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Buchkritik | Beitrag vom 12.01.2021

Julian Barnes: "Der Mann im roten Rock"Wimmelbild der Belle Époque

Von Sigrid Löffler

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Cover des Buchs "Der Mann im roten Rock" von Julian Barnes vor einem Aquarellhintergrund mit orangenen Farbflächen (Kiwi  Verlag / Deutschlandradio)
Patchwork aus Klatsch und Tratsch, Streitereien, Duellen aus nichtigem Anlass und allerhand ästhetischen und sexuellen Exzessen: So beschreibt Julian Barnes die Belle Époque. (Kiwi Verlag / Deutschlandradio)

"Der Mann im roten Rock" ist ein Frauenarzt zur Zeit der Belle Époque in Paris - nicht nur als Mediziner, sondern auch als Salonlöwe und Schürzenjäger berühmt. Anhand seiner Geschichte erzählt Julian Barnes von einer Zeit der Instabilität und Krisen.

In seinem 24. Buch (und seinem achten Non-Fiction-Werk) wendet sich der britische Erzähler, Essayist und Frankreich-Liebhaber Julian Barnes, Jahrgang 1946, seiner historischen Lieblings-Epoche zu – der französischen Belle Époque, den üppigen Friedensjahren zwischen 1870 und 1914. "Der Mann im roten Rock" ist Barnes‘ sehr persönliche Meditation über dieses Zeitalter.

Er beschreibt die Belle Époque eher formlos als großes gesellschaftliches, literarisches und künstlerisches Wimmelbild, ein Patchwork von Anekdoten, Klatsch und Tratsch, Eifersüchteleien, Streitereien, theatralischen Skandalen, albernen Duellen aus nichtigem Anlass und allerhand ästhetischen und sexuellen Exzessen, das Ganze durchsprenkelt mit Auftritten vieler berühmter und berüchtigter Prominenter der Epoche, von Maupassant und Oscar Wilde bis Marcel Proust.

Getarnt hinter dem eleganten Plauderton dieses Großessays verbirgt sich allerdings die gründliche Recherche-Arbeit des Autors, die auf Tagebüchern und Bekenntnissen von Zeitgenossen ebenso beruht wie auf Zeitungsartikeln, literarischen Zeugnissen und zahlreichen Porträts und Fotografien der damals tonangebenden Akteure. 

Zeitalter hysterischer nationaler Angst

Zu seinem Reiseführer in diese Ära erwählt Barnes den titelgebenden "Mann im roten Rock": Dr. Samuel Pozzi, der Kunstfreunden, wenn überhaupt, dann allenfalls von dem Porträt bekannt ist, das der amerikanische Society-Maler John Singer Sargent im Jahr 1881 von ihm gemalt hat. Das Porträt "Dr. Pozzi at home" zeigt den Pariser Frauenarzt, Chirurgen und Reform-Mediziner, Kunstsammler und Lebemann Pozzi im Alter von 35 Jahren – in einem scharlachroten Morgenmantel, der eher die herrscherliche Pose des berühmten Porträts von Kardinal Richelieu in seiner roten Prunkrobe zitiert als die Häuslichkeit eines bürgerlichen Pariser Arztes der vorletzten Jahrhundertwende aufzurufen.

Pozzi erweist sich als kluge Wahl, um für Julian Barnes den Türöffner für eine Epoche zu spielen, die uns scheinbar so fernliegt und doch manche interessanten Parallelen zu heute aufweist. Barnes definiert das französische Fin de Siècle als Zeitalter einer fast schon hysterischen nationalen Angst voller politischer Instabilität, Krisen und Skandale. Doch die "dekadente, hektische, gewalttätige, narzisstische und neurotische Belle Époque" brachte auch weltoffene Freidenker sowie liberale Reformer und Politiker wie Dr. Pozzi hervor.

Aufstieg in höchste Kreise der Gesellschaft

Pozzi war weit mehr als nur ein Pariser Salonlöwe und Mode-Arzt der High Society, der große gesellschaftliche Talente wie Charme, Empathie und Taktgefühl besaß und obendrein nach Ansicht der Prinzessin von Monaco auch noch "ekelhaft gut" aussah. Marcel Prousts Vater war sein Patient, die Schauspiel-Diva Sarah Bernhardt war seine Patientin, aber auch seine Mätresse. Er war auch der Arzt des Hauptmanns Dreyfus und selbstverständlich als Prozessbeobachter auf seiner Seite.

Pozzi war ein Bourgeois aus der Provinz, Sohn eines protestantischen Pfarrers in Bergerac mit italienischen Wurzeln, aber er schaffte kraft Talent und Tüchtigkeit und dank des Vermögens seiner Frau den Aufstieg in die höchsten Kreise der französischen Gesellschaft.

Notorische Affären

Seine Ehe war unglücklich, seine Seitensprünge waren Stadtgespräch, seine Tochter haderte in ihrem Tagebuch erbittert mit ihrem untreuen Vater. Pozzi war bestens vernetzt mit der Welt dekadenter Aristokraten, Ästheten, Dandys, Snobs, Künstler und Exzentriker, in deren Kreisen er verkehrte. In diesen Kreisen sammelte man Kunst, kostümierte sich extravagant, klatschte bösartig, hatte notorische Affären, malte Porträts, duellierte sich permanent, schrieb Schlüsselromane und frönte jedem nur denkbaren körperlichen Genuss.

Darüber hinaus allerdings war Pozzi ein rationaler und disziplinierter Mann der Moderne. Er übersetzte Darwin und verstand es, seine intellektuelle Neugier, sein Arbeits-Ethos und sein Engagement für den wissenschaftlichen Fortschritt mit umfassendem Lebensgenuss zu verbinden. Wie Barnes im Nachwort schreibt, verbrachte Pozzi "sein Leben mit Medizin, Kunst, Büchern, Reisen, Gesellschaft, Politik und so viel Sex wie nur möglich".

Von einem Patienten erschossen

Vor allem Pozzis Leitspruch "Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz" hat es Barnes, dem überzeugten Europäer und Brexit-Gegner, angetan. Pozzi ist sein Held vornehmlich als Pionier der modernen Medizin und als vorbildlicher Europäer, der die Welt bereiste, um vom Ausland zu lernen und das Gelernte zu Hause umzusetzen – namentlich als segensreiche Reformen in seinem Fach, der Frauenheilkunde.

Pozzis Ende war melodramatisch: Er wurde 1918 in seinem Sprechzimmer von einem Patienten erschossen. Julian Barnes kann sich nur wundern: "Ein Don Juan, erschossen von einem Mann, der ihm vorwarf, ihn nicht von seiner Impotenz geheilt zu haben: Soll das eine Moralpredigt sein?" So entlässt Julian Barnes seine Leser mit einem nachdenklichen Schlenker über ein paradoxes Finale, das sich kein Romanschreiber gestatten dürfte, das sich die Realität aber sehr wohl erlauben darf.

Julian Barnes: "Der Mann im roten Rock"
Aus dem Englischen von Gertrude Krueger
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
302 Seiten, 24 Euro

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