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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 24.09.2010

"Kaddish" in Warschau

Ein Gebet, wie Leonard Bernstein es sich wünschte

Von Julia Kaiser

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Leonard Bernsteins 3. Symphonie: Uraufführung in Warschau (AP)
Leonard Bernsteins 3. Symphonie: Uraufführung in Warschau (AP)

1963 schrieb Leonard Bernstein seine 3. Symphonie mit dem Titel "Kaddish". Zeit seines Lebens war er unzufrieden mit dem Text. Er bat seinen Freund, den Holocaustüberlebenden Samuel Pisar, Worte zu finden. Erst zehn Jahre nach Bernsteins Tod kam Pisar dem Wunsch des Freundes nach, und zwar mit Hilfe des Bernstein-Schülers und Dirigenten John Axelrod.

"Ich bezeichne mich nicht als "jüdischen Komponisten". Ich mag GUTE Musik. Aber als ich mit meiner Sinfonietta Krakovia Mozarts Requiem auf dem Gelände von Auschwitz gespielt habe, oder wenn ich den "Kaddish" dirigiere, dann fühle ich doch eine tiefere Verbindung zu meiner eigenen jüdischen Vergangenheit."

John Axelrod winkt ab. In Bernsteins Kaddish nur den religiösen oder gar konfessionellen Aspekt zu sehen, ist ihm viel zu wenig. Was er, Schüler Leonard Bernsteins, und dessen Freund Samuel Pisar intendiert haben, ist viel umfassender.

Der Weg zu Samuel Pisars persönlichem Kaddish-Gebet ist fast 40 Jahre lang. 1968 hat der amerikanische Komponist Leonard Bernstein seine 3. Symphonie mit dem Titel geschrieben. Immer sei er mit seinem Text unzufrieden gewesen, habe ihn als nicht stark genug empfunden, erinnert sich Samuel Pisar. Deshalb habe er ihn, seinen Freund gebeten, die eigenen Erlebnisse in einem Gedicht als Anklage an Gott zu formulieren. 1989 war das.

"Er hatte keine Zeit. Er wusste, dass er sterben würde. Wir konzentrierten uns also auf Kaddish, und er fragte mich, ob ich einen ganz neuen Text schreiben könnte für seine monumentale Symphonie Nummer 3. Ich sagte nein. "Ich habe nicht genug poetisches Talent, um auf der Höhe Deiner Musik schreiben zu können." Und ganz sicher hatte ich keine Lust, öffentlich zu sprechen über das Leid, das mein Volk erlitten hat, das meine Kindheit zerstört und meine Familie ausgelöscht hat. Und ich wollte auch nicht meinen Disput mit dem Allmächtigen wieder aufnehmen."

Heute ist Samuel Pisar 81 Jahre alt. Als Kind ist er auf dem Todesmarsch den Nazis entkommen, als junger Mann hat er alles verdrängt, sich hochgearbeitet, war Berater von Präsident John F. Kennedy und Justitiar des Olympischen Komitees. Und er war befreundet mit Leonard Bernstein. Samuel Pisar:

Nach seinem Tod hinterließ Bernstein Anweisungen: seinem Agenten und auch seiner Familie. Sie sollten mich überzeugen. Sein Gedanke war, dass ich etwas sehr Kraftvolles aus meinem Inneren heraus schreiben könnte, denn mein Leben war nicht … normal. Ich hatte erschütternde Dinge erlebt. Er glaubte, dass ich nicht nur die Worte finden, sondern es auch wagen würde, die aufzuschreiben.

Zehn Jahre nach dem Tod Bernsteins fasste Pisar den Entschluss, seinen persönlichen Kaddish zu schreiben. 25 Seiten fasste das Gedicht. John Axelrod stand ihm zur Seite. Er hatte die Symphonie bereits dirigiert und war vertraut mit Bernsteins Verständnis von Musik. John Axelrod:

"Die Arbeit mit Samuel Pisar hatte etwas sehr Tiefgründiges. Seine Geschichte, wie der jüngste Überlebende von Auschwitz einer der großen humanistischen Staatsmänner unserer Zeit werden konnte. Mit ihm privat sprechen zu dürfen, wie ich es mit Bernstein getan habe. Ihn über seine Erinnerungen sprechen zu hören, wie er sich mir öffnete, dieser großartige Mann, der mit Präsidenten und Premierministern zu Tisch sitzt!

Wir stellten seine Worte so um, dass sie eine Dramaturgie bekamen, wir wollten ein Holocaust-Oratorium schaffen, ganz nach den Vorstellungen, die Lenny gehabt hatte. Und so ergänzt der Text die Intensität der Musik, und die Musik unterstreicht die Tragödie von Sam Pisars Lebensgeschichte."

2003 dirigierte John Axelrod den Kaddish zum ersten Mal mit Samuel Pisars Text. Seiher sind sie zusammen in vielen Städten gewesen, New York, Jerusalem, Berlin, soeben in Warschau, in Pisars Geburtsland Polen.

Die nächste Aufführung ist 2011 in Washington. Und es wird hoffentlich weitere geben. Denn mit dieser Musik kann jeder etwas anfangen, gleich welcher Religion oder Sprache. Dieser Kaddish ist ein leuchtendes Beispiel authentischer Klage und, nur daraus möglich, universeller Vergebung.

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