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Kompressor | Beitrag vom 06.02.2017

Kämpfen liegt im TrendDie neue Lust am Raufen

Von Gerd Brendel

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Ein Mann liegt am Boden nach einem Kampf (imago stock&people)
Ein Mann liegt am Boden nach einem Kampf (imago stock&people)

Es ist schick, sich ganz einfach mal wieder ein bisschen zu prügeln - sportlich spielerisch jedenfalls. Das denken einige Erwachsene, die sich in Berlin-Neukölln zum "Playfight" treffen. Am Ende hat der Reporter keine Socken mehr an und liegt auf der Matte.

Sonntagabend in einem ausgebautem Dachboden in Berlin-Neukölln: Wo sonst Taekwando und Selbstverteidigung trainiert werden, begrüßt heute Trainer Dominik Mattner zwei Dutzend Männer und Frauen zwischen 30 und 50 in Sportsachen. Was aussieht wie eine entspannte Feierabend-Yoga-Gruppe ist der erste Neuköllner "Playfightclub". "Playfight" heißt wörtlich übersetzt "Spiel-Kampf".

"Beim 'Playfight' begegnen sich immer zwei Leute in der Mitte. Ihr könnt darin machen, was immer ihr wollt."

Mit zwei wichtigen Einschränkungen: "Jemandem weh zu tun, ist tabu. Darin enthalten sind alle Schläge, Tritte, Hände nach hinten drehen, Beine, etc pp."

Und: "Der Kampf findet komplett aufn Boden statt in sitzender liegender hockender Haltung."

Die Lehrerin rutscht als erste in die Mitte

Die Lehrerin Ulli, Kurzhaar-Frisur, Jogginghose, barfuß, rutscht tatsächlich als erste in die Mitte. Ein Lächeln in Richtung ihres Wunsch-Gegners, oder besser: ihres "Wunsch-Partners", genügt, und Christian robbt in ihre Richtung. Wie große Katzen umkreisen sich die beiden auf allen Vieren. Dann packt Ulli Christian an der Schultern, ein zunächst behutsames dann immer energischeres Ringen und Zerren beginnt.

"Das Ziel ist eine ganz bestimmte Form von Kontakt und in diese kindlich-spielerische Raufenergie wieder reinzukommen, die viele Erwachsene vergessen haben. In dem Moment, wo es nicht mehr darum geht, wer gewinnt, oder wer der Stärkere ist, findet wirklicher Kontakt statt."

"Ich fand es jetzt sehr schön mit ihm", sagt Ulli ein paar Minuten später nach ihrer ersten Rauferei: "Ich hab zwei Brüder. Mit denen hab ich ganz viel gerauft - spielerisch und auch nicht so spielerisch."

Gegen ihre älteren Geschwister muss sich Ulli heute nicht mehr durchsetzen, aber die Lust am Raufen ist geblieben: "Es ist eine Sehnsucht nach Körperlichkeit, auch nach so einer kämpferischen Körperlichkeit, die aber nicht verletzt, und die Sehnsucht danach, die eigene Kraft zu spüren, die Kraft des anderen, ohne dass es sofort in die erotische oder sexuelle Komponente reingeht. Das ist ein wichtiger Punkt."

Von hinten um die Brust

Ihr Playfight-Partner Christian, von Beruf Türsteher, Hipster-Bart, und ziemlich breite Schultern, nickt: "Das würde ich auch so sehen. Es hat etwas sehr Unschuldiges."

"Playfight" quasi als kleine Flucht ins Paradies vor dem Sündenfall aus Patriarchat, Diskriminierung, Frauen- und Männer-Rollenklischees:  Das klingt ziemlich theoretisch.

"Das kann man schlecht beschreiben, wenn man nicht selber da mal reingeht und mitmacht", sagt Patrick und zwinkert mir zu. Und dann habe ich auch schon meinen Pullover ausgezogen und nehme die Herausforderung zu meinem ersten "Playfight" an.

"Hey, der hat ja noch Socken an", ruft der Trainer und greift sich meine Beine .
Ruckzuck fliegen meine Strümpfe durch den Raum. Ich bekomme Patricks Oberschenkel zu fassen. Er greift mir von hinten um die Brust. Ich winde mich aus der Umklammerung und drücke ihn zu Boden. Adrenalin schießt mir in den Kopf. Das geht so eine Weile hin und her bis wir irgendwann lachend nebeneinander auf der Matte liegen.

Später auf dem Nachhauseweg in der vollen U-Bahn stelle ich mir vor, wie sich alle Fahrgäste in einem einzigen riesigen Playfight gegenseitig versuchen, die Socken auszuziehen. Erst als mein Gegenüber mich so verständnislos anglotzt, als wäre ich ein Außerirdischer, höre ich auf zu lachen.

Fazit

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