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Studio 9 | Beitrag vom 23.09.2015

Junge Unternehmerinnen in GriechenlandVon wegen verlorene Generation

Von Panajotis Gavrilis

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Arbeitslose warten auf die Auszahlung ihrer Arbeitslosenunterstützung in Athen. (picture alliance / dpa / Alkis Konstantinidis)
Arbeitslose warten auf die Auszahlung ihrer Arbeitslosenunterstützung in Athen. (picture alliance / dpa / Alkis Konstantinidis)

Die wirtschaftliche Lage in Griechenland ist katastrophal - gerade für junge Menschen. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb wagten zwei junge Athenerinnen den Sprung in die unternehmerische Selbstständigkeit.

Alkioni Matsourdeli knöpft die aus speziellem grauen Schaumstoff bestehende Handtasche auf. Als Träger dienen rot-schimmernde Autogurte, oder auch grüne oder schwarze - je nach Geschmack des Käufers. Sie präsentiert stolz ihre Tasche, die sie in wenigen Sekunden wieder zusammenknöpft.

"Eigentlich wollten wir ganz andere Sachen produzieren, komische Stoffe zusammennähen. Aber in Griechenland haben viele Unternehmen dicht gemacht, nur wenige sind übrig geblieben. Also haben wir uns entschieden, diese Taschen so zu machen: Ohne Näher. Das Problem hat uns also einen neuen Weg aufgezeigt."

Seit April schneidet und bastelt Alkioni gemeinsam mit ihrer Kollegin Danai handgefertigte und selbst designte Handtaschen unter dem Namen "Lommer". Je nach Größe, ob Einkaufstasche oder ein kleines Portemonnaie, brauchen sie gerade einmal 40 Minuten für eine Tasche. Seit ihrem Verkaufsbeginn im April haben sie schon über 200 Exemplare verkauft. Vor allem in andere Länder exportiert.

"Mit so einer großen Resonanz haben wir nicht gerechnet. Gerade im Ausland. Da hatten wir es uns schwieriger vorgestellt, Fuß zu fassen. Wir hatten gute Rückmeldung, in der ganzen Welt. Nordafrika läuft erstaunlicherweise verdammt gut ... Wir wissen nicht, warum."

Einige Taschen werden sogar aus Vietnam bestellt. Die 27-jährige studierte Produktdesignerin wirkt schüchtern, sichtlich angenehm überrascht von der hohen Nachfrage nach den Individualstücken "Made in Athens". Lachen und gute Laune, das ist sowieso die beste Voraussetzung für Kreativität, sagt ihre Kollegin und Freundin Danai.

"Wir lassen uns nicht unterkriegen"

"Wir feiern, spielen hier im Büro. Wir bekommen eine unheimliche Befriedigung durch unseren Job. Einzig in unserem Alltag müssen wir Einschnitte hinnehmen. Wir widmen uns nur dieser Arbeit, sind Kompromisse eingegangen, weil wir selbständig sein möchten und in unsere eigene Sache investieren wollten. Es hängt von deiner Psychologie ab, ob du dich runterziehen lässt. Und wir lassen uns nicht unterkriegen."

Eine Einschränkung ist für Danai, dass sie nach ihrem Produktdesignstudium in Mailand mit 29 Jahren nun wieder zuhause wohnt bei den Eltern. Noch viel zu unregelmäßig werden ihre Taschen gekauft, zu hoch das Risiko, die Miete für die eigene Wohnung nicht mehr zahlen zu können.

"Ich wohne zwar noch mit meinen Eltern zusammen. Aber hier nimmst du und gibst etwas zurück. Als ich mich entschlossen habe, in Griechenland zu bleiben, um das hier aufzubauen, wusste ich: Ich muss Zugeständnisse machen. Ich habe es akzeptiert und muss mir Zeit geben."

Das Büro der beiden Designerinnen liegt im dritten Stock des sanierten, kahlen Industriegebäudes von "Romantso". Im Erdgeschoss gibt es ein Café, die Wände sind verputzt, minimalistisch gehalten, die Musik kommt aus silbernen Retro-Boxen. In den 50-60er-Jahren wurde hier fleißig für das Lifestyle-Magazin "Romantso" geschrieben, die Ausgaben gedruckt. Vor drei Jahren Im Herzen der Krise gegründet, dient das Haus heute als privates Kulturzentrum und Co-Working Space für junge Kreative. Der erste "Brutkasten für Griechenlands Kreative" - so bezeichnet es Chrissa Vlachopoulou vom Romantso-Team:

"Die Studios sind unabhängig voneinander. Alle haben ihren eigenen Räume und ihre Privatsphäre. Gleichzeitig kann man beim Nachbar Erfahrungen und Wissen austauschen, zusammenarbeiten. Die Räume sind zurzeit alle belegt."

Im frisch sanierten fünfstöckigen Gebäude beziehen Grafikdesigner ihre Büros, kleine Kunstmagazine teilen sich Redaktionsräume, Fotografen nutzen die freie Fläche für Foto-Shootings. Mit Original roten Leuchtbuchstaben an der Hausfassade, liegt das "Romantso" direkt im Zentrum Athens am Omonia-Platz. Eine heruntergekommene Gegend, in den Seitenstraßen: Drogenabhängige, Prostituierte, auch viele Migranten leben hier. Chrissa will diese Menschen stärker mit einbinden.
Chrissa Vlachopoulou organisiert zum Beispiel ein Straßenfest in der Nachbarschaft, aufgrund der vielen indischen Restaurants in der Gegend soll auch ein Restaurantführer entstehen.

"Wir versuchen mit den Menschen zusammenzuleben, die schon hier leben. Wir glauben an eine milde Anpassung. Das Bild dieser Nachbarschaft wollen wir verbessern auf unterschiedliche Art und Weise."

Etwas Großes, das wollen auch die Handtaschen-Designerinnen Danai und Alkioni. Das Allerschönste in politisch turbulenten und wirtschaftlich unsicheren Zeiten ist es aber, wenn Alkioni in der Athener Metro nach ihrer eigenen, selbstgemachten Tasche mit Autogurt gefragt wird:

"Wo hast du diese Tasche her?", werde ich gefragt. Ich antworte: "Ich liebe dich, du hast meinen Tag gerettet, nimm meine Visitenkarte, du kriegst Rabatt, komm vorbei!"

 

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