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Interview | Beitrag vom 06.04.2021

Julian Nida-Rümelin zur CoronakriseEs gibt kein Leben ohne Risiko

Moderation: Dieter Kassel

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Der Philosoph Julian Nida-Rümelin im Porträt vor schwarzem Hintergrund. (imago / C. Hardt /  Future Image)
Nach welchen Kriterien kämpfen wir gegen die Pandemie? Das sei unklar, kritisiert der Philosoph Julian Nida-Rümelin. (imago / C. Hardt / Future Image)

Julian Nida-Rümelin plädiert dafür, sich mit der "Realität des Risikos" von Corona stärker auseinanderzusetzen: Welche Risiken wollen wir tragen, welchen Preis zahlen? Der Philosoph fordert, "kohärent" zu handeln und klare Kriterien zu bestimmen.

Die Coronakrise wirft ein Schlaglicht auf den Umstand, dass es kein Leben ohne Risiko gibt. An viele Risiken haben wir uns bereits gewöhnt – zum Teil seien wir bereits seit Jahrhunderten mit ihnen vertraut, sagt der Philosoph Julian Nida-Rümelin. Als Beispiel nennt er die Grippe. Aber auch neuere Risiken seien inzwischen gesellschaftlich akzeptiert, so wie der Verkehr – oder auch die Möglichkeit, bei bestimmten Sportarten wie dem Reiten oder Tauchen zu Schaden zu kommen.

Wenn aber ein neues Risiko auftauche, und es nur einseitige Informationen gebe, die nicht in einen Gesamtzusammenhang eingebettet würden, reagierten die Menschen erst einmal verunsichert, sagt Nida-Rümelin, der gerade zusammen mit der Kulturwissenschaftlerin Nathalie Weidenfeld ein Buch über "die Realität des Risikos" veröffentlicht hat.Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter

"Es entstehen sofort extreme Reaktionen", hat Nieda-Rümelin beobachtet. "Die einen haben vor allem Angst. Die anderen leugnen das Risiko. Das Spektrum ist extrem breit, und es wird dann schwierig, eine gesellschaftliche, politische Praxis zu entwickeln, die vernünftig ist."

Nida-Rümelin plädiert vor diesem Hintergrund dafür, dass wir uns mehr als bisher mit dem Risiko auseinandersetzen. Welches Risiko wollen wir tragen, welches nicht? Und welchen Preis wollen wir für bestimmte Risiken zahlen? Keine einfache Frage. Denn wenn eine Gesellschaft immer alles nur Mögliche tun würde, um jedes Menschenleben bedingungslos zu schützen, würde sie nicht vital bleiben, sagt Nida-Rümelin.

Menschenleben ist von unschätzbarem Wert

Man dürfe ein Menschenleben nicht verrechnen und mit einem monetären Wert belegen, wie es das britische Gesundheitssystem beispielsweise tue, so der Philosoph: "Das lehne ich ab." Erst einmal sei ein Leben von unschätzbarem Wert.

Man könne deswegen auch nicht ein Leben gegen ein anderes verrechnen oder eines opfern, um vier zu retten, betont der ehemalige Staatsminister für Kultur im Bundeskanzleramt: "Aber jetzt kommt das große Aber: Wenn wir sagen, daraus folgt, dass alles unternommen werden muss – egal, welche Folgen das ansonsten hat –, um Menschenleben zu schützen, dann würde das am Ende dazu führen, dass wir überhaupt nicht mehr gesellschaftlich vital bleiben."

Unklare Kritierien bei Coronamaßnahmen

Man könne nicht bei jeder saisonalen Grippe mit einem Lockdown reagieren, sagt Nida-Rümelin: "Das würde zu Recht nicht akzeptiert werden." Man müsse also immer überlegen, ob die Maßnahmen gegen ein Risiko "kohärent" beziehungsweise verhältnismäßig seien. Und dafür müsse es dann klare Kriterien geben.

Hier sieht Nida-Rümelin ein wesentliches Problem der aktuellen Pandemiepolitik: "Die Kriterien sind von Anbeginn bis heute unklar und sie schwanken, oder sie sind irrational wie zum Beispiel die alleinige Fixierung auf Inzidenzen."

(ahe)

Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfeld: "Die Realität des Risikos. Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren"
Piper, München 2021
224 Seiten, 24 Euro

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