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Nachspiel | Beitrag vom 24.11.2019

Kabarettist Richard Rogler"Baumann und Basler machen alles richtig"

Richard Rogler im Gespräch mit Anh Tran

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Richard Rogler bei einem Auftritt im Jahr 2016 in Köln. Imago Images / Horn Eibner-Pressefoto (imago images / Horn Eibner Pressefoto)
Richard Rogler bei einem Auftritt im Jahr 2016 in Köln. (imago images / Horn Eibner Pressefoto)

Im Stadion hatten sie einst wenig zu lachen, auf der Kleinkunstbühne dürfen sie ihren Humor nun aber gänzlich entfalten. Sportler wie Dieter Baumann oder Mario Basler haben dafür die volle Bewunderung ihres Kabarettkollegen Richard Rogler.

1992 wurde Dieter Baumann in Barcelona Olympiasieger über 5.000 Meter. Mittlerweile hat er die Seiten gewechselt: von der Laufbahn auf die Bühne. Seit 2009 ist er als Kleinkünstler unterwegs, sein neues Soloprogramm heißt "Dieter Baumann läuft halt, weil singen kann er nicht". Wie Sportler und Kultur zusammenpassen, darüber kann der Kabarettist Richard Rogler einiges sagen. Er war in seiner Jugend selbst kurz davor, Leistungssportler zu werden. Dann hat er sein Leben dem Kabarett verschrieben. Seit 2000 ist er der erste Universitätsprofessor für Kabarett an der UdK Berlin.

Anh Tran: Sie haben es anders gemacht als Dieter Baumann. Warum ging es für Sie statt auf die Tartanbahn auf die Theaterbühne?

Richard Rogler: Ich habe Sport und Französisch für das Lehrfach am Gymnasium studiert. Nach dem Studium habe ich mir aber überlegt, ob es der Sinn meines Lebens ist, den Kindern 40 Jahre lang den Purzelbaum rückwärts beizubringen. Das erschien mir nicht abendfüllend. Dann dachte ich, ich mache lieber abendfüllende Kabarettprogramme.

Tran: Sportler und Kultur, geht das zusammen?

Rogler: Auch Sport ist Kultur. Jemand kann im Männergesangsverein sein oder im Tennisclub: Alles ist gesellschaftliche Kultur. Was anderes ist es, wenn man Künstler wird. Kunst und Kultur haben miteinander nichts zu tun. Aber Baumann sagt ja selbst, er ist jetzt Künstler, und wenn er das sagt, dann hat er auch Recht.

27.05.2019, Baden-Württemberg, Stuttgart: Dieter Baumann, ehemaliger deutscher Leichtathlet und Olympiasieger, spricht bei einem Interview mit der dpa. (zu dpa: «Bis keiner mehr lacht - Wie Dieter Baumann zum Kabarettisten wurde») Foto: Fabian Sommer/dpa | Verwendung weltweit (dpa / Fabian Sommer)Dieter Baumann gewann 1992 Olympisches Gold und ist mittlerweile auf der Kleinkunstbühne anzutreffen. (dpa / Fabian Sommer)

"Baumann ist ein intelligenter und liebevoller Mensch"

Tran: Was haben Sportplatz und Bühne vielleicht auch als gemeinsamen Schauort?

Rogler: Baumanns Programme sind öffentliche Auftritte. Er hat gesagt, er kommt aus dem Olympiastadion und geht jetzt auf die Bühne. Die anderen mit gelinde ausgedrückt schlechten Witzen gehen plötzlich ins Olympiastadion, waren aber vorher keine Sportler. Da hat er einen Vorteil. Ich finde das, was Baumann macht, hervorragend. Er ist ein intelligenter und liebevoller Mensch. Sein Vorteil im Unterschied zu anderen Künstlern ist ganz einfach: Die meinen, in dem Moment, wo sie ein Mikrofon halten können, müssen sie schon auf die Bühne gehen. Baumann weiß dagegen, wovon er spricht. Das wissen Comedians nicht. Die wissen sowieso nicht, worum es geht – ebenso wie viele gesellschaftskritische Kabarettisten. Da gibt es Themen, die im Raum rumschwirren und meistens von der größten Boulevardzeitung in Deutschland vorgegeben werden. Und dann wird versucht, darauf ein paar Pointen zu machen, um aktuell zu sein. Da steckt aber nicht viel dahinter. Bei Baumann aber wissen die Leute, wer sich sowas wie die 5.000 Meter Langstrecke angetan hat, der muss vorher viel im Wald trainieren. Das müssen Sie wirklich wollen. Das macht ihn authentisch. Das finde ich unheimlich angenehm.

Tran: Baumanns Wechsel vom Sport in die Unterhaltungsbranche können Sie also gut nachvollziehen?

Rogler: Ja, ich freue mich über solche Leute. Das kann ich gut nachvollziehen, und ich kann es mir gut anschauen und gut anhören.

Unser Kollege Thomas Wheeler hat sich das Bühnenprogramm von Ex-Fußballer Mario Basler angehört.

"Das ist Laienkunst in höchster Form"

Tran: Es gibt auch andere prominente Beispiele, die den Wechsel vollzogen haben, etwa Mario Basler. Der ehemaliger Fußballprofi von Werder Bremen und dem FC Bayern sucht immer wieder das Fernsehlicht - in Sportsendungen genauso wie in Reality-Formaten. Er hat auch ein eigenes Bühnenprogramm namens "90 Minuten plus Nachspielzeit". Welche Qualität haben solche Programme?

Rogler: Basler fasziniert mich wirklich. Er ist ein intelligenter Prolet, und dazu steht er auch. Wie Baumann hat er das Glück, dass er nie auf einer Schauspielschule war, wo man ihm den künstlichen Bühnenton beibringt und die Persönlichkeit raubt. Ich bin immer wieder überrascht, wie Leute, die von Kunst keine Ahnung haben, alles richtig machen. Basler ist souverän, hat Charme auf der Bühne und bewegt sich auch nicht falsch. Er macht mal einen Gang oder setzt sich mal in einen Sessel. Das ist alles souverän. Dann macht er ein bisschen kleine Mimik, aber die ist eigentlich harmlos, denn er zieht keine Fratzen. Das ist das große Plus. Man ist immer wieder erstaunt. Das ist Laienkunst in höchster Form.

Tran: Und gibt es trotzdem ein großes Minus?

Rogler: Ich kann keines entdecken. Manchmal greift Basler vielleicht mit einer Bettgeschichte unter die Gürtellinie, aber das gehört alles zum Leben. Ich habe oft mit Dieter Hildebrandt gespielt. Bei manchen Texten haben wir gesagt, es müsse ein blöder Kalauer drin sein. Dann haben wir einen erfunden, der völlig daneben ist. Aber das gehört auch zu so einem Programm. Ich bin immer wieder begeistert, wie Basler oder Baumann liebevoll das Publikum einbinden. Da wird keiner auf die Bühne gezerrt und fertiggemacht. Basler oder Baumann sind für mich exemplarische Menschen: keine Genies, aber Ausnahmeerscheinungen. Künstler sind sie sowieso nicht, aber es sind exemplarische Leute, die sich aus der Masse absolut herausheben.

Mario Basler, Fußballtrainer, ehemaliger Fußballprofi, Fernsehfussballexperte, Buchautor und Showstar. Tagesspiegel-Interview im Sheraton Berlin Grand Hotel Esplanade. Foto: Mike Wolff | Verwendung weltweit (picture alliance / Tagesspiegel / Mike Wolff)Mario Basler spielte früher Fußball, nun spielt er mit dem Publikum. (picture alliance / Tagesspiegel / Mike Wolff)

Zwei Arten von Kabarett

Tran: Beide genannten Sportler erzählen vor allen Dingen Anekdoten aus ihrem aktiven Sportlerleben. Dafür finden sie ein amüsiertes Publikum. Welche Erkenntnis ziehen wir daraus?

Rogler: Die beiden machen es richtig, dass sie eine Vorstellung spielen. Das ist für mich eine von zwei Möglichkeiten im Kabarett. Die andere ist das Kabarett der Antworten, bei dem wir das glauben oder so leben sollen, wie er es da oben sagt. Das ist langweilig und keiner will es hören. Ich kann mich an einen Ausschnitt aus dem Programm von Baumann erinnern, in dem er ganz ironisch sagt: "Also Sie können laufen und laufen, das ist schön, aber Sie können es auch bleiben lassen." Das ist sowas von erholsam, dass ich mich einfach darüber freue.

Tran: Hat das Publikum vielleicht weniger Erwartungen oder auch Ansprüche?

Rogler: Es ist doch spannend, Geschichten aus dem Leben von Menschen zu hören. Und das machen Basler und Baumann.

Tran: Und ist das dann Kunst?

Rogler: Das würde ich schon als Kunst bezeichnen.

Tran: Also Sportler können auch Künstler sein?

Rogler: Auf jeden Fall!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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