Seit 00:05 Uhr Literatur

Sonntag, 18.11.2018
 
Seit 00:05 Uhr Literatur

Fazit | Beitrag vom 23.10.2018

Julian Reichelt bekommt "Goldene Kartoffel"Ein Meister der Panik-Schlagzeile

Konstantina Vassilou-Enz im Gespräch mit Vladimir Balzer

Beitrag hören Podcast abonnieren
«Bild»-Digital-Chefredakteur und Vorsitzender der «Bild»-Chefredaktionen, Julian Reichelt, kommt am 07.02.2017 zum Pre-Berlinale-Dinner «Place to B» in Berlin. (dpa / Jörg Carstensen)
Julian Reichelt, der Chefredakteur der Bild-Zeitung, ist der erste Journalist, der mit dem neuen Medienpreis "Goldene Kartoffel" ausgezeichnet wurde. (dpa / Jörg Carstensen)

Journalisten mit und ohne Migrationshintergrund gründeten vor zehn Jahren den Verein "Neue Deutsche Medienmacher". Zum Jubiläum wurde ein Medienpreis vergeben, der es in sich hat: "Die goldene Kartoffel". Erster Preisträger ist "Bild"-Chef Julian Reichelt.

Erstmals vergibt der Verein Neue Deutsche Medienmacher den Medienpreis "Die Goldene Kartoffel" für besonders einseitige oder missratene Berichterstattung über Aspekte der Einwanderungsgesellschaft. Preisträger dieser Negativauszeichnung ist Bild-Chefredakteur Julian Reichelt.

Unter Julian Reichelts Führung habe die Bild-Zeitung nochmal einen "besonderen Drall" bekommen und dafür werde er mit der Goldenen Kartoffel ausgezeichnet, sagt Konstantina Vassilou-Enz im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur.

"Weil er alles macht, wogegen wir uns vor zehn Jahren gegründet haben", erläutert Vassilou-Enz, Geschäftsführerin des Vereins Neue Deutsche Medienmacher. Dazu gehöre einseitige Berichterstattung, vor allem über verschiedenste Aspekte, die unsere Einwanderungsgesellschaft angingen:

"Weil Vorurteile und Stereotype transportiert werden und weil oft Panik gemacht wird und doppelte Standards angelegt werden." 

Billige Panikmache

Beispielsweise mit der Bildserie zum Thema "So unsicher ist Deutschland": 

"Und das zu einer Zeit, in der die Kriminalitätsstatistiken so weit unten sind, wie selten zuvor."

Auch Schlagzeilen wie "Nur noch Islamkunde statt evangelischer Religion" gehörten zur Panikmache, auch wenn sich der Artikel selbst dann als harmloser entpuppt habe, als die Schlagzeile vermuten ließ. 

"Wir sind an Julian Reichelt mit der ersten goldenen Kartoffel einfach nicht vorbeigekommen."  

Guter Boulevardjournalismus

Natürlich zeichne Boulevardjournalismus auch das Zuspitzen und Vereinfachen aus. Dieser sollte im Ideal auf unterhaltende Weise und für alle verständlich über vielfältige Themen berichten, so Vassilou-Enz.

"Aber unter Julian Reichelt sind die Themen wie 'Asyl' und 'Migration' und 'Flucht' ganz besonders hervorgehoben worden."

Themen, die die Gesellschaft bewegten, sollten aufgegriffen werden und dann – und das zeichne Journalismus aus – analysiert und eingeordnet werden. Anstatt, wie es die Bild-Zeitung unter Reichelts Führung mache, Ansichten populistisch wiederzugeben.

"Dafür ist ja Journalismus da: die Dinge einzuordnen, zu erzählen, woher sie kommen, die Geschichte dahinter zu zeigen."

Ursprünglich sei gar nicht geplant gewesen, eine Einzelperson mit dem Preis auszuzeichnen, sondern Themenkomplexe die nach Ansicht des Vereins in verschiedenen Medien "schief" dargestellt wurden. Doch genügend Kollegen aus dem Vereinsvorstand hätten befunden: "An Julian Reichelt kommen wir nicht vorbei."

Ausschlaggebend sei auch nicht das, was Reichelt als Journalist geleistet habe, etwa als Kriegsreporter in Afghanistan, sondern was er als Chef der Bild-Zeitung zu verantworten habe.

Stärken der Bild-Zeitung

An der Bild-Zeitung sei auch nicht alles schlecht: "Wir fanden schon immer, die Bild-Zeitung ist beispielhaft, um unsere vielfältige Gesellschaft abzubilden. Wenn es zum Beispiel um Umfragen geht, dann sind die ganz vorne und zwar schon sehr, sehr lange mit dabei, wenn es darum geht Menschen mit Migrationshintergrund zu ganz normalen Alltagsthemen zu befragen und zu Wort kommen zu lassen."

Eingewanderte Kartoffel

Bei der Suche nach einem passenden Namen habe man die Kartoffel besonders passend für die Auszeichnung gefunden:

"Sie ist für besonders unterirdische Berichterstattung, weshalb die Kartoffel passt. Zum anderen ist es auch so, dass die Kartoffel selbst eine Einwanderungsgeschichte hat, obwohl sie heute stellvertretend für die deutsche Küche steht. Die Kartoffel stammt ja aus Südamerika."

Mehr zum Thema:

Skandalisierung von politischen Ereignissen - Narrative des Niedergangs
(Deutschlandfunk Kultur, Breitband, 6.10.2018)

Medien-ABC - Boulevard: Journalismus über mehr oder weniger Prominente
(Deutschlandfunk, @mediasres, 2.8.2018)

Kommentar zur "Bild"-Zeitung - Der Krawallmodus wird ihr nicht helfen
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 16.7.2018)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDer Mickey, die Maus
 Micky Maus im Pop-Up-Museum «Mickey: The True Original Exhibition», einem Micky-Maus-Museum, das speziell zum 90. Geburtstags der Kult-Zeichentrickfigur vorübergehend eröffnet wurde. Die berühmteste Maus der Welt feiert Geburtstag: Vor genau 90 Jahren war Micky Maus in dem Zeichentrickfilm «Steamboat Willie» erstmals auf der Weltbühne zu sehen. Bis heute begeistert die Figur Kinder und Erwachsene - aber ihr Kommerz-Imperium ist bedroht. (picture alliance/Christina Horsten/dpa)

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat getagt und entschieden, das Gendersternchen nicht in den Duden aufzunehmen: Schon jetzt gebe es verschiedene Möglichkeiten für eine geschlechtergerechte Schreibweise, erklärt die Duden-Chefredakteurin in der "FAZ".Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 9Überwältigende Übergänge
Die Schauspielerin Sesede Terziyan (als Elisabeth) steht am 10.01.2018 in Berlin bei der Fotoprobe zu dem Stück "Glaube Liebe Hoffnung" im Maxim Gorki Theater auf der Bühne. (picture alliance / Britta Pedersen / dpa)

Ist das "Postmigrantische Theater" ein Erfolg? Wie erlebten jüdische Bühnenkünstler Deutschland eigentlich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil? Im Theaterpodcast #9 schauen wir auf einschneidende Übergänge und erinnern an den verstorbenen Theaterkritiker Dirk Pilz.Mehr

Folge 8"Siegreich" und "schiffbrüchig"
Porträt der Kulturmanagerin Adolphe Binder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Was steckt hinter der Theaterkrise in Wuppertal und den Vorwürfen gegen Jan Fabre? Warum sind die Arbeiten des Regisseurs Jürgen Gosch so unvergesslich? Im September-Theaterpodcast schauen wir auf "siegreiche" und "schiffbrüchige" Theatermacher.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur