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Tonart | Beitrag vom 21.08.2019

Justin Sullivan von New Model Army"Ich war nie ein Rockmusiker"

Moderation: Oliver Schwesig

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Justin Sullivan steht mit Gitarre auf einer Bühne, vor ihm ein Mikrofon, hinter ihm ein Schlagzeug. (imago / Oliver Schaper)
Justin Sullivan bei einem Konzert von New Model Army im März 2017 in Dortmund. (imago / Oliver Schaper)

Das Raue des Punk, Hymnen wie U2, politische Texte: Mit diesem Mix wurde die Band New Model Army bekannt. Nun erscheint das Album "From Here". Sänger Justin Sullivan erklärt, warum er über das Wetter singt und sich eigentlich als Soul-Musiker sieht.

Oliver Schwesig: In den 80ern haben Sie angesungen gegen die Verhältnisse. Was ist davon noch übrig?

Justin Sullivan: Um Gottes Willen, wo soll ich da anfangen? Vieles, was wir heute erleben, hat seinen Ursprung in der Thatcher-Ära. Ein Beispiel: In den USA, in Großbritannien, aber sicher auch anderswo, erleben wir, wie Geld aus öffentlicher Hand in private Hände fließt. Das hat in den Thatcher-Jahren begonnen – und bis heute immer mehr Fahrt aufgenommen. Das hat dazu geführt, dass viele Leute das Gefühl haben, nicht beachtet zu werden. Und diese Menschen sind leichte Beute für – lassen Sie es mich so formulieren – für Dämonen.

Schwesig: Eigentlich müssten es ja gute Zeiten sein für Bands: Wenn die Politik einen nervt, dann haben Sie gut zu tun, oder?

Sullivan: Nein, so sehe ich das nicht. Manche Menschen glauben, dass New Model Army nur der Politik wegen bestanden hätte. Aber das ist absolut falsch. Nicht mal am Anfang war das so. Es gab die Band der Musik wegen. Ich fand es nur interessant, über das zu schreiben, was um uns herum passiert ist – das ist bis heute so. Aber auch auf dem neuen Album geht es um ganz viele unterschiedliche Dinge. Hauptsache, sie sind interessant. Es gibt bei der Band keine politische Doktrin.

Running-Gag der Band: Immmer geht es um das Wetter

Schwesig: Wir können ja mal über ein paar Titel reden. In dem einen, "Weather", da fungiert das Wetter als Parabel. Da singen Sie: "Der Blitz wird irgendwann kommen. Aber wir wissen nicht, wo oder wann. Wir wissen aber, dass er kommt." Das Wetter – eine Parabel für den Zustand der Gesellschaft?

Sullivan: Es gibt da diesen Running-Gag bei New Model Army: dass wir immer über das Wetter schreiben, der ultimative New-Model-Army-Song. Das Wetter eignet sich besonders gut, um eine Stimmung zu vermitteln. Allein schon deshalb geht es in meinen Songs immer wieder ums Wetter.

Und der Song, den Sie angesprochen haben: Da geht es darum, dass alles gerade ein bisschen extremer wird, Menschen eingeschlossen. Also, das Wetter wird immer extremer aufgrund der Erderwärmung. Und wir Menschen: Wir bestehen doch alle aus denselben Molekülen.

Schwesig: In einem anderen Song, "Where I Am", da gibt es diese Zeile: "Jeder möchte gerne woanders sein". Ist das jetzt bei New Model Army auch eine Flucht nach Innen geworden, 2019?

Sullivan: In unserer Wahrnehmung ist das ein freundlicher Song. Ich mag den sehr gern. Und ich mag auch, wie er letztlich auf der Platte klingt, dieser 60er-Jahre Psychedelic-Gitarrensound.

In der ersten Strophe geht es um einen Jungen, der mir mal in Südafrika über den Weg gelaufen ist. Für einen Dollar am Tag hat er auf die Autos von anderen Leuten aufgepasst. Ich habe zu ihm gesagt: "Dir wird doch total langweilig hier. Irgendwann muss es dir doch auf die Nerven gehen, dass die reichen Leute so despektierlich mit dir umgehen." Und seine Antwort war: "Nein. Ich schaue einfach aufs Meer. Alles gut."

Wenn es eine Botschaft in dem Song gibt, dann lautet sie: Leg endlich mal dein verdammtes Smartphone aus der Hand! Was uns allen natürlich schwerfällt. Wir alle glauben, überall gleichzeitig sein zu müssen. Und am Ende sind wir nirgendwo ganz.

Schwesig: Ist das vielleicht auch ein Thema für das ganze Album? Der moderne Mensch verloren in der modernen Welt? Wäre das ein übergreifendes Thema, das Sie beschäftigt als roter Faden für das Album?

Sullivan: Nun, fühlen wir uns nicht alle ein bisschen verloren? Die Dinge entwickeln sich in Richtungen, die nur Wenige gutheißen würden. Und diese Entwicklung läuft wahnsinnig schnell ab. Als ich jung war, habe ich noch in die Zukunft geguckt, und ich war optimistisch dabei. Heute begegnen mir viele junge Leute, die Angst haben vor der Zukunft. Das ist wirklich traurig.

Die Rolle des Rhythmus

Schwesig: Und wenn wir jetzt über die Musik reden. Ich habe den Eindruck, Sie leben immer noch den typischen Folkrock-Sound von New Model Army – unruhige Gitarren, straffe Rhythmen. Das ist immer noch der Sound, auf den Sie sich gut verlassen können, oder?

Sullivan: Es gibt etwas, das alle Inkarnationen von New Model Army eint: nämlich, dass letztlich der Rhythmus das Entscheidende ist. Ich persönlich mag ja schon mal einen Rocksong, aber ich war nie ein Rockmusiker. Ich glaube nicht, dass Rock’n’Roll meine Seele gerettet hat. Ich bin ein Soul-Music-Typ. Bass und Schlagzeug sind für mich das Wichtigste. Darum ging es immer bei New Model Army.

Als wir am neuen Album gearbeitet haben, habe ich mich aber auch in die Gitarre verliebt. Wir haben ja in diesem fantastischen Studio in Norwegen aufgenommen, das beste, in dem wir je aufgenommen haben. Ein riesiger Raum, der uns ermöglicht hat, eine riesige Drum-Section aufzubauen.

Die Gitarren sollten damit aber nichts zu tun haben, die sollten nicht mit den Drums oder dem Bass interferieren. Daher kommt dieser Raumklang von Schlagzeug und Bass auf diesem Album, der so New-Model-Army-mäßig reinhaut.

Die Leute vergessen immer wieder, wie wichtig Schlagzeug und Bass sind. Die sagen: The Clash – das Wichtigste bei denen ist doch die Gitarre von Joe Strummer. Nein! Das Wichtigste war die Rhythm-Section. The Clash waren nur deshalb großartig, weil der Bass-Spieler und der Schlagzeuger so brillant waren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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