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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 04.06.2021

Junge Juden und Muslime"Wir brauchen Vertrauen zueinander"

Sapir von Abel im Gespräch mit Gerald Beyrodt

Zwei junge Muslima mit Kopftuch unterhalten sich auf einer Bank sitzend mit einem jungen jüdischen Mann mit Kippa.  (picture alliance / dpa / Monika Skolimowska)
Zwei junge Muslima mit Kopftuch und ein junger jüdischer Mann mit Kippa unterhalten sich.  (picture alliance / dpa / Monika Skolimowska)

Das Verhältnis von Muslimen und Juden in Deutschland ist oft vom Nahostkonflikt getrübt. Dass dennoch Freundschaft und Nähe möglich ist, zeigt die junge Lehrerin Sapir von Abel.

Gerald Beyrodt: Sprechchöre haben vor Synagogen antisemitische Parolen skandiert. Fahnen mit Davidstern sind in Flammen aufgegangen. Dann gab es Demonstrationen gegen Antisemitismus. All das ist kaum drei Wochen her.

Wenn in Israel und Gaza der Konflikt aufflammt, leben jüdische Gemeinden in Deutschland in Angst. Aber es gibt ein Gespräch zwischen Juden und Muslimen, Jüdinnen und Musliminnen, das funktioniert, besonders unter den Jüngeren. Sapir von Abel ist jüdisch, eine junge Lehrerin, lebt in München, hat einen muslimisch-jüdischen Freundeskreis. Was interessiert Sie an Musliminnen und Muslimen?

Hier geht es zur Denkfabrik 2021. Auf der Suche nach dem

Sapir von Abel: Als religiöse Minderheit in Deutschland empfinde ich eine natürliche Nähe zu Muslimen und Musliminnen. Denn beide Gruppen haben ständig damit zu tun, sich innerhalb der christlichen Mehrheitsgesellschaft zu positionieren. Da habe ich schon viele Parallelen mit meinen muslimischen Freund*innen gefunden.

Beyrodt: Welche?

von Abel: Die Feiertage, die wir als wichtig empfinden und ganz selbstverständlich feiern, sind für eine große Mehrheit der Gesellschaft nicht selbstverständlich.

Beyrodt: Jüdinnen und Musliminnen, Juden und Muslime müssen Urlaub nehmen, um ihre Feiertage zu begehen. Man hat nicht einfach frei wie bei gesetzlichen Feiertagen.

Wohngemeinschaft mit einer Muslima

von Abel: Man muss sich darum kümmern, muss mit dem Arbeitgeber sprechen: "An diesem Tag möchte ich gerne frei haben, denn da ist ein Feiertag." Der Umstand, dass jemand kein Schweinefleisch isst, ist in Deutschland nicht selbstverständlich. Schweinefleisch gehört zu vielen deutschen traditionellen Gerichten dazu. Wenn man von vornherein "Für mich bitte nicht" sagt, kann das zu Verwunderung führen.

Beyrodt: Sie haben viele muslimische Freundinnen und Freunde. Was lernen Sie von denen?

von Abel: Eine gute Freundin von mir wohnt mit mir zusammen, und sie ist Muslima. Sie hat jetzt auch im Ramadan gefastet. Da ist es total schön zu sagen: "Wir essen zusammen." Wir nehmen aufeinander Rücksicht und essen zu dem Zeitpunkt, wo sie Fastenbrechen kann. Das ist ganz wertvoll.

Zugang über biblische Geschichten

Beyrodt: Sie haben auch Islamwissenschaften studiert. Was interessiert Sie am Islam als Religion?

von Abel: Ich bin zu den religionsspezifischen Inhalten vor allem über die Geschichten der Bibel gekommen. Das sind Geschichten, die wir alle kennen: die Schöpfungsgeschichte, Adam und Eva oder Abraham, Jizchak, Ischmael. Ich finde es immer wieder spannend zu schauen: Was haben wir und was hat der Islam an Werten und Normen daraus gezogen? Wo geht es vielleicht auseinander? Und warum geht es auseinander?

Beyrodt: Wie haben Sie die Zeit im jüdisch-muslimischen Freundeskreis erlebt, als von Gaza nach Israel Raketen flogen und umgekehrt Bomben von Israel nach Gaza geflogen wurden?

von Abel: Die ersten Personen, die sich bei mir gemeldet haben und mich gefragt haben "Wie geht es Dir?", waren meine muslimischen Freunde. Das hat mich sehr berührt. Ich finde es ungemein schwierig, dass der Konflikt das Leben hier immer wieder komplett einnimmt. Wir Jüdinnen und Juden sind sehr betroffen davon. Synagogen sind nicht mehr sicher. Das belastet sehr.

Gemeinsam ratlos

Beyrodt: Sie haben im Vorgespräch erzählt, Sie waren gemeinsam mit einer muslimischen Freundin ratlos. Worüber?

von Abel: Darüber, dass die Seiten oft sehr verhärtet sind. Es gibt oft keine Möglichkeit, Empathie zu zeigen, weder für die eine noch für die andere Seite. Deswegen ist es für mich ganz wichtig, einen differenzierten Blick zu haben und mir klarzumachen: Auch in Israel sind Juden und Muslim*innen auf die Straße gegangen und haben gemeinsam protestiert.

Sie sind dafür eingestanden, dass sie sich nicht gegeneinander ausspielen lassen wollen. Ähnlich muss es auch hier funktionieren. Wir haben keinen Einfluss auf die Lage in Israel und Palästina. Aber wir haben sehr wohl einen Einfluss darauf, wie es uns hier in der Zivilgesellschaft geht und wie wir miteinander umgehen.

Beyrodt: Wenn Sie sich mit Musliminnen und Muslimen unterhalten, wird das sicher sehr kontrovers sein. Gibt es auch Dinge, über die man sich einig ist?

von Abel: Ich stelle das Existenzrecht Israels nicht in Frage. Wenn mein Gegenüber das tut, dann ist das für mich keine gemeinsame Gesprächsgrundlage.

Beyrodt: Wies schwer ist es, sich gegenseitig unangenehme Dinge zu sagen?

von Abel: Wir brauchen Vertrauen zueinander. Davon bin ich überzeugt. Wenn man dieses Vertrauen hat und miteinander ehrlich umgeht, dann kann man sich auch schwierige Dinge sagen, ohne dass der Raum explodiert und dass man mit rauchenden Köpfen rausgeht.

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