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Interview | Beitrag vom 25.06.2020

Juristin über die Gleichbehandlung der Geschlechter"Frauen wird gern die Kompetenz abgesprochen"

Maria Wersig im Gespräch mit Stefan Karkowsky

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Baden-Württemberg, Karlsruhe: Beim Tag der offenen Tür im Bundesverfassungsgericht wird der Schrank gezeigt, in dem die roten Roben der Bundesverfassungsrichter aufbewahrt werden. Rote Roben hängen an Bügeln, daneben werden die ebenfalls signalroten Mützen aufbewahrt. (picture alliance / dpa / Uli Deck)
Nach wie vor tragen deutlich mehr Männer als Frauen die Roben oberster Bundesrichter. (picture alliance / dpa / Uli Deck)

40 Jahre gesetzliche Gleichbehandlung - das ist auch bei den Juristinnen ein Thema. Nach wie vor gibt es nur wenige Bundesrichterinnen und Professorinnen. Die Juraprofessorin Maria Wersig sieht starke Männerseilschaften am Werk.

Am 25. Juni 1980 verabschiedete der Bundestag das "Gesetz über die Gleichbehandlung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz". Das ist genau 40 Jahre her. Nicht nur deswegen dürfte es längst keine Unterschiede mehr geben. Praktisch jedoch klafft immer noch eine große Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit – auch in den oberen Etagen unserer Rechtsprechung, bei den Bundesrichtern.

20 Männer und 6 Frauen auf der Liste

Die Dortmunder Juraprofessorin Maria Wersig, Vorsitzende des Deutschen Juristinnenbundes, will das ändern. Die Vereinigung hat die Initiative "Frauen in die roten Roben" gestartet. Denn, so Wersig, bei der aktuellen Bundesrichterwahl stünden nur sechs Frauen auf der Liste – und 20 Männer.  Offenbar seien auch unter Juristen Traditionen und Männerseilschaften nach wie vor sehr stark - so dass versucht werde, sich "Kronprinzen" unter den männlichen Nachwuchskollegen heranzuziehen.

Dem gegenüber stehe ein hoher Anteil Frauen in allen übrigen Richterämtern, betont Wersig. In ihrem eigenen Metier, der Wissenschaft, gelte: "Ich kenne eigentlich nur herausragend qualifizierte Kolleginnen. Und trotzdem sehe ich, dass viele von ihnen Schwierigkeiten haben, an eine Professur zu gelangen."

Maria Wersig, Juraprofessorin an der FH Dortmund und Vorsitzende des Deutschen Juristinnenbundes, hält anlässlich von 100 Jahre Frauenwahlrecht (2019) eine Rede. (imago stock&people / Eibner / Uwe Koch)Kämpft für mehr Frauen in obersten Richterämtern: Maria Wersig. (imago stock&people / Eibner / Uwe Koch)

Der Anteil der Juraprofessorinnen liegt laut Wersig nur bei 16 Prozent. Als Gleichstellungsbeauftragte einer juristischen Fakultät habe sie mitbekommen, wie die Leistungen von Frauen regelmäßig "relativiert wurden" – bei Vorträgen genauso wie bei Prüfungen. Frauen werde gern erst einmal die Kompetenz abgesprochen – diese Erfahrung habe sie auch persönlich gemacht.

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Ein krasser Fall, den Wersig als Beobachterin erlebt hat: "Da hielt eine Kollegin einen grandiosen Vortrag. Und ich dachte: Na, die Leute in der Auswahlkommission müssen aber beeindruckt sein. Und dann sagte ein Mann aus der Kommission nur ganz trocken: 'Auf das Thema sind Sie doch bestimmt durch Ihren Mann gekommen – der ist ja Notar.'"

(mkn)

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