeptieren bereit ist. Und natürlich gibt es auch noch eine berechnende Nebenbuhlerin und einen ganzen Haufen weiterer Nebenfiguren, die alle illustrieren, was die Liebe nicht ist: den anderen zu benutzen zwecks egoistischer Bedürfnisbefriedigung. Das Problem mit diesem Schauspiel ist, dass Kleist seine Thesen über Es, Ich und Über-Ich in die Metaphern seiner Zeit gekleidet hat: der edle Ritter, das treue Aschenputtel alias Käthchen, das geputzte Burgfräulein, Hahnenkämpfe mit dem Schwert in der Hand und ein brennendes Schloss.

Damit haben alle Regisseure ihre liebe Not: Matthias Hartmann rettete sich einst am Deutschen Schauspielhaus in die Verniedlichung, ließ die Ritter- und Ruinenszenen von Marionetten spielen als Stück im Stück. Roger Vontobel fuhr am gleichen Haus eine Menge Bühnenzauber auf, Videoprojektionen und Klanginstallationen, stützte sich aber letztlich doch nur auf die breiten Schultern seiner Hauptdarstellerin Jana Schultz, einem Walküren-haften Käthchen mit feministischer Kampfkraft.

Kulisse für eine Modenschau

Und mm? Abstrahiert. Stellt die Metaphern aus als Bild für einen inneren Vorgang - und beschränkt sich auf seiner Bühne auf wenige Zeichen. Die Gerichtsszene zu Beginn spielt vor dem schwarzen Eisernen Vorhang. Wenn der sich hebt, wallen weiße Tücher von einem riesigen Bühnenkranz. Innerhalb dieses geschlossenen großen Vorhang-Kreises dreht sich ein kleinerer aus Licht, eine von Löchern perforierte Säule wirft Lichtpunkte wie einen Sternenregen auf die Vorhang-Leinwand. Schattenspiele finden da statt, die dunklen Abbilder der mächtigen Schwerter wirken wie übergroße Phallusse. Dieses aus Licht und Schwärze gestaltete Bühnenbild von Peter Baur könnte elegante Kulisse sein für eine Modenschau. Doch es sind die Gefühle, die sich hier mit Worten maskieren.

Bastian Kraft verlässt sich zu Recht auf die Überzeugungskraft seiner überragenden Schauspieltruppe. Die Darsteller mimen Märchenfiguren: Käthchen (Birte Schnöink) ganz in weiß, der Ritter in schwarz, das böse Burgfräulein (Victoria Trauttmansdorf) in flammend rotem Kleid. Doch zugleich hat Kleist diesen Seelenbildern echtes Leben eingehaucht, zerrissen und zweifelnd ist ein jeder von ihnen, und die Abgründe, das Unvermögen sind ausgedrückt manchmal nur in einem Seufzer, einem "Ach". Dass hier jedes "Ach" sitzt, jedes Komma des Textes mitgespielt und mitgesprochen wird, schafft dieser Inszenierung berührende Intensität.

Am Schluss stumm

Die Konzentration auf die Sprache hat allerdings ihren Preis: Sie kostet den Ritter und sein zur Kaiserstochter erhobenes Käthchen das Happy End. Heiraten dürfen sie zwar. Aber eine gemeinsame Sprache finden sie nicht. Er kokettiert mir ihr noch im Moment der Antragstellung, fordert verbal von ihr Unterwerfung, womöglich hoffend, dass sie den Ball des Geschlechterkampfes aufnehme und zurückspiele. Sie besitzt nicht die intellektuellen Fähigkeiten, sich mit ihm zu messen, ihr einziges Pfund ist die Kraft ihrer Liebe. So stehen beide am Schluss stumm da mit gesenkten Häuptern. Licht aus. Alle Sterne erloschen. Nur für den Zuschauer im Parkett ist Rettung: Es gleich noch einmal anzuschauen.

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Zur Homepage: Thalia Theater Hamburg

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