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Buchkritik | Beitrag vom 04.12.2019

Julian Barnes: "Kunst sehen"Im Plauderton durch die Kunstgeschichte

Von Eva Hepper

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Buchcover zu Julian Barnes: Kunst sehen (Kiepenheuer & Witsch)
Wenn Julian Barnes über Kunst schreibt, ist das ein Lesegenuss für das Publikum. (Kiepenheuer & Witsch)

Von Théodore Géricault über Édouard Manet und Georges Braque bis hin zu Lucian Freud und seinem Freund Howard Hodgkin. Julian Barnes’ aktuelles Buch versammelt Texte zu Kunst und Künstlern aus über 25 Jahren.

Édouard Manets Fassungen der "Erschießung des Kaisers Maximilian" (1868/69) und "Die Erschießung der Aufständischen" von Francisco de Goya (1814) wurden oft miteinander verglichen. Beide Künstler zeigen das Motiv mit den Verurteilten links und den Gewehr anlegenden Soldaten rechts im Bild. Doch während Manet den Augenblick festhält, in dem die erste Salve abgefeuert wird, malt Goya seine revoltierenden Landsleute sowohl mit erhobenen Armen stehend, als auch in ihrem Blut am Boden liegend.

Die Verwandtschaft zwischen diesen ikonischen Gemälden beschäftigt auch Julian Barnes, der originell die Szenerien betrachtet. Tatsächlich widmet sich der große Literat zunächst den Füßen der Soldaten. Und so erblickt er bei Goya "harte Knöchel" und "Unterdrückerbeine", während er Manets Feuernde mit Golfspielern vergleicht, die ihren "Körper im Bunker ins Gleichgewicht" bringen. "Man kann sich beinahe vorstellen, wie der Unteroffizier seinen Leuten sagte, sie sollten die Füße entspannen, dann die Knie, dann die Hüften, so tun als wollten sie einfach Rebhühner oder Waldschnepfen jagen. Diese Schützen sind kein Killerkommando wie bei Goya!"

Auswahl aus 25 Jahre Kunstbetrachtung  

Treffend und Augen öffnend schreibt Julian Barnes seit Jahrzehnten über Kunst. Mal lässt er die Kunst als solche eine zentrale Rolle in seinen Büchern spielen – etwa Théodore Géricaults "Floß der Medusa" in "Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln" (1989) – dann wieder widmet er sich einzelnen Künstlern in Texten für den Guardian oder die Weltwoche. Nun sind 17 von ihm selbst ausgewählte Stücke aus fast 25 Jahren in diesem Buch versammelt.

In "Kunst sehen" erzählt der 1946 in Leicester geborene Barnes vor allem von seinen französischen Lieblingskünstlern. Er schreibt über Delacroix, Courbet und Manet, über Cezanne, Degas und Braque und macht auch Ausflüge in die Popart und Gegenwartskunst zu Werken von Claes Oldenburg, Lucian Freud oder seinem Freund Howard Hodgkin.

Biografisches vermischt mit Bildbetrachtungen 

Dabei gelingen dem Autor hinreißende Studien, in denen sich Biografisches und Bildbetrachtungen miteinander verschränken. Hymnisch beschreibt Barnes etwa den eigentlich zurückhaltenden Cézanne, der seine Modelle jedoch bei der kleinsten Bewegung anfuhr und Porträts wie Stillleben malte. Degas weiß er beredt gegen Anfeindungen wegen angeblicher Frauenfeindlichkeit zu verteidigen. Freud hingegen mag der Kunstliebhaber wegen tatsächlicher Misogynie nicht mehr unschuldig betrachten.

Barnes wandert in einem fast plaudernden Tonfall durch die Kunstgeschichte; unzählige Anekdoten, viel Seherfahrung und enormes Wissen zieht er dabei wie Asse aus dem Ärmel. Und auch die Ideen berühmter Kollegen wie etwa Zola, Baudelaire oder Pound fließen in seinen eigenen Gedankenstrom mit ein.

"Eine künstlerische Form durch eine andere zu erklären, ist monströs", zitiert er am Ende gar Flaubert, der außer in privaten Briefen und Tagebüchern nicht literarisch auf die bildende Kunst reagieren wollte. Wie schön, dass Julian Barnes das öffentlich tut - es ist ein Genuss für Kenner und für Laien!

Julian Barnes: "Kunst sehen"
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
352 Seiten, 25 Euro

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