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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.07.2016

Junge Muslime und die sexuelle SelbstbestimmungDer Jungfrauenwahn

Von Güner Balci

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Verschleierte Frauen während des Freitagsgebets (imago)
Selbst ein Blick kann bei Muslimen als unzüchtig gelten. (imago)

Strenge Moralvorschriften einerseits und der Wunsch nach einem freien Leben andererseits führen zum Konflikt: Vor allem der Wunsch nach sexueller Selbstbestimmung bedeutet für junge Muslime oft Kampf gegen tradierte Wertvorstellungen der Eltern.

Sex ist heute für viele Jugendliche in Deutschland selbstverständlich. Es gibt kaum ein Tabu, kaum eine sexuelle Vorliebe, die noch nicht öffentlich thematisiert wurde und Bettgeschichten gehören auf fast jeder Party zum Gespräch unter Jugendlichen, wie Modetrends und Karriereträume. Für viele dieser Mädchen und Jungen ist es heute selbstverständlich, sich übers Smartphone von einem Date zum anderen zu klicken, ob ernste Absicht oder Partner für eine Nacht, nichts ist unmöglich, alles darf, nichts muss - und wer zu lange Jungfrau bleibt, gerät schnell in den Verdacht verklemmt zu sein. Cool ist, wer Erfahrung hat. Doch jenseits von diesem manchmal auch grenzenlos anmutenden freizügigen Umgang mit Sexualität gibt es Jugendliche, die genau das Gegenteil leben und propagieren. 

Schülerin: "Also wir haben ja gesprochen, dass es zwischen Mann und Frau diese Gleichberechtigung geben sollte und dass es im Islam diese Gleichberechtigung gibt, aber eigentlich, wenn ich das so betrachte in meinem Leben, ist diese Gleichberechtigung gar nicht da. Wir können so oft von dieser Gleichberechtigung reden und sagen, wenn sie Geschlechtsverkehr vor der Ehe eingehen müssen sowohl Männer dafür bestraft werden, als auch Frauen. Es ist halt nicht vorhanden. Wenn zum Beispiel eine Frau Geschlechtsverkehr vor der Ehe eingeht, hat sie ihren Wert verloren. Sie kann noch so schön und gut sein. Und ist nicht mehr das Mädchen was sie war."

Hier an einem Gymnasium in Berlin Mitte bezeichnet sich der Großteil der Schüler als muslimisch. Jungen und Mädchen mit und ohne Kopftuch sitzen hier oft zusammen im Aufenthaltsraum, man lacht und isst zusammen, lernt und debattiert, die Stimmung ist freundlich, fast familiär - eigentlich ein ganz gewöhnlicher Schulalltag für die Abiturienten.

Mohamed: "Jungfräulichkeit ist auch ein Zeichen der Reinheit. Vor der Ehe sollte man keinen Geschlechtsverkehr haben, darf man auch nicht, was auch im Koran stark ausgedrückt wird und fest verankert ist, dass Unzucht begehen halt nicht rein ist."

Jungfräulichkeit als Zeichen von Reinheit. Bei fast allen Schülern hier trifft das auf Zustimmung. Wer sich in der Gemeinschaft bewähren will, stellt diese Regel nicht in Frage, wer es dennoch tut, muss mit Widerstand rechnen.

Mohamed: "In unserer Gesellschaft gibt es ja auch üble Nachrede und dies kann halt auch dazu führen, dass Menschen ihren Ruf dadurch verschlechtern. Und sich auch bei Gott nicht beliebt machen, weil Gott dadurch zornig wird. Er wird zornig dadurch, dass Menschen sich nicht an seine Gebote halten. Dass sie trotzdem Unzucht begehen und dementsprechend sind sie halt vor der Ehe nicht rein."

Deshalb müssen sich sowohl Jungen als auch Mädchen an gewisse Spielregeln halten, die einem erst auf dem zweiten Blick klar werden. Zwar dürfen die Schüler zusammen in einem Raum sein und auch miteinander reden, doch alle achten darauf, dass beim Umgang von Mädchen und Jungen ganz klare Grenzen eingehalten werden.

Kein direkter Blickkontakt 

Mohamed: "Auch mit den Blicken ist es so, ein Zeichen sag ich mal, dass man nicht Mädchen direkt anschauen darf. Ganz normal, dass man auf der Straße irgendwelche Mädchen sieht, aber man sollte denen nicht hinterher schauen, man sollte auch als Junge, sag ich jetzt mal, seine Blicke senken. Weil das halt auch dazu führen kann, dass Jungen und Mädchen erregt werden können und zu anderen Sachen verleitet werden können."

Wisal: "Wir sind in der Schule im Abi-Raum, wir haben zwei Pausen am Schultag und sitzen hier alle miteinander Jungs und Mädchen zusammen und 90 Prozent in diesem Raum haben den muslimischen Glauben, aber wir haben jetzt nicht die Absicht zu sagen."

Jeder Kontakt zwischen den Geschlechtern kann so zum Problem werden, ein vermeintlich falscher Blick, eine vermeintlich falsche Geste und man gerät schnell in den Verdacht sich unzüchtig zu verhalten.

Wisal: "Oh, der sieht aber gut aus, oder so oder wir gucken mit einem anderen Blick. Und ich finde, es hat was mit einer gewissen Absicht zu tun, wie schaut man die Person an. Möchtest Du dich mit der Person unterhalten, wie heute der Tag war oder hast Du etwas anderes vor."

Dabei ist es nicht nur die Gefahr der üblen Nachrede der anderen, die den Jugendlichen Sorge bereitet,  sondern vor allem auch die Vorstellung eines strafenden Gottes, die ihnen Angst machen kann. Ein Islamverständnis, das von vielen Gemeinden in Deutschland getragen wird. Denn auch wenn der Jungfrauen-Kult aus vorislamischer Zeit stammt, so finden sich doch klare Bezüge zum Islam. Er gibt Regeln vor, die den Alltag vieler Muslime, auch in Deutschland stark prägen. 

"Die Jungfräulichkeit hat drei Vorzüge."

Heißt es im Buch der Ehe von Al Ghazali, einem Islamgelehrten der um das Jahr 1100 lebte.

"Erstens, dass die Frau den Mann lieb gewinnt, mit ihm vertraut wird und so die ersten Eindrücke von dem, was Liebe heißt, empfängt …"

"Die Natur fühlt sich eben am wohlsten bei dem, woran sie von Anfang an gewöhnt ist. Umgekehrt kann es leicht vorkommen, dass einer Frau, die schon mehrere Männer kennen gelernt und verschiedene Verhältnisse erprobt hat, irgendeine Eigenschaft missfällt, die nicht mit dem, was sie gewohnt ist, übereinstimmt, so dass sie gegen den Gatten eine Abneigung fasst."

Al Ghazali ist ein bis heute wichtiger Moraltheologe. Er stellte direkte Bezüge zwischen den Geboten des Islam und  der Jungfräulichkeit her.

"Zweitens wird dieser Umstand der Frau in höherem Maße die Liebe des Mannes sichern, denn die Natur hat einen gewissen Widerwillen gegen eine solche, die schon ein anderer berührt hat."

Jungfräulichkeit als höchstes Gut

Im Buch der Ehe finden sich alle Regeln, die Koran und Hadithen zum Umgang der Geschlechter vorgeben, zusammengefasst wieder:

"Drittens wird eine Frau nur nach dem ersten Mann seufzen und die erste Liebe ist zumeist auch die dauernste."

Jungfräulichkeit als Garant für eine glückliche Beziehung. Eine erfahrene Frau kann vergleichen und wählerisch werden, ein Umstand, der den Mann in Bedrängnis bringen könnte. Unberührtheit als absolutes Ideal.

Wisal: "Ich finde diese Jungfräulichkeit bei Männern und bei Frauen gehört auch zum Selbstgefühl. Wieso sollte ich zum Beispiel davor meine Jungfräulichkeit verlieren mit irgendeinem, wo ich weiß, ich habe mit ihm keine Zukunft, wieso sollte ich den besonderen Wert an ihn abgeben. Man fühlt sich dann einfach so wertlos. Einen Menschen, den ich nie wieder in meinem Leben sehe. Und genau dieses Besondere, was der Islam will, diese Reinheit sollte man solange bewahren, bis man jemanden kennen lernt, wo das Herz sagt: Dieser  Mann ist der Mann fürs Leben. Das ist doch das Schöne, wenn für diese Person deine Reinheit sozusagen behältst und davor es einfach so wertlos abzugeben es ist einfach, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, es ist einfach wertlos und naja wertlos."

Jungfräulichkeit als höchstes Gut eines Mädchen. Enthaltsamkeit bis zur Ehe als oberstes Gebot für muslimische Mädchen und Jungen. Woher kommt diese Sexualmoral und gelten diese Regeln, wie von einigen Islamvertretern oft behauptet wird, für beide Geschlechter tatsächlich gleichermaßen? Der Islamwissenschaftler und Journalist Ammar Abderahmaneist sich sicher: Bereits in frühester Kindheit wird den Kindern eine Geschlechterapartheid antrainiert.

Ammar Abderrahmane: "Also die meisten, die ich kenne und wie ich das auch miterlebt habe innerhalb von vielen Familien, es wird zunächst einmal kulturell begründet und nicht religiös. Es fängt so an bei den Kindern, dass die kleinen Mädchen nicht nackt zu Hause laufen dürfen, während die Jungs das machen dürfen. Man zeigt gerne die Intimbereiche des Jungen und nicht des Mädchens. Man will zeigen, dass wir einen Jungen haben, das ist ein Mann und der Mann in orientalischen Gesellschaften hat viel Macht und bedeutet der Staat, bedeutet, die Kontrolle, und bedeutet die Zukunft."

Zelebrierte Männlichkeit ab Geburt. Durch diesen ungleichen Umgang mit Jungen und Mädchen in frühester Kindheit werden den Kindern Rollenmuster antrainiert, die sich schnell verfestigen und unmissverständlich klar machen, wo ihr Platz in der Gesellschaft ist.

Ammar Abderrahmane: "Deswegen sind viele Leute froh, dass sie einen Jungen zu Hause haben und deswegen zeigen sie das gern. Und natürlich, die Kinder merken das auch. Sie sehen, ich darf als Junge nackt laufen, aber meine Schwester darf das nicht, und die Schwester weiß auch, dass es einen Unterschied gibt. Und es wird seit dem Anfang auf die Intimbereiche fokussiert. Und natürlich lernt der Bruder mit der Zeit auch, dass er als Pflicht hat, die Intimbereiche seiner Schwester zu kontrollieren, weil es ihm auch garantiert, dass er als Mann existiert. Und das ist eigentlich ein Machtspiel, das ist ein symbolisches Kapital."

Die Macht über den Körper der Frauen

Die Macht über den Körper der Frau als Kapital der Männer, doch für die Kontrolle über Schwestern und Töchter seien Väter und Brüder nicht allein verantwortlich, fast immer könnten sie dabei auf die Mithilfe weiblicher Familienangehöriger zählen, so Abderrahmane.

Ammar Abderrahmane: "Eigentlich sind es die Mütter und Großmütter, die diese Kontrolle übernehmen, die eine Komplize machen. Erstens weil sie zeigen wollen, weil wir das nicht anders gekannt haben. Dann erlauben wir auch unseren Mädchen nicht einen anderen Weg zu gehen. Und das sind die, die immer prüfen und manchmal es wird tatsächlich geprüft, ob sie immer noch Jungfrau sind."

Wenn die Ehre einer ganzen Sippe von einem Stückchen Haut abhängt, dann ist der Verlust dieses Häutchens oft für viele Betroffene ein großes Problem.

Eine regelrechte Industrie, zur Wiederherstellung der Jungfräulichkeit hat sich etabliert. Übers Internet können künstliche Hymen bestellt werden und auch Schönheitschirurgen haben hierzulande daraus ein lukratives Geschäft gemacht. Nicht jede hat das Geld für so eine kostspielige OP, die schon mal mehrere tausend Euro kosten kann. Das Familienzentrum Balance in Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Frauen in Not kostengünstig zu helfen. Die Ärztin Christiane Tennhardt.

Christiane Tennhardt: "Wir haben uns darauf geeinigt eine Technik anzuwenden, die für die Frauen recht ungefährlich ist, wo wir mit wenig Blutungen, wenig Infektionen und 'nem Ergebnis auffahren können, was die Frauen wollen, sie wollen ja meistens eine Blutung beim nächsten ersten Geschlechtsverkehr.
Stellen sie sich vor, das hier ist ein Saum, so ein kleiner Berg und den ritzen wir praktisch hier oben an, so dass der sich aufspaltet. Und dann vernähen wir die hintere Seite miteinander und die vordere und dann ist praktisch nur noch hier oben ein kleine Öffnung und das ist auch ganz wichtig, dass die Frauen das verstehen, ein Jungfernhäutchen ist nie zu, weil viele Frauen kommen zu uns und haben die Vorstellung, das Jungfernhäutchen ist wie ein Joghurtdeckel, der dann vom Penis durchstoßen wird und dann geöffnet ist."

Ein medizinisch völlig unnötiger Eingriff, der trotzdem Menschenleben retten kann. Eine Frau, die ihre Familie nicht enttäuschen will, oder sogar mit schlimmeren Konsequenzen rechnen muss, behält ihre sexuellen Erfahrungen für sich und spielt einfach die Jungfrau.

Die Mehrheit der Muslime, so der gebürtige Marokkaner und Islamwissenschaftler Ammar Abderahmahne, lebten so ein Doppelleben. Sie wollen den Vorstellungen der Gemeinschaft gerecht werden und gleichzeitig nicht auf Individuelle Freiheit, Sexualität, verzichten. Ein ständiger Konflikt, der nicht ohne Folgen bleibt.

Ammar Abderrahmane: "Die meisten Männer haben sexuelle Erfahrungen vor der Ehe und die Mädchen auch. Aber das kriegen die Älteren nicht mit und das ist die Gefahr, sprich sie geht mit jemandem zusammen und es sollte als geheim bleiben, und das ist die Gefahr … dass man eine Doppelmoral hat. Ich gebe eine Version für meine Eltern und für die Gemeinde. Die Jungfräulichkeit ist für Euch da garantiert, aber ich hab eigentlich mein eigenes Leben … und die Gefahr ist, wenn sie heiratet, weil wenn sie merkt, dass das nicht gut läuft mit dem zukünftigen Mann, und das es vielleicht mit dem Liebhaber oder mit dem Freund besser war, dann wird sie anfangen zu leiden und auch viele Störungen zu haben."

Mit diesen Störungen befasst sich seit Jahrzehnten der in Berlin ansässige Sexualtherapeut Halis Cicek. Er ist einer der wenigen Therapeuten in Deutschland, der seine Patienten in türkischer Sprache behandelt. 

Halis Cicek: "Ich war damals in Westdeutschland, habe in Heidelberg/ Mannheim studiert und habe damals eine Untersuchung bei meinen Landsleuten durchgeführt für die WHO. Es ging um die Gesundheit von türkischstämmigen Gastarbeitern. Bei dieser Untersuchung habe ich festgestellt, dass das Sexualleben für viele sehr wichtig war und dass es aber gleichzeitig ein großes Tabu war. Es gab keine Therapeuten. Die Ärzte waren bei dem Thema meist noch beschämter als die Patienten. Da dachte ich mir, das ist interessant, warum gibt es da keine Therapiemöglichkeiten. Sex ist in der türkischen Community ein sehr großes Thema und es ist auch ein natürliches Bedürfnis, das so sehr verdrängt und unterdrückt wird, dass daraus sogar ernsthafte Krankheiten entstehen können. Typisch sind Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, überhaupt Schmerzen in verschiedenen Körperregionen, Magenbeschwerden, also dieses nicht zur Ruhe kommen können, keine normale Sexualität ausleben können, spielt dabei eine große Rolle."

Auch Cicek sieht einen Zusammenhang zwischen religiöser Tradition und verklemmter Sexualmoral. Je konservativer, religiöser die Familie, sagt er, desto größer sei der seelische Konflikt der Menschen, die ihre Sexualität heimlich leben. 

Halis Cicek: "Sexualität ist verboten, so schreibt es unsere Religion vor, sagen dann die Frauen mit Kopftuch, die zu mir kommen. Aber diese Menschen leben dann trotzdem all das heimlich aus. Viele betreiben dann Analverkehr, es gibt sehr viele, die das machen. Wenn die Jungfräulichkeit so wichtig ist, dann lebt man eben so den Treib aus. Glauben sie, dass all die Frauen, die ein Kopftuch tragen nur zu Hause hocken, die haben auch Liebschaften, sie haben auch Gefühle, die leben sie dann anders aus."

Geplagt von Gewissensbissen

Besonders die Frauen aus konservativen Familien zeigten sich in der Therapie bei Halis Cicek ungewohnt offen. Viele seiner Patientinnen tragen Kopftuch, alle sind geplagt von Gewissensbissen und sind dankbar, einen Therapeuten gefunden zu haben, der ihren kulturellen Hintergrund aus eigener Erfahrung kennt und ihre Not so besser versteht. 

Halis Cicek: "Ich habe zum Beispiel eine Patientin, sie trägt Kopftuch und trifft sich mit ihrem Freund im Hotel, dann haben sie Sex und die Patientin kommt danach und fragt mich, ich weiß, es ist eine Sünde Herr Doktor, aber meinen Sie, ich könnte auch mal ein Glas Wein trinken, wenn ich mich mit meinem Freund treffe, was meinen sie? Oder eine Patientin, auch eine Kopftuch-Trägerin, die geht regelmäßig in die Türkei, sagt, sie ginge zu ihrer Oma und trifft sich dann mit einem Liebhaber im Hotel. Sie ist verheiratet und fragt mich, ob sie mit ihrem Liebhaber auch eine Imam Ehe schließen sollte, damit der Sex keine Sünde mehr sei. Ich hab dann gesagt, sie sind doch schon verheiratet, glauben Sie wirklich eine weitere religiöse Eheschließung ist notwendig?"

Doch es sind nicht nur die Frauen, denen die rigide Sexualmoral Probleme bereitet. Auch die Männer leiden häufig unter den Geboten und Verboten. Sie stehen ständig unter dem Druck, ihre Männlichkeit zu beweisen.

Die Angst der Männer vor dem Versagen 

Halis Cicek: "Die Männer kommen meistens mit Erektionsstörungen, dieser Druck in der ersten Nacht erfolgreich sein zu müssen, während Leute vor der Schlafzimmertür warten, ob das jungfräuliche Haut auf dem Bettlaken ist. Da versagen die meisten Männer unter diesem Druck. Dann merken Sie, dass es ein dauerhaftes Problem wird und bekommen zunehmend Komplexe, gehen zu Ärzten und Imamen und wenn sie Glück haben, landen sie bei mir und wir fangen langsam an, die Probleme zu benennen, wie Erektionsprobleme, vorzeitiger Orgasmus oder eben das große Tabu, dass Männer nicht können. Wir sprechen über Ängste auch die Angst zu Versagen."

Heute, so Cicek seien es vor allem die Frauen, die große Fortschritte machten. Sie seien es, die gegen die traditionellen Rollenmuster aufbegehrten. Doch dieses neue Selbstbewusstsein bereite den Männern auch Angst, weiß er zu berichten.

Halis Cicek: "In den letzten Jahren sind die Frauen langsam aufgewacht, das ist wie eine Revolution, wenn Frauen heute sagen, was sie wollen, wenn sie in der Ehe zum Beispiel unglücklich sind, sich trennen wollen. Die Männer reagieren dann oft aggressiv, wollen ihre Macht nicht verlieren, manch einer tötet seine Frau dafür sogar. Die Männer haben Angst vor selbstbewussten Frauen, die Waffe der Frauen ist stark, wenn sie eine selbstbewusste Sexualität fordern. Die Männer bekommen dann schnell Komplexe, dabei sollten Männer endlich erkennen, dass eine erfahrene Frau ihnen in jeder Hinsicht Vorteile bringt. Wenn ein Mann selbstbewusst ist, dann ist er sogar stolz auf eine erfahrene Frau."

Aber selbst Frauen, die sich dem Jungfräulichkeits-Diktat beugen und auf vorehelichen Sex verzichten, kämen in Konflikte, weiß Meryam Schouler-Ocak zu berichten. Sie ist leitende Oberärztin an der psychiatrischen  Universitätsklinik der Charité in Berlin.

Meryam Schouler-Ocak: "Es gibt auch Frauen, die später natürlich verheiratet sind. Sie sind unglücklich in ihren Beziehungen, die eben aus Liebesheirat aber auch arrangierte Heirat, sogar auch Zwangsehen, sehr unglücklich sind und sagen, verdammt nochmal, warum habe ich das zugelassen, warum habe ich meine Sexualität nicht gelebt. Weil inzwischen bei denen auch ein Wertewandel stattgefunden hat und sie sagen, Ehre hin, Ehre her, das Leben ist sowieso so begrenzt, das fließt an einem quasi vorbei und man hat im Prinzip es nicht mal erlebt."

Wer nichts verpassen will, lebt seine Sexualität heimlich aus, doch was so einfach klingt, kann bei den Betroffenen, besonders bei Frauen, schwere Gewissenskonflikte auslösen, so Dr. Schouler Ocak:  

"Das bedeutet ja, dass es mir damit zum einen nicht gut geht, weil ich mache etwas, was nicht erlaubt ist, also Grenzen überschreitet, Sitten bricht, Moralvorstellung vielleicht auch bricht, und zugleich ich mich vielleicht sogar, ich will nicht sagen strafbar mache, aber mich schuldig mache, mich schuldhaft benommen habe, mich auch unrein fühle."

Flucht in ein Doppeleben 

Und damit nicht genug, denn wer mit seinem Doppeleben auffliegt, hat nicht nur mit dem eigenen schlechten Gewissen zu kämpfen. Die Konsequenzen dieses vermeintlichen Fehlverhaltens können ganz unterschiedlich aussehen.

Meryam Schouler-Ocak: "Und wenn ich mich daneben benehme, dann kann das Konsequenzen für mich haben. Ich kann ausgeschlossen werden, ich kann dafür bestraft werden, ich kann innerhalb meiner Familie auch dafür bestraft werden oder auch ausgeschlossen werden, ich kann mich aber sich selber dafür bestrafen."

Sich selbst bestrafen für den vermeintlichen Fehler seine Sexualität vor der Ehe gelebt zu haben. Beides, sowohl die heimlich gelebte Sexualität als auch das nicht gelebte Leben können bei den Frauen zu schweren psychischen Krisen führen, manchmal bis hin zum Suizid. Besonders betroffen, junge Musliminnen, wie eine Studie herausfand. 

Meryam Schouler-Ocak: "Zu den Beweggründen jüngerer Frauen gibt es eine Untersuchung von Kollegen aus Bielefeld, die das zufällig entdeckt haben und zwar haben die die Todesursachen-Statistik in Deutschland sich angeguckt  und haben zufällig festgestellt, dass junge türkischstämmige Mädchen sich doppelt so häufig suizidieren wie gleichaltrige einheimische, und das konnte man sich nicht erklären und wir haben bei diesem Suizid Präventionsprojekt qualitative Untersuchungen gemacht, weil wir wissen wollten, was sind denn die Beweggründe, warum machen das junge türkischstämmige Frauen oder Mädchen, warum suizidieren sie sich."

Befragt wurden jene jungen Frauen, deren Selbsttötungsversuch nicht gelang, und solche, die von einem Suizid abgehalten werden konnten. Auch wenn die sozialen Hintergründe ganz unterschiedlich waren, so hatten doch alle Befragten eines gemeinsam, sie alle nannten einen ausschlaggebenden Grund für ihre Selbstmordabsichten.

Meryam Schouler-Ocak: "Und wir haben erfahren, dass man nichts darf, so wie die Freundin, also die Peergroup, man darf manchmal nicht rausgehen, man darf sich nicht schminken, oder Frau darf nicht den Beruf erlernen, den man möchte, muss jungfräulich in die Ehe gehen, darf keinen Freund haben, darf nicht in die Disco gehen, fühlt sich wie die Marionette der Familie. Also man muss als Tochter alles machen und hat gar keine Möglichkeiten überhaupt, dass was man sich vorstellt zu leben. Und Verheiratung, ob das jetzt ne arrangierte Ehe ist oder ob das ne Zwangsverheiratung ist, und natürlich in dem Kontext jungfräulich in die ehe gehen müssen."

Der Zwang zur Jungfräulichkeit ist die Grundlage für viele Verbote, die den Alltag der Frauen betreffen. Die Unmöglichkeit individuelle Freiheit und familiäre Traditionen friedlich miteinander zu vereinen treibt besonders junge Mädchen in große Nöte. Da die Studie lediglich eine Qualitative war, gibt es bis heute kaum Zahlen, die sich mit der Dimension des Problems auseinandersetzen, bedauert Meryam Schouler-Ocak. Denn eins steht fest: Betroffenen sind viele und es werden mehr. Die neu angekommenen Flüchtlinge aus den arabischen Ländern haben, so die Psychiaterin, dieselben Probleme im Gepäck.

Meryam Schouler-Ocak: "Ich denke, dass wir vielleicht auch kurz auf die jungen Männer eingehen sollten, weil, das sind ja junge Männer, die es nicht gewohnt sind, dass man ganz viel Haut von Frauen sieht, auch noch blonde Frauen, blauäugige Frauen, also Frauen, die auch ein Ideal quasi in ihren Herkunftsregionen, in ihren Vorstellungen an Schönheit, ein Objekt der Begierde sind. Und plötzlich sind so viele hier und plötzlich weiß man gar nicht, wo die Grenzen sind."

Eine restriktive Sexualität trifft auf eine freie Gesellschaft, auf Frauen, die ihre Sexualität selbstbestimmt leben - kann das auf Dauer gutgehen?

Meryam Schouler-Ocak: "Dass da die Grenzen des Erlaubten, der Normalität in diesen Kontexten aufeinanderprallen, das ist eine riesen Herausforderung in der Zukunft, das könnte schon Konflikte geben in Bezug zum Beispiel auch, dass diese jungen Männer ganz andere Ehrvorstellungen haben, ganz andere, ja Vorstellungen der Sexualität haben. Und ganz andere Verhaltensweisen, Frauen ihnen gegenüber ja auch im Kopf haben. Und wenn man dann was anderes kriegt, nicht einmal, sondern mehrmals, dann ändert man möglicherweise auch sein Sexualverhalten im negativen Sinne, für die Frauen hier."

Tabuthema Sexualität

Ammar Abderahmane will, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Deshalb hält er es für notwendig, dass auch religiöse Oberhäupter sich der Sache annehmen. Er wünscht sich von islamischen Gelehrten, die für viele Muslime in Deutschland Vorbilder sind, mehr Bereitschaft zum Umdenken. Denn was er bisher in deutschen Moscheen dazu gehört hat, mache ihm wenig Hoffnung.

Ammar Abderrahmane: "Die Rolle der Gelehrten und auch der Imame ist es, dass das Thema kein Tabu wird, zum Beispiel über Sexualität wird in den Moscheen gesprochen, aber mit Männern untereinander oder Frauen untereinander, und das Thema eigentlich betrifft beide Seiten. Dass es kein Tabu mehr wird, und dass die Gelehrten, auch die älteren sagen, ihr müsst auch zu Hause darüber reden, und dass ihr keine Trennung nach … oder dass die Sexualität kein Kriterium sein wird, jemand zu diskriminieren oder also die Kinder also voneinander zu trennen."

Ammar Abderrahmane will seinen Kindern ein anderes Leben ermöglichen, er möchte nicht, dass die Zwänge einer muslimischen Nachbarschaft das Leben seiner Tochter und seines Sohnes derart beeinflussen. Sie sollen freie Menschen werden, sagt er, etwas, das für ihn nicht im Widerspruch  mit seiner Religion steht, denn Islam bedeutet für den praktizierenden Moslem auch, sich in seinem Glauben den Gegebenheiten der Zeit anzupassen. Doch bis dieses Islam-Verständnis auch in konservativen Milieus eine Existenzberechtigung hat, versucht auch er den Kontakt zu Menschen aus seinem Herkunftsland  klein zu halten.

Ammar Abderrahmane: "Und auch um unabhängig zu sein, lohnt es sich nicht da zu wohnen, wo die meisten Landsleute sind. Weil das führt nämlich dazu, dass man unter sozialer Kontrolle lebt, und manchmal die Mehrheit kann einen Druck auf die Person machen, und manche können das verkraften aber manche nicht. Das war eine sehr bewusste Entscheidung seitdem ich nach Deutschland gekommen bin, sodass ich auch zu einer Stadt gegangen bin, wo es weniger Araber gibt. Und danach will ich was ganz neues lernen, ich bin gerne mit anderen Kulturen, mit Russen, mit Türken, da kann ich von ihnen mehr lernen aber wenn ich nur mit Marokkanern bin, dann wir wiederholen, was in der Heimat existiert."

Wer sich also nicht muslimischen Keuschheitsgeboten unterordnen und sein Leben nach einem strengen Jungfräulichkeitsgebot ausrichten will, dem bleibt also oft keine andere Wahl, als sein Milieu zu verlassen, um sich der sozialen Kontrolle zu entziehen.

Ammar Abderrahmane: "Wenn Du einen Schritt in Deinem Leben gehen willst, es ist auch von dem Ort, wo du lebst abhängig. Und wenn ich in meinem Dorf geblieben wäre in Marokko, dann vielleicht wäre sehr, sehr schwierig diesen Schritt zu gehen, dann wirst Du leiden und im Dorf ist ein Fakt, dass die Männer die Macht haben. Aber wenn ich in Deutschland bin, wo das andres ist, dann ist es eine Pflicht sogar, das nicht zu tun, was im Dorf gemacht wird, weil wir nicht im Dorf hier sind, damit das Dorf nicht weiter hier gepflegt wird."

Auch wenn das Jungfräulichkeitsgebot bei vielen muslimischen Mädchen mittlerweile zum Selbstverständnis gehört, werden die Traditionen aus dem Dorf der Vorfahren und damit auch das kollektive Bewusstsein immer mehr in Frage gestellt. Auch die Jugendlichen vom Gymnasium in Berlin Mitte wünschen sich trotz aller Regeln und Gebote mehr Selbstbestimmung Und es sind vor allem Mädchen, die das auch immer lauter fordern.

Schülerin: "Es geht darum, dass ich ein Individuum bin, dass ich selber entscheiden kann, was ich tue, was ich für richtig halte, was ich für falsch halte und da kann es mir herzlichst egal sein, was andere Leute von mir denken. Und ich glaube, man muss ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass man nicht sozusagen ein eingeengter Teil einer Community ist, sondern ein freier Teil, der die Gesellschaft mitgestalten kann. Und ich glaube, das Problem ist auch immer in diesen eher patriarchalen Familienbildern, dass die Kinder immer nur Teil einer Gemeinschaft sind und gar nicht richtig frei sein können."

Die Autorin Güner Balci (Torben Waleczek / Deutschlandradio)Die Autorin Güner Balci (Torben Waleczek / Deutschlandradio)

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