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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 01.07.2011

Junge Israelis verlieben sich in Berlin

Zahl der Touristen und Einwanderer steigt

Von Jens Rosbach

Immer mehr Israelis kommen nach Berlin. Hier die Initiative "I like Israel" auf dem Potsdamer Platz. (AP)
Immer mehr Israelis kommen nach Berlin. Hier die Initiative "I like Israel" auf dem Potsdamer Platz. (AP)

Für Israelis war Deutschland lange das Land der Täter - jahrzehntelang lehnten Holocaust-Überlebende Besuche ab. Das ändert sich 60 Jahre nach der Gründung Israels: Viele Enkel von NS-Verfolgten kommen vor allem gerne nach Berlin.

Shay Bar Or: "Ich habe mich also mit der Stadt Berlin total verliebt. Die Stadt ist sehr charmant und die Atmosphäre ist besonders. Das Nachtleben, dass die Berliner Spaß haben können und wissen auch, wie man Spaß macht. Vor allem die Kunst. Ich finde diese Stadt auch sehr aufregend für Künstler. Ich bin einfach verliebt, ja."

Eine Einzimmer-Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg. Ein rotes Sofa, ein schlichtes Futonbett, eine Wasserpfeife und am Fenster Blumentöpfe mit Kräutern: Rosmarin, Basilikum und Minze. An einem blauen Holztisch spielt ein Student auf einem Laptop israelische Musik ab. Er heißt Shay Bar Or, kommt aus Tel Aviv und ist Nachkomme von Holocaust-Überlebenden. Der 24-Jährige ist nach Berlin gezogen, obwohl seine Mutter einst über 20 Verwandte in deutschen KZ verloren hat.

"Die Leute, die hier, jetzt, in Deutschland wohnen, die jüngere Generation, haben damit eigentlich nichts zu tun. Und ich bin auch der Meinung, dass genau so auch viele andere Israelis denken, wenn nicht die meisten. Mittlerweile ist Deutschland sehr sehr populär in Israel geworden. Das hat sich verändert. Das hat sich richtig verändert."

Shay trägt kurze schwarze Haare, einen Dreitagebart und ein Silberpiercing über dem linken Auge. Der Politik-Student singt in seiner Freizeit Popsongs auf Hebräisch und Englisch – und arbeitet an einer Künstlerkarriere. In der Metropole Berlin finde er viele Mitstreiter und Aufnahmestudios, erklärt er. Und in der Jüdischen Gemeinde sei er ein gern gesehener Sänger. Anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung Israels durfte er sogar auf dem Berliner Gendarmenmarkt singen.

"Also ich habe da die Nationalhymne von Israel gesungen, Hatikva. Und einfach da zu stehen, im Zentrum von Berlin, draußen, vor so vielen Leuten – also ich habe Gänsehaut bekommen. Einfach daran zu denken, dass vor 70 Jahren genau da Hitler stand. Und auch mit meinem Hintergrund von meiner Familie, dann fand ich das sehr aufregend, also das war ein starkes Ereignis."

Ortswechsel. Freitagnachmittag im Offenen Kanal der Hauptstadt: Kol Berlin geht auf Sendung, die Stimme Berlins. Ein einzigartiges Radiomagazin über das Leben an der Spree sowie über Politik, Religion und israelische Kultur.

"Danke, danke. Verantwortlich für diese Sendung bin ich, Shai Friedman. Schalom vuchim haschavim …"

Moderator Shai Friedman ist 26 Jahre alt und stammt aus Jerusalem. Der Nachwuchs-Journalist wollte in die weite Welt und eine neue Sprache lernen – so ging er nach Deutschland. Obwohl seine Großeltern früher im Konzentrationslager Theresienstadt waren.

"Niemand von meiner Familie spricht darüber. Meine Oma und mein Opa – sie wollen es nicht noch mal aufleben lassen. Es war zu schwer. Es tut weh. Aber ich fand dieses Thema immer ein Teil meiner Lebensgeschichte. Und wegen das Fakt, dass meine Großeltern darüber nicht gesprochen haben, muss ich mehr recherchieren und mehr finden und mehr darüber diskutieren."

Friedman stößt in der Hauptstadt immer wieder auf Spuren der NS-Zeit. Manchmal – wenn er an einer Altberliner Imbissbude steht - stellt er sich vor, wie dort einst SS-Leute standen. Und ebenfalls Würstchen aßen. Das erscheine ihm irgendwie absurd, sagt er. Der Israeli freut sich über das neue, jüdische Leben an der Spree. Etwa wenn deutsche Juden am Brandenburger Tor das Chanukka-Lichterfest feiern.

"Wenn man denkt, dass die Nazis da Paraden hatten und jetzt sehe ich Kerzen, Chanukka-Kerzen da. Es ist schon … es ist absurd, aber ich finde es eine positive Absurd."

Berlin-Friedrichshain, in einer typischen Wohngemeinschaft - mit einem Riesen-Stadtplan an der Wand und Bergen von leeren Bierflaschen. In der Küche beseitigt eine junge, dunkelhaarige Frau Partyreste. Sie heißt Shiri Rosen, ist 21 Jahre alt und kam im vergangenen Herbst aus der Nähe von Tel Aviv an die Spree. Der Grund: Ihre Urgroßeltern und Großeltern haben hier früher gelebt. Bis sie 1933 aus Berlin fliehen mussten. Die Verfolgten brachten dann in Israel ihren Enkeln die deutsche Kultur nahe.

"Von Erich Kästner habe ich 'Emil und die Detektive' kennengelernt und 'Das doppelte Lottchen', 'Das fliegende Klassenzimmer'. Und bei uns – weil niemand hat aus KZ gekommen - wir konnten viel mehr über diese Thema sprechen."

Shiri Rosen nimmt Deutschstunden und will bald Drehbuch-Dramaturgie studieren. Derzeit lebt sie von Hartz IV. Da sie von deutschen Holocaust-Überlebenden abstammt, hat sie ohne Schwierigkeiten einen deutschen Pass bekommen. Ein Artikel im deutschen Grundgesetz macht dies möglich. Den Pass hatten Shiris Eltern während der zweiten Intifada beantragt, im Jahr 2000.

"Wenn die Intifada war, gab es viele Leute in Israel, die deutschen und europäischen Passport bekommen wollten. Weil niemand wusste genau, was mit Israel passiert. Sie wollten eine Sicherheit haben. Und okay, auch das Studium in Europa kostet nicht so viel oder gar nicht, und auch Berlin ist eine ganz tolle Stadt."

Israelischer Stammtisch in Berlin-Schöneberg, im Café des Hotels Artim. Hier treffen sich einmal im Monat Einwanderer, um Wohnungs- und Jobtipps auszutauschen, Hebräisch zu sprechen und Humus zu essen. Organisator Ilan Weiss, der bereits seit Jahrzehnten in Deutschland lebt, beobachtet, dass immer mehr seiner Landsleute an die Spree ziehen:

"Es ist 90 bis 95 Prozent wirtschaftliche Gründe, weshalb man herkommt. Und man muss es aber nicht so verstehen, dass man in Israel hungert und hier kriegt man alles umsonst. Es ist einfacher hier zu leben als in Israel, wirtschaftlich. Und deswegen kommen die Leute."

Laut Weiss haben es vor allem die Künstler in Israel schwer. In Deutschland könnten sie leichter Sozialhilfe bekommen oder einen Job finden, erklärt er. Der Nahostkonflikt spiele dagegen nur in Ausnahmefällen eine Rolle.

"Es sind nur wenige Israelis, die wegen Krieg und Terror das Land verlassen. Jedes Kind sieht seinen Vater, sein Bruder, sein Onkel, in Uniform. Daher ist die politische Lage und die Kriege, die damit verbunden sind, ein Alltag in Israel. Man wächst damit auf."

Berlin hat mittlerweile eine kleine israelische Szene. Neben dem Stammtisch und der hebräischen Sendung beim Offenen Kanal gibt es auch israelische Shops und Restaurants. Die Einwanderer haben längst auch eine eigene Homepage. Sie heißt www.derberliton.de und informiert sowohl über Politik im Nahen Osten als auch über Kulturevents in Berlin. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft freut sich über den Zustrom aus Israel. Die Vereinigung betont, dass neben den Zuwanderern auch viele israelische Touristen und Geschäftsreisende herkommen - allein im vergangenen Jahr waren es 140.000. Jochen Feilcke, der Vizepräsident der Gesellschaft, spricht von einer sensationellen Aussöhnung:

"In der Anfangszeit Israels, da durfte kein Regierungsmitglied ein deutsches Auto fahren. Heute ist es selbstverständlich, dass deutsche Autos in Israel gefahren werden. Früher bekam man in Israel einen Pass, in dem stand, dass dieser Pass zum Besuch aller Länder berechtigt – mit Ausnahme Deutschlands. Heute ist Deutschland eben eines der beliebten, wenn nicht das beliebteste Reiseziel in Europa."

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