Junges Judentum

"Man muss dagegen kämpfen"

Antisemitisches Graffito in Ueckermündes Innenstadt © Thilo Schmidt
Von Alice Lanzke · 21.02.2014
Für viele junge Juden ist Antisemitismus ein großes Thema. 350 von ihnen haben auf dem diesjährigen Jugendkongress in Berlin intensiv darüber diskutiert. Sie wollen Vorurteilen entgegentreten und die jüdischen Traditionen in Deutschland bekannter machen.
Ausgelassene junge Menschen, die die Arme in die Luft werfen, wirbelnd im Kreis tanzen, dass einem schon vom Zusehen schwindelig wird, und lauthals mitsingen: Fast scheint es, als würden sich die Teilnehmer des Jugendkongresses die Sorgen aus dem Leib feiern. Tatsächlich stand der diesjährige Kongress, organisiert von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden und dem Zentralrat der Juden in Deutschland, unter dem Motto "Antisemitismus in Europa heute". Kein einfaches Thema, aber eines, das den jungen Teilnehmern unter den Nägeln brennt, wie Jason aus Köln erklärt:
"Und da wir uns jeden Tag in einer Art und Weise damit auseinandersetzen müssen, ist es sehr interessant, dass wir uns auch hier damit auseinandersetzen, lernen, wie kann man damit umgehen, was sind wirklich die Gründe für Antisemitismus. Und deswegen finde ich es sehr gut gewählt. Weil, das betrifft uns einfach."
Über 350 junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren sind in Berlin zusammengekommen, um sich vier Tage lang auszutauschen, kennenzulernen und zu diskutieren. Für Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, ein ganz besonderes Treffen:
"Für uns ist das von ganz essentieller Bedeutung: Dass wir unsere jungen Menschen aus ganz Deutschland hier zusammenbringen können, dass wir zeigen, unser Judentum lebt und ist voller Intensität und ist auch begeistert der Zukunft zugewandt: Das soll ja dieser Jugendkongress transportieren. Hier werden ernste Dinge diskutiert und debattiert, aber hier wird auch richtig gefeiert, hier wird Judentum fröhlich präsentiert und gezeigt, dass wir junge Menschen haben, auf die wir sehr stolz sind und ich bin sehr sehr stolz auf unsere jungen Menschen."
Früherer ungarischer Hassredner wendet sich Judentum zu
Stolz kann Graumann wirklich sein, denn die jungen Menschen arbeiten konzentriert mit, setzen sich in Workshops mit Judenfeindlichkeit im Islam oder der Psychopathologie des Antisemitismus auseinander.
Immer wieder wird in den Vorträgen und Debatten die europäische Brille aufgesetzt, zeigt sich der Hass gegen Juden doch in so gut wie allen Ländern Europas – wenn auch auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Dies wird gleich bei der Eröffnung des Kongresses durch einen ganz besonderen Gast deutlich.
Der da erklärt, dass es in einer normalen Welt keinen Antisemitismus geben würde, hätte sich vor zwei Jahren wohl eher die Zunge abgebissen, als so etwas zu sagen: Csanád Szegedi war einer der führenden Köpfe der rechtsextremen ungarischen Jobbik-Partei – bis herauskam, dass er Jude ist – eine Tatsache, von der er selbst nichts wusste. Ausgerechnet der Mann, der zu den schlimmsten antisemitischen Hetzern Ungarns gehörte, besuchte daraufhin einen Rabbiner, fing an, Hebräisch zu lernen und sich mit dem Judentum zu beschäftigen. Er trat schließlich aus der Jobbik-Partei aus – vor der er nun eindrücklich warnt.
Doch Szegedi schlägt Skepsis entgegen – kein Wunder angesichts seiner früheren Hassreden. So erklärt eine Teilnehmerin, die selbst Ungarin ist: Menschen wie er seien der Grund dafür, dass sie in Deutschland lebt. Szegedis Ausführungen spalten das Publikum – hinterlassen aber einen nachhaltigen Eindruck bei den jungen Zuhörern, zu denen auch die 24-jährige Anna gehört:
"Ich denke, gerade so mit Ungarn sieht man, es gibt halt - nicht nur in Ungarn, sondern in ganz Europa - eine verstärkte Wahlbereitschaft für rechte Parteien. Und ich glaube, das ist wahrscheinlich ein Grund, weswegen man sich jetzt damit auseinandersetzen muss. Weil bei uns Gottseidank noch nicht so viele die NPD wählen, aber wenn man sieht, dass rechte Parteien drittstärkste Kraft in Frankreich, in Ungarn sind: Das finde ich erschreckend."
Zentrale Themen: Israelkritik und NPD-Verbot
Antisemitische Aufmärsche in Ungarn, judenfeindliche Demonstrationen in Frankreich, rassistische Proteste in Griechenland: Die europäische Dimension des Antisemitismus sorgt die Teilnehmer des Jugendkongresses. Ein Eindruck, den auch Mark Dainow, Jugenddezernent des Zentralrats teilt:
"Ich hatte jetzt bei verschiedenen Workshops teilgenommen und ich konnte das miterleben, wie nah dieses Thema den jungen Leuten gegangen war."
Mit Blick auf die Situation in Deutschland beschäftigen die jungen Juden zwei Themen besonders: der Antisemitismus, der sich unter dem Deckmantel der Israelkritik tarnt, und das NPD-Verbot. Vor allem der israelbezogene Antisemitismus ist ein Phänomen, mit dem viele Kongressteilnehmer bereits Erfahrungen machen mussten. Erfahrungen, die sie allerdings nicht resignieren lassen, wie der 22-jährige Arthur betont:
"Antisemitismus ist eine Erscheinung, die war, die ist und die wird sein. Und entweder wir befassen uns damit und wir setzen uns damit auseinander, um dagegen ankämpfen zu können oder wir lassen es sein. Aber wenn wir es sein lassen, dann können wir direkt alle nach Israel auswandern. Aber das ist nicht unser Ziel. Unser Ziel ist es, hier auch in Deutschland eine jüdische Gemeinschaft aufzubauen. Und man muss gegen diesen Antisemitismus kämpfen, um erstens die jüdische Gemeinschaft hier zu stärken und den Leuten diese Unwissenheit zu nehmen gegenüber dem jüdischen Volk, gegenüber unseren Traditionen, unserer Religion. Und das kann man nur machen, wenn man sich mit diesem Antisemitismus auseinandersetzt."
Diese Auseinandersetzung war beim diesjährigen Jugendkongress intensiv und – bei allen Schreckensmeldungen – auch ermutigend. Denn immer wieder wurde deutlich, dass die jungen Juden mehr als bereit sind, sich gegen Antisemitismus zu engagieren. So fiel denn auch das Fazit von Daniel Neumann, Geschäftsführer des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, als Appell aus
"Wir können den Antisemitismus als solchen nicht heilen. Was wir aber tun können: Wir können dafür sorgen mit einer sogenannten Impfkur, dass sich diese Krankheit nicht noch weiter ausbreitet. Dass nicht noch mehr Menschen anfällig werden für diese idiotischen Ideologien, für diese Vorurteile und für diesen Hass, der für uns auch zu einer existenziellen Frage werden könnte."
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